Spionagefall um deutschen Ex-Geheimdienstchef: Spur führt nach Luzern
An der Luzerner Zentralstrasse sitzt die Pluteos AG. «Fine Swiss Consulting», beschreibt sie sich im Internet. Im Netz stösst man auch auf den Satz: «Pluteos AG is a private intelligence agency.» Zu ihren Kunden gehören laut Website Unternehmen, private Organisationen und Regierungsbehörden.
Präsident dieses «privaten Geheimdienstes» nach feiner Schweizer Art ist Dr. August Hanning (80). Der frühere Chef des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND) wurde am Dienstagmorgen in seinem Haus in Deutschland festgenommen – wegen Verdachts auf Landesverrat. Die deutsche Generalbundesanwaltschaft wirft Hanning geheimdienstliche Agententätigkeit, landesverräterische Ausspähung, Auskundschaften von Staatsgeheimnissen und versuchten Landesverrat vor.
Ein «Zuträger», konkret Hannings einstiger Büroleiter beim BND, soll seinem früheren Chef geheime Dokumente aus dem deutschen Geheimdienst verschafft haben. Gemäss Generalbundesanwaltschaft soll Hanning in einem Fall geheime Informationen genutzt haben, um für den Mitarbeiter eines fremden nachrichtendienstlichen Sicherheitsapparates eine Analyse zu erstellen. Um welches Land es geht, wurde nicht gesagt. Deutschen Medien zufolge handle sich aber nicht um einen russischen Dienst.
Informationshandel – Kunden Russland und China?
Laut der Rechercheplattform Correctiv soll Hanning, für den die Unschuldsvermutung gilt, über mehrere Firmen jahrelang mit Informationen gehandelt haben – «unter anderem mit Russland und China».
Eine dieser Firmen könnte die Pluteos AG gewesen sein, die seit Januar 2018 im Schweizer Handelsregister eingetragen ist. Hanning trat im März 2018 als Präsident des Verwaltungsrats ein. Gleichzeitig nahm ein illustrer Schweizer Geheimdienstler als Verwaltungsrat Einsitz: Hans Wegmüller, damals 74 Jahre alt.
Der Berner war von 2001 bis Mai 2008 Direktor des Strategischen Nachrichtendienstes, des damaligen Schweizer Auslandgeheimdienstes. Hanning stand von 1998 bis 2005 an der Spitze des deutschen Auslandgeheimdienstes BND.
Zwei mysteriöse Firmen an gleicher Adresse
Wegmüller trat 2008 in den Ruhestand, Hanning 2010. Beide nutzten später ihre Erfahrungen und Kontakte als bezahlte Berater, so wie viele andere ehemalige Geheimdienstmitarbeiter auch.
Die Pluteos AG ist laut deutschem «Stern» die Muttergesellschaft einer anderen mysteriösen Firma mit Sitz in Luzern. Sie heisst System 360 AG und war jahrelang an derselben Adresse gemeldet wie Pluteos. Der «Stern» nannte die System 360 AG in einer Recherche von 2020 «eine obskure Firma». In der Schweiz sei sie unter anderem deshalb domiziliert, weil die Muttergesellschaft Pluteos hier die Aktionäre, also die Eigentümer, nicht offenlegen müsse.
Die Schlüsselfiguren von System 360 waren zuvor bereits in Deutschland mit einer anderen Sicherheitsfirma negativ aufgefallen. Deren Mitarbeiter sollen einem Bankmanager laut deutschen Medien kinderpornografisches Material untergeschoben haben.
In der Schweiz taucht System 360 seit rund 15 Jahren mit wechselnden Adressen in verschiedenen Kantonen auf: Basel, Zürich, Thurgau und Luzern. In Kreuzlingen TG beispielsweise wurde ihr Zweck mit «strategische Beratung von Unternehmen bei der Analyse und Bewertung von unternehmensbezogenen Risiko- und Reputationsentwicklungen» angegeben.
Das erinnert an eine Firma, die dieser Tage ebenfalls in Luzern eingetragen wurde, allerdings an anderer Adresse als die Pluteos. Sie nennt als ersten Zweck ebenfalls die «Erbringung von strategischen Beratungsdienstleistungen unter besonderer Berücksichtigung von Risikoanalysen für Privatpersonen und Unternehmen».
Pikante Neugründung in Luzern
Pikant ist: Einer von drei Gesellschaftern und Geschäftsführer ist Michael Lauber. Er ist der ehemalige Schweizer Bundesanwalt, der über die Schweizerhof-Geheimtreffen mit Fifa-Chef Gianni Infantino gestolpert ist. Besonders bemerkenswert im aktuellen Kontext ist, dass Lauber während seiner Zeit als Bundesanwalt auf die Beratungsdienste des ehemaligen Geheimdienstchefs Hans Wegmüller setzte.
Von 2012 bis 2015, das hatte diese Zeitung einst recherchiert, erhielt Wegmüller von der Bundesanwaltschaft Honorare von gut 130'000 Franken. Wegmüller sei von Lauber «für die Beratung in staatspolitischen, sicherheitsstrategischen und verwaltungstechnischen Fragen beigezogen» worden, hiess es.
Hauptfigur und Vorsitzender der neuen Firma ist jedoch ein Sicherheitsspezialist, der offenbar jahrelang im Mandat für den Schweizer Nachrichtendienst arbeitete, unter anderem im Bereich Sicherheitszusammenarbeit. Konkret geht es um die Jahre 2010 bis 2018.
Laubers Firmenpartner ist eine Grösse im Sicherheitsbereich. Ein israelisches Anti-Terror-Institut schreibt, er beschäftige sich «seit vielen Jahren mit Sicherheit, Konflikten niedriger Intensität und Terrorismusbekämpfung» und habe Spezialkräfte in verschiedenen Kantonen ausgebildet. Er sei unter anderem Teil der Schweizer Geheimdienst-Community.
Mysteriöse Swiss-Connections. Kann alles Zufall sein. Die Schweiz und Luzern im Besonderen scheinen aber eine gute Adresse für Geheimdienstler diverser Art zu sein.
Der Sicherheitsspezialist reagierte bis Redaktionsschluss nicht auf eine Anfrage zur neuen Firma. Michael Lauber konnte nicht erreicht werden. Auch der frühere Chef des Schweizer Auslandgeheimdienstes und Hanning-Partner Hans Wegmüller war wegen Abwesenheit nicht zu sprechen. Aus seinem Umfeld heisst es jedoch, er sei bereits vor fünf Jahren aus der Pluteos AG ausgetreten und habe seither keine Kenntnis mehr von den Vorgängen um die Firma.
Auf die Frage, ob die Schweizer Bundesanwaltschaft im Fall Hanning allenfalls ein eigenes Verfahren führe oder Deutschland Rechtshilfe leiste, antwortet ein Sprecher der Behörde mit Nein: «Die Bundesanwaltschaft ist mit dem angesprochenen Sachverhalt nicht befasst, auch nicht auf dem Rechtshilfeweg.» (schweizheute.ch)

