Pflegerin erzählt: «Manche kratzen ihre Wunden absichtlich auf»
«Es glatts Zähni» gibt sich Elisabeth Kohler nach dem ersten Besuch bei einem Bauern mit einem bösen Bein wegen Diabetes. Er hat in die Behandlung eingewilligt und ihr sogar Kaffee angeboten. Wenn auch aus der Incarom-Büchse. Dann bittet sie den Bauern, dass er das nächste Mal einen Viertel seines Tisches freiräumt, damit sie besser arbeiten könne. Darüber schreibt sie in einer Kolumne: Ihre Texte, die zuerst auf der Webseite der Schweizer Gesellschaft für Wundbehandlung erschienen sind, liegen nun als Buch vor.
Der Besuch beim Bauer endet dann doch nicht so erfolgreich. Er weigert sich, seinen Tisch aufzuräumen. Der Mann schnäuzt sich umständlich, hustet, kratzt sich am Haar, faltet die Zeitung im Zeitlupentempo zusammen, mustert die Spitex-Frau erneut und sagt: «Nein.» Ein ‹Gestellter› – so nenne man das beim Schwingen, schreibt Kohler. «Wie, nein?», fragt sie den Bauern ungläubig. Er antwortet schlicht: «Wie kann ein Nein anders als mit einem Nein erklärt werden?»
Die Geschichten sind so scharfzüngig und klug geschrieben, dass die Journalistin schon eine recht gute Idee hat, wen sie antreffen wird, zum Interviewtermin auf dem Stützpunkt der Spitex Region Interlaken in Unterseen.
In Ihren Kolumnen beschreiben Sie, wie sie Ihre Patienten auf dem Land besuchen. Manchmal gibt es Incarom-Kaffee. Mögen Sie diese etwas museale Welt?
Elisabeth Kohler: Ja, dieser Einblick gefällt mir sehr. Diese Orte, wo man das Gefühl hat, die Zeit sei stehen geblieben. Aber auch das bescheidene Leben beeindruckt mich. Es ist entschleunigend. Obwohl wir von der Spitex immer unter Zeitdruck stehen, ist es wie mit kleinen Kindern: Pressieren nützt nichts. Das ist schön.
Gleichzeitig sind Sie auch ein Eindringling.
Ja, am Anfang bin ich oft nicht willkommen. Denn die Leute wollen nicht abhängig sein und nicht, dass das ganze Dorf sieht, dass das Spitex-Auto vor dem Haus steht.
Die Leute finden das demütigend?
Ja, es ist das Thema des Altwerdens. Vieles entgleitet einem und immer mehr reden rein, die Angehörigen, die Kinder, Ärzte, Pflegepersonal... Hilfe annehmen ist schwierig. Ich weiss nicht, ob ich es dereinst kann, mir einzugestehen, dass ich angewiesen bin auf andere. Und dann hat man diese Termine und die Spitex, die in die privaten Räume kommt.
Wie lautet Ihre Strategie, um doch willkommen zu sein?
Ich versuche den Patienten die Angst zu nehmen. Ich verspreche ihnen beim ersten Mal, dass ich wieder fort bin, sobald es mich nicht mehr braucht. Und dass ich ihnen auch nichts aufschwatze.
Die Leute wollen mitbestimmen. Wie geht das, wenn sie gar nicht vom Fach sind?
Das Wichtigste ist, mit einfachen Worten zu erklären, warum etwas aus medizinischer Sicht nötig ist. Denn sonst ist das Beineinbinden nur heiss, es juckt, es verrutscht, man kommt nicht mehr in die Schuhe. Es gibt keinen Grund, dass man gerne die Beine einbinden will. Ausser man versteht, warum.
Es hat nichts mit der Kultur zu tun, dass man, wenn man ein Leben lang unabhängig auf seinem Hof gewirtschaftet hat, mehr Mühe hat, Hilfe anzunehmen?
Das glaube ich nicht. Die Geschichten, die ich erzähle, könnten genauso in der Stadt spielen. Ich glaube, der Mensch möchte möglichst unabhängig sein.
Das braucht auch Geduld, oder?
Genau, das ist das, was ich am Anfang als Wundpflegerin bei einem Bauern gelernt habe. Man soll niemanden überfahren. Sondern zum Beispiel erst mal ein Bein statt beide einbinden und dann schauen, wie es sich anfühlt.
Und Sie haben dabei gelernt eine Socke zu stopfen, stimmt das?
Ja, die Frau, nachdem ich ihr anhand eines Strumpfes und einer Stopfkugel erklärt hatte, warum man Beine einbinden sollte, hat mir das Sockenstopfen gezeigt. Sie bestand darauf.
Auch wenn Sie wahrscheinlich keine Wollsocken haben?
Doch, ich habe etwa zehn Paare bekommen im Verlauf von meiner Karriere. Die habe ich gerne. Aber wenn sie kaputt sind... Ich kann noch immer nicht Socken stopfen.
Sie beschreiben, wie schwer es ist, seinen Lebenswandel umzustellen, obwohl das für die Wundheilung meist zwingend ist.
Gewohnheiten zu ändern ist extrem schwierig. Ich als Bewegungsmensch würde mich auch nicht daranhalten, wenn mir gesagt würde, jetzt darfst du nur noch rumsitzen und dich nicht mehr bewegen. Nie.
Sind es alles hoffnungslose Fälle?
Nein, nein. Gerade heute morgen kam ich zu einem Mann, der das eine Bein amputiert hat wegen der Spätfolgen des Diabetes. Um das andere Bein kämpfen wir seit vier Jahren. Als ich heute reinkam, sah ich mein Buch auf dem Tisch liegen, das er sich gekauft hatte. Ich sagte: «Ah, gute Lektüre!» Er antwortete: «Und das hat im Fall schon was genützt.» Er hatte einen alten Hometrainer im Keller entstaubt und sagte, das habe ihm eingeleuchtet, dass Bewegung nütze, den nutze er jetzt. Aber nur fünf Minuten am Tag. Super, oder?!
Stimmt eigentlich das Vorurteil, dass sich die ältere Generation ungesünder ernährt und mit Zucker sorglos umgeht?
Die Nahrung ist vielleicht schon noch eine andere in dieser Generation. Sie haben kalorienmässig auch viel mehr gebraucht. Und der Zucker wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ein Luxusgut. Aber ihre Lebensmittelauswahl ist auch viel kleiner: Sie nehmen keine Koffein-Drink, keine Red Bulls, keine Cola, vielleicht mal selbst gemachter Sirup. Sie essen keinen Convenience-Food. Am Sonntag war ich am Geburtstag meines veganen Gottenbubs eingeladen. Da sah ich das Buffet und dachte: Ist denn das gesunde Ernährung, wenn sie dermassen verarbeitet ist?
Sie haben geschrieben, manchmal dürften die Wunden auch nicht heilen, weil dann die Spitex nicht mehr kommt: Wie gross ist das Thema Einsamkeit? Ist das immer da?
Nein, nicht immer. Die meisten Leute haben ein gutes Umfeld und wollen uns wieder loswerden. Aber es gibt einen kleinen Prozentsatz, wo die Spitex fast der einzige Kontakt ist zur Aussenwelt. Und die wollen uns behalten und geniessen es. Manchmal kratzen sie Wunden absichtlich auf oder verletzen sich.
Was machen Sie dann?
Ich versuche, den Grund zu erfahren. Da helfen uns jeweils die Kolleginnen und Kollegen der Psychiatriespitex. Es gibt auch viel in meinem Berufsalltag, das ich nicht lösen kann. Und natürlich gibt es auch die, die sagen, es ist mir gleich mit diesem Zucker, ich esse weiter wie ich will, das geht euch nichts an. Unser erstes ethisches Prinzip ist die Autonomie. Wir verbieten den Basejumpern, die zu uns nach Lauterbrunnen kommen und ihr Leben riskieren, ja auch nicht zu springen.
Sie müssen das aber aushalten können. Sie beschreiben zum Beispiel, wie es in einer Wohnung riechen kann, wenn jemand Hautkrebs hat und wie verzweifelt diese Paare sind.
Ja, das müssen wir aushalten.
Ist Ihnen das von Anfang an gelungen?
Nein. Am Anfang wollte ich immer alles ändern, optimieren. Man könnte doch noch etwas, es gibt doch sicher noch etwas. Bis ich gemerkt habe: Es stört mich mehr als die Patienten. Da musste ich fast 59 Jahre alt werden, um das zu merken. Ich frage die Patienten daher immer: Was erwartet ihr von mir?
Nicht alle möchten 100 Jahre alt werden. Und Sie?
Bei guter Gesundheit schon. Aber es ist kein Grundrecht von Menschen. Und man muss es sich immer mal wieder überlegen, ob man das Weiterleben unter schwierigen Umständen noch will. Ich glaube, ich will dereinst nicht elf Tabletten morgens nehmen, wenn ich trotzdem stark leide.
Schwierige Entscheidungen.
Natürlich. Manche sagen immer: Nichts ist mehr gut und ich will sterben. Und dann hätten sie eine kleine Chance zu sterben und gehen doch ein Antibiotikum holen.
Ihr Beruf steht auch in einem Spannungsfeld. Sind Sie zufrieden mit Ihrem Lohn?
Nein. Die Pflegeinitiative hat noch rein gar nichts bewirkt. Nur in die Ausbildung wurde Geld investiert. Aber die neu Ausgebildeten bleiben nicht, weil sich eben im Alltag noch nichts geändert hat.
Haben Sie das Gefühl, dass die Spitex erledigen muss, womit sonst keine Fachperson zu tun haben will?
Das ist manchmal so. Wenn die Patienten eine Therapie nicht wollen, bekommen sie keine Termine mehr bei den Spezialisten. Bei uns braucht es viel, dass wir einen Einsatz ablehnen dürfen.
Aus welchen Gründen lehnen Sie Einsätze ab?
Sexuelle Belästigung. Oder «nicht zumutbare Arbeitsbedingungen», wenn es von den hygienischen Verhältnissen her wirklich nicht geht oder die Wohnung von Insekten befallen ist. Oder Situationen, wo es mehr Leute braucht, um jemanden zu pflegen. Wenn jemand zu schwer ist, zum Beispiel.
Finden Sie, es gibt einen Mangel an Respekt gegenüber der Spitex?
Ich würde sagen, mindestens 70 Prozent ist grosse Wertschätzung. Und die Leute sind froh und dankbar. Aber anders als im Spital sind wir in viel näherem Kontakt mit den Patienten. Sie wissen von uns: Frau Meier zieht die Schuhe nie aus. Frau Müller redet so viel. Und Frau Koller findet es immer lustig, dabei ist es gar nicht lustig. Wir sind sehr identifizierbar. Entweder man passt, oder man passt nicht. Und davon hängt auch die Wertschätzung ab.
Wie sieht die Wertschätzung seitens der Spitäler aus?
Die sehen halt manchmal verrutschte Verbände, weil der Patient vor der Einweisung noch im Stall war. Oder dass die Zehennägel nicht geschnitten sind. Da heisst es schon mal: Was macht denn die Spitex? Schaut die nicht?
Das hören Sie?
Ja, das wird seitens der Pflege im Spital diskutiert. Da denke ich: Kommt doch mal zu uns schauen, das wäre so schön. Umgekehrt auch! Wir sehen auch, wenn die Patienten nicht gewaschen wurden, weil sie das gelbe Desinfektionsmittel noch am Fuss haben nach Operationen vor zehn Tagen. Und manchmal werden unsere Rapporte nicht gelesen – die Wundexpertin im Spital beginnt wieder von vorne. Das ist sehr schade! Wir sollten mehr mit- statt gegeneinander arbeiten.
Wie kam es eigentlich, dass Sie bei der Spitex die Wundexpertin wurden?
Zufällig. Eine Patientin sagte zu Beginn meiner Tätigkeit bei der Spitex, sie hätte da noch eine Wunde, hob ihren Wolljupe an und ich sah zwei offene Unterschenkel. Keine gesunde Haut mehr. Ich hatte keine Ahnung, was jetzt zu tun war. Die Teamleiterin verwies mich auf Verbandsmaterial im Schrank.
Das war nicht befriedigend?
Nein, ich dachte, das kanns nicht sein! Darauf rief ich die Firma an, deren Namen auf der Verpackung stand. Die Frau am anderen Ende erzählte mir von Wundexpertinnen und sie würde jemanden schicken. So lernte ich, wie man Wunden pflegt, und war am Abend schon die Wundspezialistin in unserem Team. Eine Blitzkarriere (lacht). Die richtige Ausbildung folgte dann noch.
Elisabeth Kohler-von Siebenthal, «Der wunde Punkt. Landauf, landab als Pflegende», Lokwort Verlag, 126 S.
