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Interview

Menschenhandel in der Schweiz: So kann das Risiko minimiert werden

Interview

Wie geflüchtete Frauen in der Schweiz ausgenutzt werden – und was es noch schlimmer macht

Flüchtende Personen sind stark gefährdet, Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung zu werden. Auch in der Schweiz wird die Notlage vieler Migrantinnen ausgenutzt. Verschärft wird die Situation durch repressive Asylpolitik.
23.11.2023, 05:0823.11.2023, 06:29
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Der Krieg in der Ukraine zog viele Menschen westwärts. Die Schweiz erlebte im vergangenen Jahr eine Flüchtlingswelle wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Fast 100'000 Menschen haben Schutz in der Schweiz gesucht, darunter 75'000 Flüchtende aus der Ukraine. Im laufenden Jahr haben weitere 10'000 Menschen aus der Ukraine ein Schutzstatus-S-Gesuch gestellt.

Kriminelle machen sich insbesondere in Deutschland die Notlage von ukrainischen Frauen zunutze, das zeigen Recherchen von ZDF. Wie die Lage in der Schweiz aussieht, darüber hat watson mit Doro Winkler von der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) gesprochen.

Doro Winkler
Doro Winkler.bild: Nina Lanzi (Copyright FIZ)
Zur Person
Doro Winkler arbeitet seit über 20 Jahren bei der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ), die sich für Migrant:innen einsetzt, die von Ausbeutung und Gewalt betroffen sind. Winkler ist zudem Mitglied des Expert:innengremiums GRETA (Group of Experts on Action against Trafficking) des Europarats.

Sei es bei der Wohnungs- oder Arbeitsuche: ZDF-Recherchen zufolge sind ukrainische Frauen stark gefährdet, ausgebeutet zu werden. Wie sieht es in der Schweiz aus?
Doro Winkler: Wir machen eher die Erfahrung, dass Frauen aus der Ukraine weniger Ausbeutung erleben als andere Geflüchtete. Wir haben festgestellt: Je sicherer die Fluchtroute, je legaler die Migration, desto weniger besteht die Gefahr, Opfer von Menschenhandel zu werden.

Können Sie dies genauer erklären?
Die Flucht der ukrainischen Frauen und Kinder war sehr anders als andere Fluchten: Sie war organisiert. Es standen nach kurzer Zeit Züge und Busse bereit, auch die Ausreise mit dem eigenen Auto war möglich. Die Menschen konnten legal ausreisen und sind in den Aufnahmeländern aufgenommen worden. An den ukrainischen Grenzen gab es viele Präventionsmassnahmen, die die Menschen vor Ausbeutungssituationen warnten.

Schutzsuchende aus der Ukraine können in der Schweiz direkt ein Gesuch für den Schutzstatus S beantragen – und haben so sofort Zugang zum Arbeitsmarkt. Hilft dies bei der Bekämpfung gegen Arbeitsausbeutung?
Im Kontext des Ukrainekriegs war genau das möglich, was wir seit Jahren fordern: sichere Fluchtrouten sowie rasche Aufenthaltstitel. Wenn Geflüchtete schneller erwerbstätig werden, sinkt das Risiko, Opfer von Ausbeutung zu werden. Es ist ein Best-Practice-Beispiel – zumindest im Vergleich mit der Flucht und Aufenthaltssituation von anderen Flüchtenden, die unsichere Fluchtrouten auf sich nehmen.

Die Fluchtroute übers Mittelmeer?
Gefährlich ist sowohl die Mittelmeer- als auch die Balkanroute.

Warum genau die beiden?
Die Menschen werden teilweise gewaltsam und menschenrechtswidrig zurückgeschickt, und Europa zieht aus der Verantwortung. Da es kaum legale Migrationsmöglichkeiten gibt, müssen sie sich verschulden, um die Weiterreise zu organisieren. Damit geraten sie in Abhängigkeiten von Menschen, die sie ausbeuten, sexuell oder als Arbeitskraft. Besonders prekär ist die Situation für Menschen, die in Griechenland landen. 30 Tage, nachdem Geflüchtete dort einen Schutzstatus erhalten, haben sie kein Anrecht mehr auf einen Schlafplatz und/oder Essen. Um überleben zu können, geraten Geflüchtete dann schnell in die Hände von Ausbeutern.

Fluchtrouten
Die gefährlichen Fluchtrouten.grafik: watson / julia neukomm

Kommen Flüchtende mit sicheren Fluchtrouten auch weniger in Kontakt mit Menschenhändlern?
Die besseren Bedingungen im Kontext des Ukrainekriegs verhinderten grösstenteils, dass ukrainische Frauen in Kontakt mit Menschenhändlern kamen, welche gezielt die verletzliche Situation von Geflüchteten ausnutzen. Das zeigt sich auch in den Zahlen: Wir haben von ukrainischen Frauen nur wenige Verdachtsfälle erhalten.

Wie viele Fälle von Ausbeutung sind konkret eingegangen?
Wir hatten im vergangenen Jahr 13 Verdachtsfälle erhalten, wovon sich drei als Menschenhandel bestätigten. Bei den anderen handelte es sich nicht um Menschenhandel oder wir konnten es nicht sicher feststellen, weil der Kontakt abbrach oder wir zu wenig Informationen hatten.

Was waren dies für Fälle?
Zwei der Personen waren aus dem Krieg geflohen und als Arbeitskräfte ausgebeutet worden. Mehr kann ich dazu nicht sagen, weil es hängige Strafverfahren sind. Eine Person war schon vor dem Krieg gekommen und hat Ausbeutung erlebt, ihr wurde mit einer Rückkehr in die Kriegsregion gedroht, wenn sie sich nicht füge und die Arbeiten erledige, zu denen sie gezwungen wurde. Auch hierzu kann ich aus Gründen des Opferschutzes nicht mehr sagen.

Sind die Frauen in der Schweiz ausgebeutet worden – oder auf der Flucht in die Schweiz?
Die drei Fälle haben sich in der Schweiz zugetragen.

In welchen Berufsfeldern sind Frauen am meisten gefährdet?
Ausbeutung kommt in der Prostitution vor, aber auch in Privathaushalten (Haushaltshilfen, Altenbetreuung), in Nagelstudios, Gastronomie, in der Lebensmittelproduktion sowie in der Landwirtschaft.

Gibt es Faktoren, welche die Chancen erhöhen, ausgebeutet zu werden?
Es gibt eine Reihe von Faktoren: hohe Vulnerabilität, fehlende Arbeitsbewilligung, mangelnde Kenntnisse der Rechte, kein soziales Netzwerk, keine Kenntnisse der Sprache. Der Druck, Geld zu verdienen. Der Druck, Schulden zurückzuzahlen.

In Deutschland bieten Männer ukrainischen Frauen Unterkünfte an – gegen Sex. Gibt es solche Angebote auch hierzulande?
Wir haben davon gehört, aber keine handfesten Fälle bisher.

Welche Kantone verzeichnen die meisten Fälle von Ausbeutung?
In der Deutschschweiz sind im Kanton Zürich im vergangenen Jahr 45 Fälle gemeldet worden. Das ist die höchste Anzahl, gefolgt von Bern mit 14 Fällen.

Ist Zürich also die gefährlichste Schweizer Stadt für geflüchtete Frauen?
Nicht unbedingt. Die hohe Anzahl bedeutet nicht zwingend, dass es in Zürich und Bern mehr Ausbeutung gibt als in anderen Kantonen, sondern dass es dort spezialisierte Strafverfolgungsbehörden gibt. Es wird hingeschaut, aktiv ermittelt und es gibt spezialisierte Opferschutzorganisationen wie die FIZ.

«Menschenhandel können wir nur bekämpfen, wenn wir zusammen arbeiten. Alle Akteure.»

Gehen Sie von einer hohen Dunkelziffer aus?
Ja, Menschenhandel ist ein Holdelikt. Wenn man nicht hinschaut, findet man auch keine Fälle. Es braucht proaktives Vorgehen.

Menschenhandel und Ausbeutung
Du bist von Menschenhandel betroffen oder wirst ausgebeutet? Du hast eine entsprechende Beobachtung gemacht und möchtest das melden? Diese Stellen helfen weiter – vertraulich und kostenlos:

Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ):
Tel. 044 436 90 00, www.fiz-info.ch

Schweizer Plattform gegen Menschenhandel – Plateforme Traite:
Tel. 044 436 90 12, www.plattform-menschenhandel.ch

Gibt es einen Fall, der Sie besonders mitgenommen hat?
Umgetrieben hat mich ein Fall einer Frau, die mir von hohen Schulden erzählte, die sie einem Mann zurückzahlen müsse. Dieser Mann brachte sie in die Prostitution, beutete sie aus und drohe ihr, ihrer Familie zu erzählen, dass sie sich in der Schweiz fremden Männern hingebe. Wir vermuteten, dass sie Opfer von Menschenhandel geworden ist, und wir wollten sie für einige Tage an einem sicheren Ort unterbringen. Doch der zuständige Kanton zeigte sich erst zurückhaltend und meinte, dass die Frau nach diesen schrecklichen Erlebnissen doch lieber zurück in ihre Heimat möchte. Es ist also sehr unterschiedlich, ob jemand angemessene Unterstützung erhält, je nach Kanton, in dem die Person ausgebeutet wurde. Aufgrund meiner langjährigen Tätigkeit weiss ich, dass es für Betroffene sehr schwierig ist, Unterstützung zu suchen, weil sie sich davor fürchten, dass die Täter sie suchen und sie wieder in die Ausbeutung geraten. Ohnehin braucht es sehr viel Mut, aus einer Ausbeutungssituation auszubrechen und darüber zu sprechen.

«Menschenhandel ist ein Holdelikt. Wenn man nicht hinschaut, findet man auch keine Fälle.»

Im Alltag erleben Sexarbeitende durch die Polizei häufig Repression und Ablehnung, ist aus einem FIZ-Bericht zu entnehmen. Beeinflusst dies das Vertrauen nicht negativ?
Wichtig ist es, Sexarbeit und Menschenhandel zu unterscheiden. Solche Erlebnisse schmälern das Vertrauen in die Polizei und andere staatliche Institutionen. Schätzungen zufolge sind 90 Prozent der Sexarbeitenden in der Schweiz Migrant:innen. Helfen würde, wenn sich Behörden auf die Arbeitsbedingungen statt auf den Migrationsstatus konzentrierten und dann Ausbeutung erkennen könnten.

Was passiert mit den Menschen, nachdem sie sich jemandem anvertraut haben?
Wichtig ist, dass sie mit einer der spezialisierten Stellen vernetzt werden. Viele der Opfer kommen durch die Polizei zu uns sowie durch andere Beratungsstellen. Bei uns erhalten Männer, Frauen und trans Personen professionelle Hilfe, darunter zählt unter anderem psychosoziale Beratung, finanzielle Hilfe, Vermittlung und Zusammenarbeit mit Anwält:innen und Ärzt:innen sowie die Unterstützung bei einem Härtefallgesuch oder bei einer gewünschten Rückkehr ins Heimatland. Menschenhandel können wir nur bekämpfen, wenn wir zusammenarbeiten. Alle Akteure.

Was spendet Betroffenen Hoffnung?
Für die Betroffenen ist eine Verurteilung der Täter ein wichtiger Schritt. Aber ebenso wichtig ist es, dass sie die Chance erhalten, ein freies Leben nach der Ausbeutung zu leben, ein Leben, das sie selber kontrollieren, ohne in Abhängigkeit zu sein oder von jemandem kontrolliert und unterdrückt zu werden.

Werden auch Opfer zu Tätern gemacht?
Ja, immer wieder. Vielfach werden Opfer von Menschenhandel gezwungen, strafbare Delikte wie Diebstähle, Drogenschmuggel oder Einbrüche zu begehen. Diese Form des Menschenhandels nennt man «Menschenhandel zwecks Ausübung krimineller Handlungen». Viele der Betroffenen werden nicht als potenzielle Opfer erkannt, sondern für ein Delikt bestraft und landen im Gefängnis. Da braucht es Sensibilisierung und Schulung.

Abgesehen von sicheren Fluchtrouten: Was braucht es, damit Frauen besser vor Ausbeutung geschützt sind?
Dieser Frage würde einen ganzen Artikel füllen. Anfangen würde er bei den Lebensgrundlagen, die nicht durch Kriege, die Klimakrise oder etwa den Rohstoffabbau zerstört werden dürfen.

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Die Flucht einer jungen Saudi-Araberin
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Rahaf Mohammed al-Kunun hat es geschafft, sich vor ihrer Familie in Sicherheit zu bringen.
quelle: ap/the canadian press / chris young
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68 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Glücklich
23.11.2023 07:22registriert August 2022
Menschen flüchten vor Krieg, Zerstörung, Folter und Vergewaltigung. Sie sind vielfach traumatisiert und haben alles verloren. Endlich im vermeidlich sicheren Land angekommen werden sie durch skrupellose Kriminelle nochmals ausgenutzt.

Diese Täter müssen mit sämtlichen möglichen Mitteln verfolgt und ganz hart bestraft werden. Was für Menschen sind das nur?
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Voraus denken!
23.11.2023 07:23registriert März 2022
Das Beispiel der ukrainischen Flüchtlingen zeigt, dass es sehr stark darauf ankommt, ob man zu Nachbarn flüchtet oder in eine völlig andere Realität.

Die Ukraine war auf dem Weg zu einer offenen Gesellschaft. Die Frauen in der Ukraine hatten dieselben Bildungschancen wie die Männer.

Asyl wurde eingeführt um bei Nachbarn Sicherheit zu bekommen. So funktioniert das System auch besser.
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Bruno Wüthrich
23.11.2023 08:22registriert August 2014
Es ist schon extrem dreckig, die Notlage anderer Menschen zum eigenen Vorteil auszunutzen. Wie kann man nur?
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Nachteil für die Ukraine – sie darf US-Waffen nicht auf russischem Gebiet einsetzen

Die Ukraine hat aus Sicht von Experten Nachteile im Abwehrkampf gegen den russischen Angriffskrieg, weil sie die US-Waffen nicht auch gegen Ziele auf dem Gebiet des Nachbarlandes einsetzen darf. Die von den USA und vom Westen verhängten Einschränkungen bei der Anwendung der Waffen nutze Russland aus, um quasi aus einem geschützten Raum direkt aus dem Gebiet an der Grenze zur Ukraine anzugreifen, hiess es in einer Analyse des Instituts für Kriegsstudien (ISW) in Washington vom Freitag (Ortszeit).

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