Schweiz
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Blick vom Aufstieg zum Passo Soreda in der geplanten Kernzone des Parc Adula auf das Laentatal mit der Lampertsch Alp in der direkt angrenzenden Umgebunszone, aufgenommen am Mittwoch, 7. September 2016, oberhalb Vals. Mit einer Flaeche von ueber 1000 km2 und einer Kernzone von fast 200 km2 bewirbt sich der Parc Adula um die Anerkennung als groesster Nationalpark der Schweiz. Der Parc Adula ist ein vielsprachiges, multikulturelles Projekt, an dem die Kantone Graubuenden und Tessin mit fuenf Regionen und 17 Gemeinden beteiligt sind. Die Park-Gemeinden stimmen im November 2016 ueber die Gruendung des Nationalparks ab. (KEYSTONE/Arno Balzarini)

Blick vom Aufstieg zum Passo Soreda in der geplanten Kernzone des Parc Adula. Bild: KEYSTONE

In den Tälern tobt ein erbitterter Kampf um einen neuen Schweizer Nationalpark

In einem Monat entscheiden 14 Bündner und drei Tessiner Gemeinden, ob die Schweiz einen zweiten Nationalpark erhält. In den Tälern tobt ein erbitterter Kampf.

Samuel Schumacher / Nordwestschweiz



Düster ist's im Val Lumnezia, nicht nur wegen des Nebels, der an diesem Abend über dem Bündner «Tal des Lichts» hängt. Düster ist auch die Stimmung im Gemeindesaal von Vrin zuhinterst im Tal. Rund 150 Vriner hocken auf den Stühlen und schauen nach vorne, wo ein paar Bergbauern über die Leinwand flimmern und erzählen, wie sie profitieren könnten – profitieren vom Nationalpark Parc Adula im Grenzgebiet zwischen dem Tessin und der Bündner Surselva. Die Idee für den neuen Nationalpark hatte Pro Natura im Jahr 2000. Seither ist das beschauliche Vrin politische Kampfzone.

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Übersicht des geplanten «Parc Adula»; dunkelgrün ist die Kernzone.  bild: parc adula 

14 Bündner und drei Tessiner Gemeinden stimmen am 27. November über das Projekt ab. Es liegt in ihren Händen, ob die Schweiz einen zweiten Nationalpark erhält – vorerst für zehn Jahre, danach gäbe es eine erneute Abstimmung. In der 145 Quadratkilometer grossen Kernzone des Parks würden strenge Umweltschutzregeln gelten, um die menschliche Einwirkung auf die Natur zu minimieren. Umgeben wäre die Kernzone von der 1085 Quadratkilometer grossen Umgebungszone, in der man weiterhin nachhaltig wirtschaften dürfte. Damit wäre der Parc Adula fast so gross wie der Kanton Aargau. Jährlich flössen von Bund und Kantonen gut fünf Millionen Franken in die Region. Die Gemeinden selber müssten maximal 10 000 Franken investieren. Eigentlich ein guter Deal.

Der Direktor und die Demokratie

Wäre da nicht die «Charta», das 400-seitige Handbuch, das festlegt, welche Regeln im Park gelten sollen, und das die lokalen Gemüter erhitzt. 90 Tage lang konnten die Bewohner und Vereinigungen wie der Schweizer Alpen-Club SAC oder die Bündner Jäger die Charta einsehen und Änderungswünsche anbringen. 730 Anträge sind eingegangen, zum Beispiel jener der Armee, die eine Sonderregelung für ihren Panzerschiessplatz im Nationalparkgebiet verlangte (und erhielt) oder des SAC, der forderte, dass man in der Kernzone uneingeschränkt wandern und Schneeschuhtouren unternehmen können müsse (vergeblich). Monatelang suchte man nach Kompromissen. Seit Anfang Oktober liegt die definitive Charta vor.

Martin Hilfiker Parc Adula

Martin Hilfiker, Direktor des Nationalparkprojekts. bild: parc adula

Trotz definitiver Charta: Sicher ist noch gar nichts. Befürworter und Gegner des Nationalparks liefern sich weiterhin einen erbitterten Kampf. Keiner bekommt das mehr zu spüren als Martin Hilfiker. Er ist Direktor des Nationalparkprojekts und kämpft an vorderster Front für den Parc Adula. Mit seinem ganzen Team ist er derzeit auf Werbetour in der Surselva, jeden Abend Werbefilm, Diskussion, Apéro. Hilfiker sitzt im Vriner Gemeindesaal und sagt: «Das Nationalparkprojekt ist voller Kompromisse. Alle sind ein bisschen unzufrieden. Es ist typisch Schweiz.» Mit seinem Team hat er jahrelang Meinungen eingeholt, Regelungen angepasst und Fragen geklärt. Mehr als 80 Projekte – von Trockenmauer-Sanierungen über Kirchenrenovationen bis hin zu neuen Ziegentrekking-Angeboten – haben sie umgesetzt, mehr als zehn Millionen Franken investiert. «Die technischen Fragen sind geklärt, viele Projekte gut angelaufen. Doch jetzt, in der heissen Schlussphase, zählt wieder nur das Bauchgefühl», sagt Hilfiker.

Indianer und Bündner Reservate

Der Ökonom mit Parc-Adula-Gilet und stählernen Nerven wiegt genau ab, was er sagt. Er will Wogen glätten, keine stürmischen Debatten lancieren. Aber so ganz kann er schon nicht verstehen, wieso sich so viele Menschen gegen das Projekt auflehnen. «Diese Randregionen könnten mit dem Park Werbung für sich und ihre Produkte machen. Es stünde Geld zur Verfügung, um die Projekte weiterzuführen. Manche wollen trotzdem nichts vom Park wissen.» Hilfiker aber kämpft unbeirrt weiter. Für ihn ist das eine ganz persönliche Sache. «Mein Grossvater wanderte 1922 aus der Schweiz aus, weil er keine Perspektive mehr hatte. Ich will verhindern, dass es den Menschen hier ähnlich ergeht, weil sie kein Auskommen mehr finden.» Der Nationalpark könnte da Abhilfe verschaffen. Es gäbe 18 neue Vollzeitstellen, immerhin.

Doch manch ein Talbewohner fühlt sich durch den Nationalpark existenziell bedroht. Die Adula-Gegner sind gut organisiert. Im Dorf haben sie Plakate aufgehängt, auf denen ein Indianerhäuptling zu sehen ist und neben ihm der Spruch: «Die Indianer haben ihr Land für eine Illusion verkauft. Machen wir nicht das Gleiche. Nein zum Parc Adula.» Wilder Westen im wilden Osten. In Leserbriefen äussern die Park-Gegner ernsthafte Bedenken darüber, dass die Einwohner der Adula-Gemeinden bald in einem von Bundesbern kontrollierten «Reservat» leben müssten.

43 Vorher-nachher-Bilder, die zeigen, wie krass sich die Erde verändert hat

«Wir wollen selber bestimmen, wie wir unsere Alpen gestalten.»

Leo Tuor

Diese dramatischen Töne seien nötig, findet Thomas Meier. «Das Nationalparkgebiet, das ist unser Garten. Man will uns das Recht nehmen, sich darin frei zu bewegen», sagt er im Vriner Gemeindesaal. Meier ist Hüttenwart in der SAC-Länta-Hütte. Und er regt sich auf über diese Menschen beim Bund und vom Parc Adula, die dem SAC nicht zuhören wollten und den Jägern zu viel Glauben schenkten und mit dem Nationalpark-Label inflationär um sich werfen würden und der Region sicher überhaupt nichts brächten. «Wir verzichten hier schon auf viel. Jetzt kann man uns nicht auch noch unsere Freiheit nehmen», sagt Meier.

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Ein Kleber der Nationalpark-Gegner.  bild: facebook/nein, no,na, "parc adula"

«Ihr seid todlangweilig»

Die deutlichsten Worte im Vriner Gemeindesaal findet Leo Tuor, Romanautor, Schafhirt, lokale Legende. Tuor schimpft über den «Labelwald» und über den «Parksalat», mit dem man die schöne Wildnis hier verschandeln wolle. «Ihr seid todlangweilig. 16 Jahre und 10 Millionen und ihr habt nichts Neues geschaffen», ruft Tuor in den Saal, zuerst auf Rumantsch, dann auf Dialekt, damit's auch die Anzugträger vom Bundesamt für Umwelt in der vordersten Reihe verstehen. «Wir wollen selber bestimmen, wie wir unsere Alpen gestalten», ruft Tuor. Ihre Alpen, sie seien bedroht durch die fremden Planer mit ihren Labels und ihren Tourismusideen. Dabei brauche es keine Pärke, keine Labels und keine Bundesmillionen, um die Täler zu retten. «Dazu brauchen wir nur eines: Kinder», ruft Tuor, der den Nationalpark-Promotoren seit Tagen nachreist und in allen Gemeindesälen der Surselva dasselbe verkündet. Und vielleicht bräuchte es auch Touristen, könnte man einwerfen. Die Surselva leidet unter den rückgängigen Besucherzahlen. Im vergangenen Winter kamen acht Prozent weniger Besucher als noch im Vorjahr. Ein schmerzhafter Einbruch.

Und was meinen die Vriner Bürger? Vorerst nicht viel. Sie warten ab. Sprechen werden sie in einem Monat, an der Urne. Prognosen sind schwierig, da sind sich Befürworter und Gegner einig. Die autoritätsgläubigen Bündner, die seien kritisch, weil sie sich durch die neuen Regeln eingeschränkt fühlen würden. Die Einwohner der drei Tessiner Gemeinden hingegen, die sähen das lockerer, weil sie ein unverkrampftes Verhältnis hätten zu Regeln und Gesetzen, tönt es aus Vrin. Das sind gute Neuigkeiten für die Nationalpark-Befürworter. Denn auf eine Gemeinde kommt es am 27. November besonders an: Blenio. Weil das Dorf einen grossen Anteil an der Kernzone hat, ist seine Zustimmung unbedingt nötig, um den Park realisieren zu können.

Weniger zentral ist das kleine Sumvitg. Trotzdem hat das 1300-Seelen-Dorf diese Woche für Aufruhr gesorgt. Am Wochenende stimmte die Bevölkerung in Sumvitg nämlich schon mal über das Parkprojekt ab, weil dies die Dorfverfassung so vorsieht. Es seien so viele Menschen an die Versammlung gekommen wie kaum je zuvor, sagt Gemeindeschreiber Fabian Collenberg. Resultat: 55 waren für den Nationalpark, 153 dagegen. 74 Prozent Nein-Stimmenanteil. Ein deutliches Zeichen, aber kaum das letzte Wort in der Causa Adula.

Umfrage

Parc Adula: Fluch oder Segen für die betroffenen Gemeinden?

  • Abstimmen

489

  • Die Gegner sollen sich nicht so benehmen: Der Park wird der Region viel Nutzen bringen. 54%
  • Ich stimme den Gegnern zu: Lasst die Gemeinden selbständig bleiben. 18%
  • Ich möchte nur die Antworten sehen.27%

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14Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • zsalizäme 28.10.2016 15:58
    Highlight Highlight Was ich ein wenig "speziell" finde ist, dass auf die Forderung des Militärs eingegangen wird, auf die des SAC aber nicht. Ich glaube ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass ein Panzerschiessplatz störender für einen Nationalpark ist, als wenn die Wanderer die Wege verlassen dürften. Ich behaupte jetzt auch einfach mal so, dass das Militär bessere Verbindungen nach Bern hat als der SAC... Ein Schelm wer böses denkt.
    • nomonom 29.10.2016 00:25
      Highlight Highlight Stimme 100% zu, was bitte hat ein Panzerschiessplatz in einem Nationalpark zu suchen? Über andere Gründe möchte ich mich nicht auslassen, da ich zuwenig Informationen habe, aber der SAC ist für den Tourismus auf alle Fälle ein klein wenig förderlicher als ein Panzerschiessplatz, oder liege ich da falsch?
    • michiOW 29.10.2016 10:08
      Highlight Highlight Wo liegt der Panzerschiessplatz?
      Am Rande des geplanten Parks oder in der Kernzone?

      Ausserdem: Wenn das Militär schiessen geht, werden die Offiziere und Soldaten sicher auch Geld ausgeben.

      Ausserdem sollte man die Tiere vor allem im Winter nicht stören.


      Ausserdem ist das Wandern lediglich eingeschränkt, nicht verboten.
    • Alex Danuser 29.10.2016 11:27
      Highlight Highlight Genau das habe ich mir auch gedacht.
      Und danke für den Schelm, den liest man in letzter Zeit nicht mehr so oft auf watson...;)
    Weitere Antworten anzeigen
  • Töfflifahrer 28.10.2016 13:01
    Highlight Highlight Es stellt sich, bei aller Selbständigkeit, doch schlicht weg die Frage, haben die einzelnen Dörfer und Gemeinden tragbare Konzepte für die Zukunft die auch vernünftig sind? Haben die Regionen so etwas in petto? Oder wäre dies nicht eher eine Chance zusammen etwas zu wagen? Ja ein solcher Nationalpark hat nun mal einige Einschränkungen in der freien Bewirtschaftung zur Folge, aber sorry hier gibt es leider den 5er und das Weggli nicht. Zusammen kann ein solcher Park vermarktet werden. Zumal in 10 Jahren Bilanz gezogen wird und Änderungen möglich sind.
  • Deverol 28.10.2016 11:07
    Highlight Highlight Dass man sich in einem Nationalpark nicht frei bewegen darf, ist daneben.
    • ARoq 28.10.2016 11:35
      Highlight Highlight Da ein Zweck der Parks darin besteht, ihn vor den Einflüssen des Menschen zu schützen, finde ich die Forderung nachvollziehbar.
  • whatthepuck 28.10.2016 10:31
    Highlight Highlight Menschen wie diesem Tuor mangelt es offensichtlich an Fachkenntnis. Solche Leute handeln aus dem Bauch heraus, erkennen wesentliche Zusammenhänge nicht und fühlen sich dazu noch moralisch überlegen nur weil sie "von dort" sind. Die Alpen "gehören" ihnen nicht, genauso wenig wie sie dort machen können was sie wollen. Und mit mehr Kindern kommt der Wohlstand ins Tal? Damit noch mehr Kinder keine Perspektive haben und noch mehr junge Erwachsene abwandern? Ich weiss nicht in welcher Welt diese Leute leben - sorry watson, ihr schlagt euch mit diesem Bericht auf die Seite der falschen Underdogs.
    • D(r)ummer 28.10.2016 16:15
      Highlight Highlight Ja die Alpen gehören ihnen nicht. Aber sie wissen wie man mit den Bergen umgeht. Das sollte meiner Meinung nach nicht vergessen gehen. :)
  • Kaffo 28.10.2016 10:10
    Highlight Highlight Mir scheint, da ist sehr viel Emotion drin. Ich persönlich kenne die Hintergründe zu wenig gut um ein Urteil zu fällen. Aber es ist eine wunderschöne Gegend. Was mich stört ist die Militärzone, die auch noch an die Kernzone grenzt.
  • Ohniznachtisbett 28.10.2016 09:25
    Highlight Highlight In der Tat müssen solche Projekte abgewogen werden. In Graubünden haben wir schon den Nationalpark, das Biosphärenreservat Val Müstair und den Parc Ela. Der Nationalpark ist als unbesiedelter "Naturfleck" völlig diskussionslos akzeptiert. Die beiden Pärke Val Müstair und Parc Ela sind deutlich umstrittener. Landwirtschaft und Tourismus sind deutlich eingeschränkt was den Bauern teilweise Probleme bereitet. Dafür dürfen sie einen schönen Biosfera Kleber auf den Honig machen... Ich denke man muss sich schon Gedanken machen, ob das was bringt.
    • whatthepuck 28.10.2016 10:40
      Highlight Highlight Labelling ist ein bewährtes Konzept. Man ermöglicht etwas - Eigeninitiative brauchts aber schon. Die Leute aus Bern retten euch genauso wenig wie sie euch etwas wegnehmen.

      Wenn eine Zielsetzung des Parks lautet "strenge Umweltschutzregeln gelten, um die menschliche Einwirkung auf die Natur zu minimieren", und dann argumentiert wird, Landwirtschaft und Tourismus würden zu stark eingeschränkt, dann verstehe ich die Welt nicht mehr.

      Abgesehen davon ist Park nicht gleich Park, der Parc Ela und das Val Müstair sind nicht auf der selben Stufe wie ein Nationalpark.
    • nanana 28.10.2016 13:27
      Highlight Highlight Natürlich kann man sich Gedanken machen ob solche Naturpärke und Pflege- und Entwicklungszonen der Biosphärenreservate etwas bringen. Da es nicht einfach ist, Gebiete zu finden, in denen man Nationalparks gründen kann, ohne den Bewohnern vor den Kopf zu stossen, sind sie eine Kompromisslösung. Sie ist für beide Seiten (Naturschutz&Bewohner) nicht perfekt, aber vielleicht besser als nichts.
      Da es hier aber auch darum geht, ob ein neuer Nationalpark entsteht, also mit stark geschützter Kernzone, würde es mich sehr glücklich machen wenn das Projekt zustande kommt.

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