Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Nicht operiert, aber trotzdem verrechnet: Chefarzt muss 45'000 Franken zurückzahlen

Der Verwaltungsrat des Kantonsspitals Baden verwarnt einen Arzt, weil dieser falsch abgerechnet hat. In mehr als einem Dutzend Fällen waren Honorarabrechnungen in der Orthopädie nicht korrekt – denn der Chefarzt nahm mehrfach nicht den gesamten Eingriff selbst vor.

Fabian Hägler / az Aargauer Zeitung



Hat ein Chefarzt im Kantonsspital Baden über Jahre hinweg Operationen verrechnet, die er gar nicht selber vornahm? Vor zwei Monaten machte die AZ diesen Verdacht publik, der auf Informationen und Dokumenten beruht, welche der Redaktion vorliegen. Demnach war der Arzt auf Operationsberichten aufgeführt, obwohl Eingriffe von anderen Ärzten ausgeführt wurden.

arzt operation OP saal

Ob der Chefarzt das Skalpell selber führt, ist nicht immer klar. (Symbolbild) Bild: shutterstock.com

In einer ersten Stellungnahme räumte das Kantonsspital ein, dass es zu fehlerhaften Abrechnungen gekommen sei. Zudem gab die Spitalleitung zwei Untersuchungen in Auftrag – Experten von PricewaterhouseCoopers (PwC) sollten Abrechnungen prüfen, ein externer Arzt die Frage klären, ob der Ehrenkodex zur Honorarabrechnung eingehalten wurde. Überdies führte das Kantonsspital die Regel ein, dass jeder Arzt seine Anwesenheit bei einer Operation mit seiner Unterschrift bezeugen muss.

Orthopädische Klinik betroffen

Nun sind die Untersuchungen abgeschlossen, die Resultate liegen vor, wie Spitalsprecher Omar Gisler auf Anfrage sagt. Bei ihrer formalen Sonderprüfung hätten Medizin-Controlling-Experten von PricewaterhouseCoopers die Abrechnungen der Orthopädischen Klinik vom 1. Januar 2015 bis zum 28.  Februar 2018 unter die Lupe genommen und Befragungen durchgeführt. Dabei hätten sie Diskrepanzen zwischen den Honorarabrechnungen und dem Nachweis der Leistungserbringung festgestellt.

«Bei einzelnen Notfällen nahm er nicht den gesamten Eingriff selbst vor, stand aber im Hintergrunddienst für Entscheidungen stets zur Verfügung.»

Spitalsprecher Omar Gisler

«So ist ein Chefarzt beispielsweise bei 2.8 Prozent der Pauschalhonorare nicht als Leistungserbringer im Operationsbericht ausgewiesen», heisst es in einer Stellungnahme des Spitals. Was heisst die komplizierte Formulierung im Klartext? Gisler sagt, der Chefarzt sei bei allen Operationen präsent gewesen. «Bei einzelnen Notfällen nahm er nicht den gesamten Eingriff selbst vor, stand aber im Hintergrunddienst für Entscheidungen stets zur Verfügung.» Die Schlusskontrollen habe der Chefarzt selbst durchgeführt und damit auch die Gesamtverantwortung für die Eingriffe getragen.

Zusätzlich zur PwC-Untersuchung hat Josef E. Brandenberg, Präsident des Dachverbandes der operativ und invasiv tätigen Fachgesellschaften der Schweiz, abgeklärt, ob der Kodex zur Honorarabrechnung für halbprivat und privat versicherte Patienten korrekt ausgelegt wurde. In seinem Bericht hielt Brandenberg laut Sprecher Gisler fest, dass der Kodex und die Standesordnung der Ärztevereinigung FMH «in der Orthopädischen Klinik bei einigen Notfalleingriffen teilweise ungenügend eingehalten wurden».

Als mangelhaft habe der externe Spezialist die Umsetzung der Dokumentationspflicht taxiert. Auf die Resultate der Untersuchungen hat der KSB-Verwaltungsrat reagiert: «Der betroffene Chefarzt, dessen medizinisches Know-how unbestritten ist, erhielt wegen Verletzungen der Sorgfaltspflicht eine Verwarnung», sagt Gisler.

Arzt muss 45'000 Fr. zurückzahlen

Zudem muss der Arzt den finanziellen Schaden, der dem Spital entstanden ist, wiedergutmachen. Konkret muss er den Fehlbetrag von 44 783 Franken zurückzahlen. Die Experten von PwC hätten weit über 500 Eingriffe analysiert, sagt Sprecher Gisler. Bei mindestens 14 dieser Operationen war die Abrechnung laut der Prüfung nicht korrekt. Diese fehlerhaften Abrechnungen würden mit den Krankenkassen rückabgewickelt, also korrekt in Rechnung gestellt, heisst es in der Stellungnahme des Kantonsspitals weiter.

Doch warum wurden nur die Abrechnungen zwischen dem 1. Januar 2015 und dem 28. Februar 2018 überprüft? Schliesslich ist der Orthopädie-Chefarzt seit 2007 am Kantonsspital Baden tätig. Sprecher Gisler sagt dazu: «Im Vordergrund stand eine rasche Klärung der Vorwürfe, daher wurde beschlossen, den Zeitraum auf die Jahre 2015 bis 2018 zu beschränken.» Dies sei ausreichend, um sich ein umfassendes Bild der Situation zu machen und entsprechende Korrekturen einzuleiten.

Keine Bereicherungsabsicht

Gisler hält weiter fest, eine Systematik beim Vorgehen oder eine Bereicherungs-absicht des Chefarztes sei nicht erkennbar: «Aufgrund unserer Prüfungsarbeiten können wir die Vermutung einer bewusst und systematisch überhöhten Honorarabrechnung nicht bestätigen», lautet das Fazit der PwC-Prüfer. Und weiter: «Die zu Unrecht abgerechneten Fälle sind unseren Erkenntnissen nach eine Folge des nicht sorgsam geführten Prozesses der Honorarabrechnungen und nicht aus ‹abrechnungstaktischen Überlegungen› entstanden.»

Zugleich stellte sich laut Stellungnahme des Spitals heraus, dass im Zeitraum der Sonderprüfung «operative und nichtoperative Leistungen bei Zusatzversicherten nicht verrechnet wurden». Bei korrekter Rechnungsstellung dieser Zusatzleistungen wäre das Pauschalhonorar des Chefarztes wesentlich höher ausgefallen.

Dennoch wird die administrative Leitung der Orthopädischen Klinik bis auf weiteres Antonio Nocito, Direktor des Departements Chirurgie und Mitglied der KSB-Geschäftsleitung, unterstellt. Er hat laut Gisler den Auftrag, die als mangelhaft kritisierten Abrechnungsprozesse zu optimieren, dasselbe gilt für die Dokumentationspflicht. Zudem werde das Abrechnungssystem aufgrund der Empfehlungen von PwC weiter verfeinert, teilt das Spital mit. Die Prozesse und Abläufe würden angepasst und mit Kontrollmechanismen versehen. (aargauerzeitung.ch)

In die Bar statt zum Arzt. Sprechstunde mal anders

Video: srf

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

12'000 Menschen in Israel irrtümlich in Quarantäne

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

6
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • mrgoku 11.05.2018 11:34
    Highlight Highlight Oh wow.. einer von vielen... davon gibt es noch tonnenweise...
    • Lami23 11.05.2018 19:17
      Highlight Highlight Tatsache oder behauptung?
  • Töfflifahrer 11.05.2018 11:18
    Highlight Highlight viel Text und was ich daraus lese ist, dass ein Kontrollsystem eingeführt wird, welches hier nicht gegriffen hätte, denn der Chefarzt war ja bei allen OPs vor Ort.
    Weiter hat er die OPs genau überwacht, konnte jederzeit sofort eingreife, hat so sein Wissen weitergegeben und auch die Verantwortung übernommen. Unabhängig was ich von der Tarifgestaltung und dem Administrativen DrumRum halte; lieber einen Chefarzt der das Wissen so weitergibt als einer der alles selber macht und das Wissen bei sich behält.
  • Altweibersommer 11.05.2018 10:11
    Highlight Highlight Das klingt ein bisschen so, als versuche man, das schlimmste unter den Teppich zu kehren. Habe bereits von verschiedenen Ärzten ähnliches gehört. Offenbar hat dieses Vorgehen System und zwar nicht nur in Baden, sondern in der ganzen Schweiz!
  • WhatsOnNow 11.05.2018 10:05
    Highlight Highlight Für mich ist das ein Fall für ein Gericht und sollte sauber über die ganze Zeit abgeklärt werden. Falls das Usus ist bei gewissen Ärzten sollte man definitiv ein Zeichen setzen.
  • ralck 11.05.2018 09:12
    Highlight Highlight Was?! Gleich eine Verwarnung bei läppischen 45 000.– Franken aussprechen!? Das finde ich jetzt ein bisschen kleinlich vom Verwaltungsrat…


    KEINE Bereicherungsabsicht? Meine Fresse!

Die Zahlen steigen wieder: Diese 3 Corona-Hotspots beschäftigen gerade die Schweiz

Die Corona-Infektionen in der Schweiz nehmen wieder zu. In der ersten Juni-Hälfte bewegten sich die täglich gemeldeten Neu-Infektionen noch zwischen drei und 31 Fällen. Am Wochenende gab das Bundesamt für Gesundheit nun zwei Mal hintereinander mehr als 60 neue Infektionen bekannt.

Wie Bundesrat Alain Berset am Montag sagte, gebe es vor allem in den Clubs Probleme mit Ansteckungen. Bisher sind so drei Corona-Hotspots entstanden.

Als erstes wurde der «Superspreader»-Event aus Zürich bekannt. …

Artikel lesen
Link zum Artikel