8 Erkenntnisse zur Gesundheit der Schweizer Jugend
In der Schweiz aufzuwachsen, gilt gemeinhin als Privileg. Blickt man auf die harten medizinischen Fakten, stimmt das auch: Die Sterblichkeitsrate bei Kindern und Jugendlichen ist historisch tief. Doch hinter der glänzenden Fassade lauern ernsthafte Probleme.
Der aktuelle nationale Bericht «KidsHealthCH» des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) zeigt, dass die heranwachsende Generation psychisch wie auch physisch stark belastet ist. Von 100 Indikatoren zeigen 9 eine positive Entwicklung, 23 eine negative Entwicklung, 47 sind stabil oder ohne klaren Trend, 6 sind nicht bewertet, und bei 15 bestehen Datenlücken. Besonders auffällig: Negative Entwicklungen häufen sich in der obligatorischen Schulzeit und in der Adoleszenz. Hier sind die acht wichtigsten Erkenntnisse im Überblick.
Das grosse Paradox: Subjektiv gesund, aber...
Die grosse Mehrheit der Kinder und Jugendlichen in der Schweiz schätzt die eigene Gesundheit als gut bis sehr gut ein. Bei den 1- bis 10-Jährigen sagen das laut ihren Eltern stolze 98,3 Prozent, und auch bei den 15- bis 24-Jährigen sind es in der Selbsteinschätzung 94,3 Prozent. Zudem ist die Todesfallrate bei den 0- bis 25-Jährigen seit den 1990er-Jahren um mehr als die Hälfte gesunken. Doch diese positive Gesamtbilanz täuscht darüber hinweg, dass das Wohlbefinden im Jugendalter zunehmend bröckelt.
Psychische Belastungen nehmen drastisch zu
Besonders beunruhigend entwickeln sich die Zahlen zur mentalen Gesundheit. Bei den 15- bis 24-Jährigen sind selbstberichtete, mittelschwere bis schwere Depressionssymptome seit 2017 um 45,8 Prozent angestiegen. Die allgemeine psychische Belastung schnellte im selben Zeitraum sogar um 58,5 Prozent in die Höhe. Betroffen ist heute rund ein Viertel beziehungsweise ein Fünftel der jungen Generation, wobei junge Frauen und sozial Benachteiligte die Hauptlast tragen.
Mehr Hospitalisierungen und Suizidversuche
Die psychische Not wird auch in den Spitälern festgestellt. Stationäre psychiatrische Behandlungen bei Mädchen und jungen Frauen unter 26 Jahren sind seit 2017 um 33,8 Prozent gestiegen. Noch deutlicher ist die Statistik bei den Notfall-Aufnahmen wegen mutmasslicher Suizidversuche: Diese haben sich bei den jungen Frauen seit 2017 verdoppelt (+100 Prozent). Bei den jungen Männern gab es ein Plus von 62,5 Prozent. Insgesamt sagen 4,7 Prozent aller 15- bis 24-Jährigen, dass sie in ihrem Leben bereits einen Suizidversuch unternommen haben.
Social Media, der digitale Stressfaktor
Als ein wesentlicher Treiber des emotionalen Drucks gilt die veränderte Lebensweise. Die problematische Nutzung von Social Media bei den 11- bis 15-Jährigen hat seit 2018 um 61,4 Prozent zugenommen – auch hier sind Mädchen besonders stark betroffen. Parallel dazu klagen Jugendliche immer häufiger über Begleiterscheinungen: Schlafstörungen bei den 15- bis 24-Jährigen sind seit 2017 um über ein Viertel (+27,6 Prozent) gestiegen.
Das digitale Fazit: Erhöhter Medienkonsum und sinkende Schlafqualität gehen bei vielen Jugendlichen Hand in Hand und verstärken die psychische Verwundbarkeit.
Gewichtsprobleme haben sich seit den 1990ern verdoppelt
Nicht nur die Psyche leidet, auch der Körper verändert sich. Der langfristige Trend zeigt: Übergewicht und Adipositas (schweres Übergewicht) haben sich seit den 1990er-Jahren in der Schweiz verdoppelt. Bei den 15- bis 24-Jährigen ist die reine Adipositas seit 2017 um 34,1 Prozent in die Höhe geklettert – ein erhebliches Risiko für chronische Krankheiten im späteren Erwachsenenalter.
Leistungsdruck, Mobbing und körperliche Beschwerden
Der Alltag in der Schule wird für viele zum Belastungstest. Die gefühlte Stressbelastung im Klassenzimmer ist bei den 11- bis 15-Jährigen seit 2017 um fast ein Drittel (+31,8 Prozent) gestiegen. Gleichzeitig nimmt das Mobbing zu: In der Schule gab es ein Plus von 9,5 Prozent, im Netz (Cybermobbing) explodierten die Zahlen sogar um 70,6 Prozent. Das hinterlässt Spuren: 35 Prozent leiden mittlerweile mehrmals pro Woche unter wiederkehrenden körperlichen Beschwerden wie Rücken-, Kopf- oder Bauchschmerzen (+38,5 Prozent). Die psychische Resilienz (Kontrollüberzeugung) sank im Gegenzug um ein Viertel (-25,4 Prozent).
Vapes boomen – Entwarnung bei Alkohol und Cannabis
Beim Konsum von Suchtmitteln zeigt sich eine deutliche Verschiebung. Klassische Suchtmittel verlieren an Boden: Der Konsum von Alkohol und Cannabis ist tendenziell rückläufig. Stattdessen greifen Jugendliche jedoch deutlich öfter zu neuartigen Tabak- und Nikotinprodukten. Der Konsum von E-Zigaretten (Vapes) stieg bei den 14- bis 15-Jährigen um knapp 30 Prozent, Snus verzeichnete gar ein Plus von 135,5 Prozent. Ein grosses Problem laut Bericht: Der Jugendschutz greift zu oft ins Leere, da die illegale Ab- und Weitergabe an Minderjährige zunimmt.
Die Lichtblicke: Mehr Fitness und gute Versorgung
Trotz der vielen Baustellen liefert das Monitoring auch positive Nachrichten: Die körperliche Aktivität von Kindern und Jugendlichen hat sich spürbar verbessert (+26,1 Prozent bei den 11- bis 15-Jährigen), und der Konsum von zuckerhaltigen Getränken geht zurück. Ausserdem sind die Durchimpfungsraten bei allen empfohlenen Impfungen auf einem extrem hohen Niveau (teilweise über 90 Prozent), und die Eltern stellen den Schweizer Spitälern bei Behandlungen ein hervorragendes Zeugnis aus.
Das Fazit
Der KidsHealthCH-Bericht macht unmissverständlich klar: Der Schweizer Jugend geht es materiell und medizinisch-technisch hervorragend, aber die psychische Gesundheit leidet erheblich. Der massive Anstieg von Depressionen, Spitalaufenthalten nach Suizidversuchen und digitalem Stress ist ein lauter Weckruf. Das BAG fordert deshalb eine engere, sektorübergreifende Zusammenarbeit und gezielte Massnahmen – insbesondere für Mädchen und sozial benachteiligte Jugendliche, die am stärksten unter Druck stehen.
• Herausgeber: Eidgenössisches Departement des Innern (EDI) / Bundesamt für Gesundheit (BAG), Abteilung Prävention NCD.
• Datenstand: März 2026 (beinhaltet aktuelle Kennzahlen sowie langfristige Trendanalysen seit den 1990er-Jahren).
• Fokus der Untersuchung: Kontinuierliche Erfassung und Analyse der physischen, psychischen und sozialen Gesundheit sowie des Gesundheitsverhaltens der heranwachsenden Generation in der Schweiz.
