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Gesellschaft & Politik

Wahlen 2023: Das waren die grössten Überraschungen

Das sind die grössten Überraschungen des Wahlsonntags

23.10.2023, 05:4923.10.2023, 11:05
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Gemessen an den Prognosen der Politologen und den Umfragen der Institute gab es bei der Wahl vom Sonntag wenig Unerwartetes. Blickt man hingegen etwas näher auf einzelne Schauplätze, so gab es doch ein paar erstaunliche Ergebnisse.

Eine Auswahl:

Zwei neue SP-Nationalräte in Zürich

Mit Anna Rosenwasser und Islam Alijaj ziehen zwei neue SP-Nationalräte für den Kanton Zürich ins Bundeshaus ein.

Polit-Influencerin und Aktivistin Anna Rosenwasser hat für die SP den Sprung in den Nationalrat geschafft. Sie profitiert davon, dass die SP um 3,83 Prozentpunkte zulegte, was zu einem zusätzlichen Sitz führte. Rosenwasser gelang dabei ein seltenes Kunststück: Sie «rutschte» vom Listenplatz 20 auf den 8. Platz und damit gleich ins Bundeshaus.

Gegenüber watson erzählt die Aktivistin, wie gross auch ihre eigene Überraschung war:

Ebenfalls gewählt ist für die SP Inklusionspolitiker Islam Alijaj. Sein Ziel ist eine «Behindertenrevolution»: Alijaj kämpft dafür, dass Menschen mit Behinderungen in der Schweiz komplett gleichgestellt sind. Der SP-Politiker politisiert seit 2022 im Zürcher Stadtparlament. Mit seiner Wahl ist Islam Alijaj der erste SP-Nationalrat mit Zerebralparese – und der erste Nationalrat mit kosovarischen Wurzeln überhaupt.

Islam Alijaj, Praesident Verein Tatkraft, spricht an einer Medienkonferenz zur Lancierung der eidgenoessischen Volksinitiative "Fuer die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen (Inklusions- ...
Islam Alijaj politisiert seit 2022 im Zürcher Stadtparlament.Bild: keystone

Gewichtige Abgänge bei den Linken

Meret Schneider sass vier Jahre lang im Nationalrat, nun konnte sie ihren Sitz nicht verteidigen. Die 33-Jährige setzt sich für Tier- und Umweltschutz ein und ist bekannt als Veganerin, die aber nicht immer auf Parteilinie politisierte und auch mal Brücken schlagen konnte – zum Beispiel mit den Bauern. Mit 47 eingereichten Motionen war sie die Rekordhalterin der noch laufenden Legislatur.

Zuletzt sorgte Meret Schneider für Schlagzeilen, als sie von der Plattform X gesperrt wurde. Eben dort äusserte sie sich am Sonntagabend zu ihrer Abwahl, die «brutal schmerzhaft» sei.

Auch mit Natalie Imboden, Nationalrätin aus Bern, verliert die Partei ein bekanntes Gesicht. Imboden ist Generalsekretärin des Mieter:innen-Verbands. Nach ihrer Abwahl habe sie keinen «Plan B», sagte Imboden gegenüber dem «Bund».

Natalie Imboden, Nationalraetin GP-BE, spricht bei einer Veranstaltung zum Tag der Arbeit, am Montag, 1. Mai 2023 auf dem Bundesplatz in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)
Nathalie Imboden aus Bern. Bild: keystone

Auch der Basler SP-Nationalrat Mustafa Atici hat am Sonntag die Wiederwahl in den Nationalrat nicht geschafft, seine Abwahl gilt als eine der grösseren Überraschungen. Atici galt für eine Weile als möglicher Bundesratskandidat, ehe er sich im September doch noch zurückzog.

Nationalratskandidatin Sarah Wyss (SP, bisher), links, und Nationalratskandidat Mustafa Atici (SP, bisher), rechts, bei der Bekanntgabe der Zwischenresultate im Wahlforum fuer den Kanton Basel-Stadt a ...
Mustafa Atici am Sonntag. Bild: keystone

Petra Gössi schafft Historisches

Die Schwyzer FDP-Nationalrätin Petra Gössi hat Othmar Reichmuth (Mitte) aus dem Ständerat gedrängt. Gössi ist damit die erste Frau, die vom Kanton Schwyz ins «Stöckli» geschickt wird. Ausserdem verdrängt sie mit Reichmuth einen amtierenden Ständerat, was eher aussergewöhnlich ist.

Als Parteipräsidentin hatte die Schwyzerin weniger Erfolg: An der Spitze der FDP versuchte sie, ihrer Partei einen grüneren Anstrich zu geben – vergeblich. Gössi erklärte nach dem Volks-«Nein» zum CO₂-Gesetz ihren Rücktritt. Ihrer eigenen Politkarriere scheint dieser Schritt hingegen keinen Abbruch getan zu haben.

Neben Gössi schaffte auch ein zweiter Ständerat seine Wiederwahl nicht. Der Neuenburger Freisinnige Philippe Bauer muss dem Sozialdemokraten Baptiste Hurni überraschend Platz machen. Bauers Wiederwahl galt als gesetzt – auch wenn er selber einige Zweifel äusserte. Für die Abwahl gab Bauer der starken Mobilisierung von links und dem Proporzsystem die Schuld.

Le candidat Philippe Bauer (PLR), lors des elections federales du Conseil national et du Conseil des Etats, ce dimanche 22 octobre 2023 a Neuchatel. Les citoyens suisses se rendent aux urnes pour reno ...
Philippe Bauer wurde überraschend abgewählt. Bild: keystone

SVP-Parteipräsident Chiesa muss in den zweiten Wahlgang

Marco Chiesa, Parteipraesident SVP und Staenderat SVP-TI, wird geschminkt, kurz vor der Elefantenrunde der Parteipraesidenten, im Vorzimmer des Nationalrats, am Wahltag der Eidgenoessischen Parlaments ...
Chiesa am Sonntagabend vor der Elefantenrunde beim SRF.Bild: keystone

Viele Ständeräte wurden am Sonntag im ersten Wahlgang gewählt, der Präsident der grössten Schweizer Partei – und der grossen Wahl-Gewinnerin – aber gehört nicht dazu: Marco Chiesa hat zwar in seinem Kanton Tessin die meisten Stimmen geholt, trotzdem reicht es ihm nicht auf Anhieb zur Wiederwahl ins Stöckli. Es kommt zu einem zweiten Wahlgang am 19. November. Zwar wurde im Vorhinein spekuliert, dass es eng werden könnte – trotzdem ist es ein Zeichen dafür, dass ihm die Tessiner Bevölkerung (noch) nicht ihr vollstes Vertrauen entgegenbrachte.

Die vollste Wahlkampfkasse der Schweiz bringt keinen Erfolg

Trotz Rekord-Wahlkampfbudget hat der Zürcher EVP-Kandidat Donato Scognamiglio die Wahl in den Nationalrat nicht geschafft. Scognamiglio investierte stolze 365'000 Franken in seinen Wahlkampf. Es war die landesweit höchste Summe für eine Einzelperson im Nationalratswahlkampf.

Donato Scognamiglio EVP
Donato Scognamiglio hat für die EVP kandidiert. Bild: Alex Spichale

Genützt hat es dem Wirtschaftsprofessor, Immobilienexperten und Schlossherren wenig: Er holte nur 17'924 Stimmen. Damit landete er auf dem zweiten Platz der EVP-Liste. Gewählt wurde erneut Nik Gugger.

Grosse Verschiebungen bei den Kleinparteien

Die EVP verliert den Sitz ihrer Parteipräsidentin, die Genfer Protestpartei Mouvement Citoyen Genevois (MCG) feiert ein Comeback, die Partei der Arbeit (PdA) verliert ihren letzten Mann im Parlament und Mass-Voll scheitert – bei den Kleinen hat sich was getan.

Die EVP – derzeit Teil der Mitte-Fraktion – verliert mit Parteipräsidentin Lilian Studer (AG) einen ihrer drei Sitze.

Überhaupt nicht mehr vertreten im Nationalrat sind die Partei der Arbeit (PdA) und das Linksbündnis Ensemble à Gauche (EàG); sie verloren ihre beiden Sitze.

Denis de la Reussille, Nationalrat PdA-NE, spricht waehrend einer Medienkonferenz zu den Wahlen 2023, am Mittwoch, 13. September, 2023 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)
Denis de la Reussille, Nationalrat für die PdA aus Neuenburg, ist abgewählt. Bild: keystone

Vom Jahrhundertereignis Covid-Krise bleibt auf parlamentarischer Ebene schon kurze Zeit danach gar nichts mehr. Weder die Bürgerbewegungen Mass-Voll noch Aufrecht konnten die Proteststimmung aus den Corona-Jahren in Sitze ummünzen.

Nicolas Rimoldi, Praesident "Mass Voll" gibt ein Interview, bei der Einreichung des Referendums gegen das Covid-Gesetz, am Donnerstag, 30. Maerz 2023 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)
Kein Erfolg: Nicolas Rimoldi. Bild: keystone

Ebenfalls auffallend ist das Comeback des MCG im Kanton Genf. Die Protestpartei war bereits von 2011 bis 2019 in der grossen Kammer vertreten. Die personelle Zusammensetzung der neuen MCG-Vertretung im Nationalrat wird vom Ergebnis des zweiten Wahlgangs der Ständeratswahlen abhängen.

Mauro Poggia, candidat MCG a l'election au Conseil aux Etats, parle a une journaliste a Uni Mail le lieu de depouillement centralise des bulletins de vote du canton de Geneve, lors de la journee  ...
Mauro Poggia hat Chancen auf einen Sitz im Ständerat.Bild: keystone

Sicher ist: Der ehemalige Staatsrat Mauro Poggia, der von 2011 bis 2013 im Nationalrat gesessen hatte, und Roger Golay, der ihm bis 2019 gefolgt war, kehren unter die Bundeshauskuppel zurück. Poggia hat allerdings auch noch Chancen auf eine Wahl in den Ständerat.

(lak, mit Material der SDA)

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20 Kommentare
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Troxi
23.10.2023 06:56registriert April 2017
Eine weitere Überraschung ist den Prognosen widersprechend der Sitzgewinn der SP im Kanton Luzern. Alle schrieben, dass die SVP holt den 3. Sitz auf Kosten der GLP. Stattdessen hat nun die SP 2. Sitze und das erstmals überhaupt.
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Macca_the_Alpacca
23.10.2023 08:24registriert Oktober 2021
Die grösste Überraschung ist, dass im Berner Oberland die EDU in manchen Gemeinden bis zu 10% dazu gewinnt. In den USA nennt man Gruppen wie die EDU Right Wing Christians. Ein steinzeitliches Weltbild gepaart mit einer rechten Gesinnung. Völlig und absolut uncool.
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