«Der Ukrainekrieg lässt sich an der Front kaum entscheiden»
Der Ukrainekrieg wie auch jüngst der Iran-Krieg zeigen die immer wichtiger werdende Rolle von Drohnen in bewaffneten Konflikten. Im Interview mit watson erläutert Ivo Capaul, Forscher am Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich, die besondere Rolle von Drohnen in der Kriegsführung.
Der ukrainische Präsident war jüngst im Nahost-Konflikt ein gefragter Mann. Weshalb sind ukrainische Systeme so gut geeignet für iranische Drohnen?
Das liegt an der Innovationsdynamik in der Drohnentechnologie, welche im Krieg mit Russland vorherrscht. Tausendfach war die Ukraine den nächtlichen russischen Drohnenangriffen ausgesetzt. Die dazu verwendeten Flugkörper sind dem iranischen Drohnentyp Shahed nachgebaut. Die Ukraine hat somit grosse Erfahrung in der Erkennung, Erfassung und Abwehr eben jener Drohnen, die nun vom Iran für Angriffe auf Länder in der Golfregion verwendet werden.
Die Golfstaaten verfügen nicht über die nötigen Mittel, diese abzuwehren?
Die angegriffenen Golfstaaten wie auch die US-Militärbasen in der Region sind, grob gesagt, auf die Abwehr von Kampfjets und ballistische Raketen vorbereitet. Da die hier eingesetzten Drohnen aber tiefer, langsamer und häufig in Schwärmen fliegen, sind die bestehenden Luftabwehrmittel nicht unbedingt zur Drohnenabwehr geeignet. Ausserdem kostet eine Patriot-Rakete etwa zwei bis drei Millionen Dollar, eine Shahed-Drohne nur ein paar tausend Dollar. Auch ökonomisch betrachtet kommt konventionelle Luftabwehr damit schnell an ihre Grenzen. Wenn es um Drohnenabwehr geht, liesse sich hier also einiges von der Ukraine lernen.
Warum werden Drohnen in Konflikten eingesetzt?
Ich sehe drei grundsätzliche Faktoren, wieso Drohnen in aktuellen Konflikten derartig häufig zum Einsatz kommen: Erstens sind sie günstig in der Anschaffung. Es ist nicht schwierig an sie heranzukommen, da es sich um Dual-Use-Güter handelt, also Güter für die es sowohl zivile als auch militärische Anwendungen gibt. Zweitens sind sie im Kampfeinsatz relativ effektiv, besonders im Kosten-Nutzen-Verhältnis. Nicht jede Drohne trifft ihr Ziel, ganz im Gegenteil. Jedoch sind sie verschleissbar, da sie vergleichsweise günstig sind, aber eben trotzdem relativ effektiv. Der dritte Faktor sind die grossen Stückzahlen, in denen Kleindrohnen produziert und eingesetzt werden können.
Wo sehen Sie Gefahren des vermehrten Drohneneinsatzes in Kriegen?
Das kommt auf die Perspektive an. Eine Gefahr begründet sich aus der breiten Verfügbarkeit von Drohnen. Da es sich um Dual-Use-Güter handelt, haben auch nichtstaatliche oder terroristische Akteure die Möglichkeit, gewisse Drohnen einzusetzen. Eine weitere Gefahr sehe ich in der Tatsache, dass die Schwelle zum Drohneneinsatz heruntergesetzt wird, eben gerade weil die Konfliktpartei, welche Drohnen einsetzt, nicht unmittelbar eigene Verluste riskiert.
Wie werden die Drohnen im Ukrainekrieg genau eingesetzt?
Grob gesprochen lässt sich von zwei Anwendungsfällen für unbemannte Luftfahrzeuge sprechen: Einerseits haben wir den taktischen Drohneneinsatz entlang der Frontlinie. Da verläuft eine fünf bis zehn Kilometer breite «Todeszone», wo sowohl Infanterie als auch gepanzerte Fahrzeuge kaum durchkommen.
Warum kommt da kaum jemand durch?
Weil beide Seiten entlang der Frontlinie eine grosse Anzahl an Aufklärungs- und Angriffsdrohnen einsetzen. Diese Übersättigung mit Drohnen in Frontnähe ist meines Erachtens mit ein Grund, wieso sich die Frontlinie in der Ukraine kaum bewegt.
Weil beide Seiten über gleich gute Drohnen verfügen?
Die Qualität der einzelnen Systeme einzuschätzen wäre nochmals eine getrennte Frage. Fest steht jedenfalls, dass es zwischen den beiden Kriegsparteien einen stetigen Wettbewerbskampf zwischen Innovationen und Gegeninnovation gibt – dies ist die bereits angesprochene Innovationsdynamik.
Wie sieht diese Innovationsdynamik im Ukrainekrieg aus? Haben Sie Beispiele?
Zuerst versuchte man beispielsweise die Verbindung von Drohne und Pilot zu «jammen», also zu stören. Als Gegenreaktion wurden Drohnen mit Glasfaserkabel eingesetzt, wobei es eine feste Verbindung zwischen Drohne und Pilot gibt. Jüngst sieht man zunehmend KI-gesteuerte Drohnen, bei denen sich die Funkverbindung ebenfalls nicht stören lässt, da die Drohne sich in gewissen Flugphasen mehr oder weniger autonom steuert.
Und wie sieht die zweite Art des Einsatzes von Drohnen aus?
Weil die beiden Kriegsparteien gemerkt haben, dass sich der Krieg an der Front kaum entscheiden lässt, versuchen sie den Kriegsausgang mit strategischen Schlägen ins jeweilige Hinterland des Gegners zu beeinflussen. Russland attackiert ukrainische Städte mit Langstreckendrohnen nach iranischer Bauart. Die Ukraine versucht im Gegenzug, Russland mit Drohnenangriffen auf dessen Rüstungsindustrie und Energieinfrastruktur zu schwächen.
Wie konnte sich die Ukraine in so kurzer Zeit so viel Know-how aneignen? Liegt das an der Not, die der Krieg mit sich brachte?
Ja, der Krieg ist vor allem verantwortlich dafür, dass es so schnell zu so viel Innovation im Bereich militärischer Drohnen kam. Durch den Krieg gab es einen dringenden Bedarf, weil die Ukraine ein kleineres Land mit einer kleineren Bevölkerung als Russland ist. Gleichzeitig herrschte zu Kriegsbeginn ein Mangel an herkömmlicheren Waffensystemen. Um diese Nachteile auszugleichen, musste die Ukraine nach Alternativlösungen suchen, die günstig, effektiv und in grosser Menge einsetzbar sind. Inzwischen hat sich in der Ukraine ein ganzes Ökosystem rund um die Drohnentechnologie herausgebildet.
Können Sie das etwas ausführen? Wie sieht dieses Ökosystem aus?
Es handelt sich um eine enge Zusammenarbeit zwischen dem ukrainischen Staat, dem Privatsektor und den Streitkräften. Der ukrainische Staat schafft die Rahmenbedingungen und kreiert eine hohe Nachfrage. Der Privatsektor, im Drohnenbereich sind dies häufig junge Start-ups, sieht dieses Nachfragesignal und reagiert darauf. Zudem gibt es eine enge Verzahnung zwischen den Streitkräften und dem Privatsektor. Neue Technologien, nicht nur Drohnen, werden an der Front eingesetzt. Dann kommt sehr schnell ein Feedback zurück zu den Herstellern, die dann innerhalb von Wochen Anpassungen machen und verbesserte Systeme an die Front liefern. Das ist mit schnellen Innovationszyklen gemeint.
Was bedeuten die jüngsten Entwicklungen in der Drohnenkriegsführung für die Schweiz? Sind Patriot-Systeme nun unnötig? Brauchen wir mehr Drohnen?
Unnötig sicher nicht, auch im Iran-Krieg gab es Angriffe mit Kampfjets und ballistischen Raketen. Es braucht beides. Was meiner Meinung nach nicht funktioniert, ist zu glauben, man könne «Leapfrogging» betreiben, also morgen oder übermorgen auf den jeweils aktuellsten Stand der Drohnentechnologie einsteigen. Es braucht auch bei der Drohnenabwehr einen kontinuierlichen Fähigkeitsaufbau.
Warum?
Im klassischen Rüstungsbeschaffungsprozess bestellt man etwas und ein paar Jahre später steht es auf dem Hof. Mit der aktuellen Innovationsdynamik der Drohnentechnologie wären die Systeme dann schon wieder veraltet. Ebenfalls halte ich es aufgrund der Innovationsdynamik – Innovation und Gegeninnovation – für ratsam Drohnentechnologie und Drohnenabwehr, Angriff und Verteidigung gemeinsam zu denken und weiterzuentwickeln.
