«Eigentlich sind wir überfordert» – Russland-Experte zum hybriden Krieg
Seitdem man am Leipziger Flughafen eine Drohne gefunden hat, mit welcher Russland gemäss Bundeskanzler Friedrich Merz einen Angriff auf Deutschland geplant haben soll, scheinen die Mikro-Aggressionen des Kremls auf europäische Länder zuzunehmen. Manche Fachleute befürchten, dass Russland die Angst vor einem Angriff auf Nato-Staaten verliert. Sie auch?
Jeronim Perovic: Solche Provokationen sind nichts Neues. Der Kreml verfolgt damit das Ziel, den Westen beschäftigt zu halten und auszutesten, wie weit er gehen kann. An einer direkten militärischen Konfrontation mit der Nato hat Putin jedoch kein Interesse. Das wäre ein potenziell grosser Krieg mit völlig unsicherem Ausgang, zumal Russland militärisch in der Ukraine festgefahren ist. Viele Russinnen und Russen wollen sich nicht mit dem Krieg in der Ukraine beschäftigen, solange sie nicht unmittelbar davon betroffen sind. Eine Massenmobilisierung wäre dagegen unpopulär, und das will Putin möglichst verhindern.
Warum testet Putin trotzdem aus, wie weit er gehen kann? Was ist das Ziel?
Russland will damit Unsicherheit schüren, die Reaktionen austesten und die Kosten für die Gegenseite in die Höhe treiben. Damit bereitet der Kreml nicht einen Grossangriff auf die NATO vor. Kleinere russische Angriffe und Grenzverletzungen sind jedoch durchaus vorstellbar, vor allem in Ländern, die an Russland grenzen, etwa im Baltikum, in Polen oder in Finnland.
Es fällt auf, dass Russland beim Austesten dieser Grenzen oft auf Drohnen setzt. Warum Drohnen?
Drohnen sind relativ billig und gleichzeitig sehr wirkungsvoll. Die Ukraine setzte von Beginn an stark auf Drohnen, um sich zu behaupten. Inzwischen hat Russland nachgezogen und produziert massenweise Drohnen. Gerade wenn sie in Schwärmen eingesetzt werden, sind sie schwer abzuwehren und können die Luftabwehr rasch überfordern. Drohnen sind aber auch aus anderen Gründen praktisch.
Die wären?
Mit Drohnen kann Russland Unsicherheit auslösen, weil nicht klar ist, wie ein Staat reagieren soll, wenn beispielsweise ausländische Drohnen seinen Luftraum verletzen oder sehr nahe an einer Grenze eingesetzt werden, wie jüngst im Fall des Angriffs auf einen ukrainischen Zug in der Nähe der polnischen Grenze. Zudem ist es oft schwierig zu sagen, woher die Drohne kam. Bezeichnend ist der Fall des Leipziger Flughafens. Die deutsche Seite hat erklärt, dass Russland dahinterstehe – Russland weist das zurück. Wie also soll Deutschland darauf reagieren? Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht.
Der russische Aussenminister Sergej Lawrow hat auf Deutschlands Vorwurf reagiert, indem er Merz ausrichtete, Deutschland habe Russland jetzt den Krieg erklärt. Wie ernst muss man solche Aussagen nehmen?
Lawrows Aussage ist eine typische Verkehrung ins Gegenteil. Das hören wir auch, wenn es um die westliche Unterstützung der Ukraine geht: Der «kollektive Westen» unterstützt die Ukraine, um Russland strategisch zu schwächen, ja gar zu zerschlagen. Dieses Narrativ pflegt der Kreml schon lange und es ist Teil der gegenwärtigen hybriden Kriegsführung.
Was beinhaltet dieser hybride Krieg inzwischen alles?
Die Grenze zwischen dem Militärischen und Nichtmilitärischen ist fliessend. Ist eine Drohne, die mit Munition beladen über einem Flugplatz kreist, hybride Kriegsführung oder schon ein «richtiger» Angriff? Was ist mit einem Cyberanschlag auf Infrastruktur, der Schäden in Millionenhöhe verursacht? Das Problem ist, dass der Konflikt mit Russland inzwischen auf so vielen Ebenen stattfindet, dass wir enorme Ressourcen mobilisieren müssten, um uns gegen all diese Bedrohungen zu wappnen. Eigentlich sind wir überfordert.
Russland mischt sich auch in den aktuellen Abstimmungskampf ein: Die vom Kreml finanzierte Plattform RT DE veröffentlichte mehrere Artikel, die sich für die Neutralitäts-Initiative aussprachen. Auf Social Media wurden diese Artikel rege verbreitet. Befindet sich die Schweiz also auch in einem hybriden Krieg mit Russland?
Dass ausländische Akteure versuchen, auf unsere Abstimmungen Einfluss zu nehmen, ist nichts Neues und auch keine russische Besonderheit. Neu sind vor allem die Mittel, die dafür heute zur Verfügung stehen: Über soziale Medien lassen sich Desinformation und manipulierte Inhalte schnell und sehr effektiv verbreiten. Dass Russland ein Interesse an einer möglichst strikten Schweizer Neutralität hat, liegt auf der Hand: Könnte die Schweiz nicht mehr EU-Sanktionen gegen kriegführende Staaten übernehmen, würde dies die Geschlossenheit des europäischen Sanktionsregimes schwächen. Und daran hat Russland grundsätzlich ein Interesse.
Aber schneidet sich der Kreml hier nicht selbst ins Fleisch? Gegnerinnen und Gegner argumentieren ja damit, dass die Neutralitäts-Initiative eine Pro-Putin-Initiative sei.
Nicht unbedingt. Wenn Russlands Einflussversuche dazu beitragen, die Position der Befürworter zu stärken, wäre aus russischer Sicht bereits etwas erreicht. Die Kosten dafür sind ohnehin gering. Ein paar Hacker reichen, um einiges anzurichten. Also tut man es.
Was raten Sie europäischen Staaten und der Schweiz: Wie reagieren sie am besten auf die hybride Kriegsführung Russlands?
Die Sicherheitsordnung, an die wir uns in Europa über Jahrzehnte gewöhnt haben, gibt es spätestens seit 2022 nicht mehr. Welche neue Ordnung an ihre Stelle treten wird, ist offen. Russland wird auch nach Ende des Krieges in der Ukraine ein schwieriger Nachbar bleiben. Darauf werden wir uns militärisch, aber auch gesellschaftlich, einstellen müssen. Gerade im Gesellschaftlichen sehe ich sogar die noch grössere Herausforderung.
Weshalb?
Russlands Einflussnahme, etwa durch Desinformationskampagnen, kann nur dort wirksam sein, wo bereits Konflikte in der Gesellschaft bestehen. Deshalb ist es wichtig, dass wir als Gesellschaft resilienter werden und unseren freiheitlichen Werten Sorge tragen: Bildung, unabhängige Medien, Vertrauen in unsere demokratischen Institutionen. In diesen Bereichen ist die Schweiz gar nicht so schlecht aufgestellt. Gleichzeitig dürfen wir uns trotz der aktuellen Bedrohungslage durch Russland nicht einschüchtern lassen und den Blick auf andere Gefahren verlieren.
Von welchen anderen Gefahren sprechen Sie?
Die Anschläge vom 11. September 2001 waren auch deshalb ein so grosser Schock, weil damals die Gefahr des islamistischen Terrorismus unterschätzt worden war. Der Fokus des Westens lag vor allem auf der Nato-Osterweiterung und den Diskussionen über das Verhältnis zu Russland. 25 Jahre nach diesem verheerenden Angriff soll Al-Kaida wieder Trainingslager in Afghanistan unterhalten. Auch Chinas geopolitische Ambitionen werden uns weiter beschäftigen. Bei allem Fokus auf Russland, dürfen wir deshalb nicht das Gesamtbild aus den Augen verlieren.
