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Care-Arbeit: Ungleich und systemrelevant

Die Care-Arbeit: Ungleich, untragbar und systemrelevant. Bild zeigt eine Frau beim Putzen ihres Balkons vor violettem Hintergrund
Von Frauen seit Generationen getragen: Die unbezahlte Care-ArbeitBild: watson/keystone
Feministischer Streik

Care-Arbeit: Ungleich und systemrelevant

Frauen leisten weltweit über drei Viertel der unbezahlten Care-Arbeit. Sie pflegen alte Familienangehörige, putzen Häuser, kochen und betreuen die Kinder. Diese unbezahlte Care-Arbeit ist für unser Wirtschaftssystem unabdingbar. Ein Blick auf die Zahlen hinter der Care-Arbeit.
14.06.2026, 14:1414.06.2026, 14:14

Die Anzahl der geleisteten Stunden in der Hausarbeit, beim Putzen, der Pflege von alten Familienangehörigen oder der Betreuung der Kinder bleibt oft unsichtbar. Sie gilt als Privatsache. Doch ist die Care-Arbeit für den allergrössten Teil der weltweit geleisteten Arbeit verantwortlich.

Über drei Viertel der weltweiten Arbeitsstunden in der Care-Arbeit werden von Frauen geleistet – unbezahlt. Dieses Ungleichgewicht führt am Ende zu einer Ungerechtigkeit: Frauen arbeiten mehr für weniger Geld.

Nicht nur werden Frauen für einen Grossteil ihrer Arbeit nicht bezahlt, sie können auch oft, bedingt durch die Care-Arbeit, die sie leisten, nicht am regulären Arbeitsmarkt teilhaben – selbst wenn sie dies wollen würden. Weltweit können rund 748 Millionen Menschen, die Angehörige pflegen, ihr Zuhause putzen, Kinder betreuen, für den Partner kochen oder andere Reproduktionsarbeiten leisten, nicht einer bezahlten Arbeit nachgehen. 94 Prozent davon sind Frauen.

Care-Arbeit
Die Care-Arbeit oder Reproduktionsarbeit umfasst alle Tätigkeiten, die der Betreuung, Pflege, Versorgung und dem emotionalen Wohlbefinden anderer Menschen dienen. Die Care-Arbeit kann bezahlt sein, beispielsweise in der Pflege, oder unbezahlt, zum Beispiel bei der Betreuung von Familienangehörigen.

Dieser Artikel setzt sich ausschliesslich mit unbezahlter Care-Arbeit auseinander.​

Doch selbst wenn mehr Frauen einer bezahlten Arbeit nachgehen können, bedeutet dies keineswegs automatisch eine Änderung der Situation. Die Frauen arbeiten mehr. Wird sowohl die bezahlte Arbeit als auch die unbezahlte Care-Arbeit miteinbezogen, ist der durchschnittliche Arbeitstag einer Frau länger als derjenige eines Mannes. Durchschnittlich arbeitet eine Frau 7 Stunden und 28 Minuten pro Tag, ein Mann dagegen 6 Stunden und 44 Minuten.

Offensichtlich wird diese Entwicklung in Ländern mit mittlerem Einkommen. Zwar haben Frauen durch die Liberalisierung des Arbeitsmarkts öfter die Möglichkeit, einer bezahlten Arbeit nachzugehen, doch gleichzeitig verändert sich auch die Demografie und die Rolle der Familie.

Die Lebenserwartung in Ländern mit mittlerem Einkommen ist mit 73 Jahren rund sieben Jahre höher als in Niedriglohnländern und diese alternde Bevölkerung benötigt mehr Pflege- und Betreuungsarbeit. Gleichzeitig schrumpfen Familien in Ländern mit mittlerem und hohem Einkommen, wodurch der Anteil der Fürsorge, der traditionell durch eine Grossfamilie geleistet wurde, an Bedeutung verliert.

Hilfe bei der Care-Arbeit gibt es kaum – nicht einmal bezahlte. In Ländern mit tiefem und mittlerem Einkommen ist institutionalisierte Care-Infrastruktur, wie Kitas und Pflegeheime kaum vorhanden oder zu teuer.

Was allerdings vorhanden ist, sind Jobs in der Privatwirtschaft. Männer leisten in Ländern mit mittlerem Einkommen deutlich mehr bezahlte Arbeit. Im Gegenzug verbringen sie aber weniger Zeit mit Hausarbeit, der Pflege von Alten oder der Kinderbetreuung. Die Zeit für die unbezahlte Care-Arbeit der Frauen nimmt dadurch insgesamt nochmals zu, um für den drastischen Rückgang der unbezahlten Arbeitsstunden der Männer aufzukommen.

Die Schweiz

Ähnliche Entwicklungen sind auch in der Schweiz zu beobachten. Insgesamt steigen die Arbeitsstunden für Frauen und Männer seit Jahren wieder konstant an. Während der durchschnittliche Arbeitstag in anderen Ländern mit hohem Einkommen bei rund 6 Stunden und 30 Minuten liegt, arbeiten Männer in der Schweiz 7 Stunden und 45 Minuten, Frauen gar 8 Stunden und 10 Minuten. Tendenz steigend.

Allerdings übernehmen Männer in der Schweiz stetig mehr unbezahlte Care-Arbeit. Doch das Ungleichgewicht zwischen bezahlter Arbeit und unbezahlter Arbeit bei Frauen und Männern bleibt hoch – Frauen leisten weiterhin rund 61 Prozent ihrer Arbeitsstunden in unbezahlter Care-Arbeit, Männer nur gerade 42 Prozent. Doch während die unbezahlte Care-Arbeit in der Schweiz insgesamt zunimmt, verschiebt sie sich auch – gerade auf Migrantinnen.

Diese leisten inzwischen fast doppelt so viele Arbeitsstunden in der unbezahlten Care-Arbeit wie noch 2013. Im Allgemeinen leisten Migrantinnen und Migranten mehr unbezahlte Care-Arbeit als Schweizerinnen und Schweizer. Nach dem Bundesamt für Statistik arbeiten Frauen aus Nicht-EU-Drittstaaten rund 42,3 Stunden unbezahlt pro Woche; über zehn Stunden mehr als Schweizerinnen und mehr als doppelt so viel wie Männer mit einem Schweizer Pass.

Unbezahlbare Care-Arbeit?

Diese Diskrepanz zwischen den bezahlten und unbezahlten Arbeitsstunden macht Frauen im Durchschnitt finanziell ärmer als Männer. Trotz der Abhängigkeit unseres Wirtschaftssystems von genau dieser Reproduktionsarbeit zählt sie als Privat- und Familiensache.

Der Bund rechnete im Jahr 2020 mit hypothetischen Ausgaben für die unbezahlte Care-Arbeit von rund 401 Milliarden Franken. Das sind etwas mehr als 9,2 Milliarden unbezahlte Arbeitsstunden.

Weltweit werden 16,4 Milliarden Stunden unbezahlte Care-Arbeit pro Tag geleistet. Würden diese Arbeitsstunden mit einem lokalen, gesetzlichen Mindestlohn entschädigt werden, würden die Ausgaben von rund 11 Billionen US-Dollar neun Prozent des globalen Bruttoinlandprodukts ausmachen, wie der Bericht der International Labor Organization vorrechnet.

Angenommen, dass dieser Lohn gleich auf die geleisteten Arbeitsstunden aufgeteilt wird, stünden den Frauen täglich rund 8,8 Billionen US-Dollar zusätzlicher Lohn zu.

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