Nicht waschen, Kleider anbehalten und in den Notfall: Das solltest du bei K.o.-Tropfen tun
Über 40 Mal soll Paula L. betäubt worden sein. Rund 40 Stunden soll der Ex-SVP-Grossrat Patrick Frei die damals 15-jährige Tochter seiner damaligen Lebenspartnerin sexuell missbraucht haben.
Das berichten die Zeitungen von Tamedia, die mit Paula L. gesprochen haben und sich auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft stützen. Patrick Frei sitzt seit drei Jahren in Untersuchungshaft und es gilt für ihn die Unschuldsvermutung.
Anlaufstellen für Opfer von sexueller Gewalt
Sexuelle Übergriffe können in den unterschiedlichsten Kontexten stattfinden. Hilfe im Verdachtsfall oder bei erlebter sexueller Gewalt bieten etwa die kantonalen Opferhilfestellen oder die Frauenberatung Sexuelle Gewalt. Die Opferhilfe ist auch über die nationale Nummer 142 erreichbar. Für Jugendliche oder in der Kindheit sexuell ausgebeutete Erwachsene gibt es in Zürich die Stelle Castagna. Betroffene Männer können sich an das Männerbüro Zürich wenden. Wenn du dich sexuell zu Kindern hingezogen fühlst oder jemanden kennst, der diese Neigung hat, kann dir diese Stelle weiterhelfen.
Der Fall erinnert stark an denjenigen von Gisèle Pelicot. Die heute 73-jährige Französin wurde über Jahre hinweg von ihrem damaligen Ehemann Dominic Pelicot betäubt und anschliessend vergewaltigt. Bei der Ausübung dieser Vergewaltigungen assistierten ihm über 50 weitere Männer, die Pelicot übers Internet rekrutierte.
Was können Frauen tun, die den Verdacht haben, selbst unter K.-o.-Tropfen vergewaltigt oder sexuell missbraucht worden zu sein?
Wie erkennt man einen Übergriff mit K.-o.-Tropfen?
«Das wichtigste Symptom sind Erinnerungslücken», sagt Didier Plaschy, Mediensprecher der Insel Gruppe, dem auch das Zentrum für sexuelle Gesundheit angehört.
Weitere Warnsignale können sein: Schwindel oder Übelkeit nach Getränkekonsum, Desorientierung beim Aufwachen, unerklärliche Schmerzen oder Verletzungen im Genitalbereich.
Das Zentrum für sexuelle Gesundheit rät Betroffenen, sich bei Verdacht auf K.-o.-Tropfen möglichst rasch zu melden, am besten innerhalb von 72 Stunden.
Denn der Nachweis, dass ein Opfer mit K.-o.-Tropfen sediert wurde, ist ein Wettlauf gegen die Zeit: GHB, die chemische Substanz, die die Betäubung verursacht, ist im Blut nur sechs bis acht Stunden und im Urin etwa zwölf Stunden nachweisbar. Deshalb gilt:
Medizinisches Fachpersonal sollte Blut- und Urinproben so rasch wie möglich entnehmen und fachgerecht aufbewahren. Denn so schwierig der Nachweis von K.-o.-Tropfen auch sein mag: Die toxikologische Analyse ist der einzige Weg, um den Übergriff bei fehlender Erinnerung nachzuweisen.
Wie stellt medizinisches Personal einen Übergriff fest?
Betroffene würden mit sehr unterschiedlichen Symptomen eingeliefert – von Delirium, Panikattacken und Angst um die sexuelle Integrität über Übelkeit und Schwindel bis hin zu Koma sowie Atem- und Kreislaufproblemen sei alles mit dabei, sagt Plaschy.
«Im Praxisalltag deuten Einrisse oder Blutergüsse an Vulva, Vagina oder Rektum, chronische Schmerzen ohne erkennbaren Grund, Abwehr oder Dissoziation während der Untersuchung sowie plötzliche Abneigung gegen Geschlechtsverkehr auf sexuelle Gewalt hin», sagt Mediensprecher Plaschy.
Bei Dissoziation handelt es sich um einen psychischen Abwehrmechanismus. Dabei sind Bewusstsein, Gedächtnis und Wahrnehmung gestört. In der extremsten Form kommt es bei einer Dissoziation zur Loslösung des eigenen Selbsts von der Umgebung.
Ebenfalls typisch bei K.-o.-Tropfen: Nebst den bereits beschriebenen Erinnerungslücken fehlen bei Opfern Abwehrverletzungen, da sie sich in betäubtem Zustand nicht wehren können.
Welche Guidelines existieren für Frauenärztinnen im Umgang mit Opfern?
Gemäss einer Studie der gynäkologischen Ambulanz des Universitätsspitals München berichten nur sechs Prozent der Frauen, die gemäss eigenen Angaben Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden sind, diesen auch ihrem Gynäkologen oder ihrer Gynäkologin.
In der gleichen Befragung sagten 44,6 Prozent der Frauen, dass sie schon einmal belästigt worden waren, und 20,1 Prozent, dass sie zu sexuellen Handlungen gezwungen worden waren.
Auch wenn viele Frauen aus eigener Initiative nicht von einem Übergriff erzählen würden, wären gemäss einer Studie 70 Prozent dazu bereit, wenn der Frauenarzt oder die Frauenärztin danach fragen würde.
Unter anderem deshalb hat die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe einen Leitfaden für häusliche Gewalt erstellt, der auch sexuelle Übergriffe umfasst. Er wurde an alle in der Schweiz niedergelassenen Frauenärzte und Frauenärztinnen verteilt.
Der Leitfaden definiert drei Bereiche, die im Umgang mit von Gewalt betroffenen Frauen zentral sind: Offenheit, Unterstützung und Respekt.
Offenheit beginnt damit, dass schon im Wartezimmer Infomaterial zu häuslicher Gewalt im Allgemeinen und sexuellen Übergriffen im Spezifischen bereitliegt. Auch «direktes Ansprechen und gezieltes Nachfragen, wenn Sie den Verdacht haben, dass Gewalt Ursache für eine Verletzung oder Beschwerden ist», soll Offenheit dem Thema gegenüber signalisieren.
Unter Unterstützung versteht der Leitfaden das behutsame Nachfragen und Mutmachen, ohne zu drängen. Der Leitfaden gibt Gynäkologen und Gynäkologinnen auch konkrete Handlungsanweisungen, wie sie nach sexuellen Übergriffen oder häuslicher Gewalt fragen können.
Das bedeutet umgekehrt, dass Ärzte und Ärztinnen unter allen Umständen darauf verzichten sollten, Panik zu schüren. Genauso sollten sie darauf verzichten, den Partner oder Behörden und Polizei zu kontaktieren, ohne dass dafür die ausdrückliche Zustimmung des Opfers bestehen würde.
