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An vorderster Front dabei: Rechtsextreme an einer Corona-Demonstration in Wien.
An vorderster Front dabei: Rechtsextreme an einer Corona-Demonstration in Wien.Bild: keystone
Interview

Politologin zu Narrativ von Corona-Gegnern: «Absurd, was als faschistisch bezeichnet wird»

Rechtsextreme Gruppierungen laufen immer offener an Corona-Demonstrationen mit. Für Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl ist dies nicht überraschend. Im Gegenteil: Es hat System.
30.11.2021, 10:4123.12.2021, 12:16

Frau Strobl, bei den Corona-Demonstrationen der letzten Wochen in Zürich, Bern, Wien oder Madrid liefen ganz offen rechtsextreme Gruppen mit. Die Frage ist jetzt vielleicht etwas plump, aber ... wieso?
Natascha Strobl: Das hat mehrere Gründe. Zum einen lässt sich seit ein paar Jahren beobachten, dass rechtsextreme Gruppen versuchen, öffentlicher aufzutreten. Sobald sich etwas tut auf der Strasse, versucht man, es mit den eigenen Themen und Idealen zu verbinden.

Können Sie mir ein konkretes Beispiel nennen?
Seit der Flüchtlingswelle im Jahr 2015 laufen rechtsextreme Gruppen an vielen Demos mit, die nicht per se rechtsextrem sind. Sie halten dann Banner hoch mit Sätzen wie «Schützt unsere Grenzen».

«In Zeiten der Krise findet zusammen, was vielleicht schon immer zusammengehörte.»

Okay, dass Rechtsextreme auf Flüchtlingsdemos gehen, leuchtet ja noch ein. Aber was hat Rechtsextremismus mit Corona zu tun?
Da gibt es viele Schnittstellen. Zum Beispiel im esoterischen Bereich. Oder bei den Verschwörungsideologien. Ich will nicht sagen, dass sich die Ideologien zu 100 Prozent decken, aber es gibt Andockstationen. Vor allem in einem Punkt: Die Grundkritik aller Corona-Demos ähnelt einem Narrativ, dem sich rechtsextreme Gruppen seit Jahrzehnten bedienen.

Welches denn?
Rechtsextreme propagieren seit langem eine autoritäre Anti-Staat-Haltung. Sämtlichen Autoritäten, die in irgendeiner Weise das gesellschaftliche Leben mitbestimmen, wird misstraut. Dieses Misstrauen findet man auch auf Corona-Demonstrationen. Und es gilt nicht nur Politikern – auch Medien sind hier inkludiert.

Aber liegen die Wurzeln der Anti-Establishment-Attitüden bei Rechtsextremen und Corona-Skeptikern nicht ganz woanders? Rechte wettern gegen Migration und Überfremdung, Covid-Demonstranten gegen übertriebene Massnahmen.
Ja und Nein. Letztlich geht es darum, wer
in einer Gesellschaft geschützt werden soll und wer nicht. Die Skeptiker vertreten hier eine «Survival-of-the-fittest»-Ideologie. Rechtsextreme machen das schon lange.

Sprechen wir jetzt von Sozialdarwinismus?
Richtig. Die sozialdarwinistische Frage, wer in einer Pandemie geschützt werden soll und mit welchen Mitteln, lässt sich ganz wunderbar instrumentalisieren. Die Demonstrierenden sind der Meinung, der Staat übertreibe in dieser Frage masslos. Die Neonazis auch. Es gibt verschiedene Ideologien mit sozialdarwinistischen Elementen. In Zeiten der Krise findet aber zusammen, was vielleicht schon immer zusammengehörte.

«Es hat noch nie eine faschistische Regierung gegeben, die gesagt hat: ‹Bitte impft euch, weil wir wollen euer Leben retten›».

Schön und gut – aber wie kommt es, dass einige Skeptiker immer behaupten, die Regierung sei faschistisch und diktatorisch geworden? Das ist doch eine Denunziation, ja eine Verteufelung des Rechtsextremen.
Dieses Phänomen beobachte ich ebenfalls seit einiger Zeit. Kurz vorab: Es hat noch nie eine faschistische Regierung gegeben, die gesagt hat: «Bitte impft euch, weil wir wollen euer Leben retten». Es ist absurd, was momentan als faschistisch bezeichnet wird. Aber zu der Frage: Wir erleben gerade, wie der Faschismus-Begriff neu definiert wird. Er verwandelt sich von einer Ideologie zu einer Technik. Alles, was mir nicht in den Kram passt, ist faschistisch. Jeder, der mir sagt, was ich zu tun habe, ist faschistisch.

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Was auch immer damit gemeint ist – der Begriff Faschismus behält ja trotzdem seine negative Konnotation.
Das stimmt. Aber die Rechtsextremen bezeichnen sich ja nicht mehr so. «Faschismus» ist historisch bedingt zu einem Unwort verkommen. Das wissen auch Rechtsextreme. Sie nutzen das gekonnt aus. Wer andere – in diesem Fall die Regierungen – als faschistisch bezeichnet, kann es selbst ja nicht mehr sein. Selbiges lässt sich zum Beispiel beim Feminismus beobachten. Viele Rechtsextreme argumentieren, dass sie die wahren Feministen seien, weil sie gegen Migration sind und alle Ausländer Vergewaltiger seien.

Ich würde behaupten, dass sich viele Demonstrierende trotzdem entschieden vom Rechtsextremismus distanzierten, würde man sie spezifisch danach fragen. Trotzdem protestieren sie Seite an Seite mit solchen Gruppierungen. Können Sie das erklären?
Das ist eben diese kognitive Dissonanz. Sie ist im Falle der Corona-Demonstrationen beeindruckend, aber keinesfalls neu. Es gibt Studien zu der deutschen Pegida-Bewegung. Viele gaben an, dass sie aus Sorge vor der Zukunft ihrer Kinder auf die Strasse gingen. Diese Abstiegsangst lässt sich auch heuer beobachten. Wenn man diese Leute fragt, ob sie gegen Nazis sind, würden sie dies natürlich bejahen. Wahrscheinlich würden sie auch sagen, dass Bill Gates oder die Menschen in der WHO die echten Nazis sind. Sie wissen einfach nicht mehr, was Nationalsozialismus und Faschismus wirklich bedeuten.

Natascha Strobl ist eine österreichische Politikwissenschaftlerin. Sie gilt als Expertin für Rechtsextremismus und die Neue Rechte und ist Mitautorin eines Fachbuchs über Strategien und Ziele der Identitären Bewegung in Europa.
Natascha Strobl ist eine österreichische Politikwissenschaftlerin. Sie gilt als Expertin für Rechtsextremismus und die Neue Rechte und ist Mitautorin eines Fachbuchs über Strategien und Ziele der Identitären Bewegung in Europa.bild: christopher glanzl

... und erkennen echte Rechtsextreme so auch nicht mehr.
Genau. Hinzu kommt die Erfahrung der Strasse. Wer einmal mit Rechtsextremen für die gleichen Anliegen demonstriert hat, vielleicht noch gemeinsam Bier getrunken hat, der wird nicht mehr sagen: «Hey, das sind Neonazis». Denn eigentlich waren sie ja ganz nett. Die emotionale Bindung, geschaffen durch die gemeinsame Erfahrung auf der Strasse, lässt die ideologische Überzeugung des anderen schnell in den Hintergrund geraten.

«Wenn ein Vater zweier Kinder mit Einfamilienhaus und Funktionskleidung rechtsextreme Verschwörungsideologien skandiert, dann muss man das auch so benennen, auch wenn er das anders sieht.»

Und all dessen ist sich die rechtsextreme Szene bewusst? Sind das alles Marketingprofis?
Sie setzen lediglich auf altbewährte Mittel. Seit über 100 Jahren weiss die extreme Rechte, dass das Verschwörungsdenken in Krisenzeiten gross ist. Denken Sie an die Protokolle der Weisen von Zion (ein auf Fälschungen beruhendes antisemitisches Pamphlet, Anm. d. Red.). Diese wurden in verschiedene Sprachen übersetzt, sie machten die Runde in Europa. Heute würde man sagen: Sie gingen viral. Diese Verschwörungsideologie bildete eine Legitimationsbasis für den eliminatorischen Antisemitismus. Natürlich kann der Rechtsextremismus also emotional manipulieren. Das ist und war schon immer sein Kerngeschäft.

Ein Grund für die Verschwörungs-Empfänglichkeit der Skeptiker dürfte die Ablehnung von traditionellen Medien sein. Denken Sie, die Medien haben einen falschen Umgang mit der Protestbewegung gewählt? Werden Menschen durch die Verurteilung der Medien in die Arme der rechtsextremen Verschwörungstheoretiker gedrängt?
Sie tappen gerade selbst in die Verschwörungsfalle. Es gibt diesen angeblichen monolithischen Block der Medien nicht. Mit der Schubladisierung der Medien verunmöglicht man bereits eine sachliche Diskussion.

Erwischt.
Zu der Frage: Um verantwortungsvoll zu berichten, muss man schreiben, was ist. Dazu gehört auch, sich von klischeehaften Vorstellungen zu distanzieren und genau hinzuschauen. Rechtsextremismus ist eine Frage der Ideologie, nicht des Kleidungsstils. Wenn also ein Vater zweier Kinder mit Einfamilienhaus und Funktionskleidung rechtsextreme Verschwörungsideologien skandiert, dann muss man das auch so benennen, auch wenn er das anders sieht.

Frau Strobl, wir zeichnen hier ein sehr düsteres Bild. Aber am Sonntag wurde das Covid-Gesetz von der Schweizer Stimmbevölkerung mit 62 Prozent angenommen. In Deutschland regiert künftig eine grüne, sozialliberale Regierung. Machen wir gerade viel Lärm um nichts?
Es ist nicht nichts. Man muss diese Strömungen ernst nehmen, auch wenn die Geschichte gezeigt hat, dass es nur wenigen Menschen gelungen ist, nachhaltig gefährlich auf die Gesellschaft zu wirken. Aber ja, klar: Es gibt natürlich auch die anderen, die schweigende Mehrheit. Vielleicht sollten wir uns tatsächlich öfter fragen, was wir tun können, damit diese Menschen das Vertrauen in unser Zusammenleben nicht verlieren. Wir dürfen uns nicht zu sehr beirren lassen von jenen Leuten, die am lautesten schreien.

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