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Thurgauerin führt Brieffreundschaften mit Menschen in US-Todeszellen

Jennifer Horat pflegt Brieffreundschaften mit Menschen aus der Todeszelle.
Jennifer Horat pflegt Brieffreundschaften mit Menschen aus der Todeszelle.Bild: Benjamin Schmid

«Um die Zeit erträglicher zu machen»: Diese Thurgauerin schickt Briefe in den Todestrakt

Aus dem idyllischen Lengwil-Oberhofen schreibt Jennifer Horat seit Jahrzehnten an Menschen in US-Todeszellen. Ihr Ziel ist es, den Gefangenen ein Stück Normalität und unantastbare Menschenwürde zu schenken.
26.07.2026, 16:5026.07.2026, 16:50
Benjamin Schmid / ch media
Darum geht es
Jennifer Horat aus Oberhofen schreibt seit Jahren Briefe an Menschen im US-Todestrakt. Über die Organisation Lifespark hält sie zwei Brieffreundschaften nach Texas und Arizona. Mit ihren Briefen will sie den Gefangenen Normalität und Würde vermitteln.

Der Küchentisch im thurgauischen Oberhofen ist der Ausgangspunkt für Reisen in eine völlig andere Welt. Jeden Sonntagmorgen früh beginnt für Jennifer Horat das gleiche Ritual: Sie kocht sich einen Espresso, nimmt gutes Briefpapier zur Hand und greift zur Tinte. Per Hand verfasst sie Zeilen, die wenig später die dicken Mauern amerikanischer Hochsicherheitsgefängnisse durchbrechen.

Seit fast 45 Jahren lebt die heute 74-jährige Rentnerin, die ursprünglich aus Südafrika stammt, in der Region. Sie ist verheiratet, Mutter von vier Kindern und Grossmutter von acht Enkelkindern. Ein normales, ausgefülltes Leben im Grünen und doch unterscheidet sie eine Sache grundlegend von ihren Nachbarn: Seit den 1990er-Jahren pflegt Jennifer über die Organisation Lifespark Brieffreundschaften mit Insassen, die im Todestrakt jahrzehntelang auf ihre Hinrichtung warten.

Der Anstoss für dieses tiefgründige Ehrenamt kam durch den Tipp einer Bekannten. «Eine Freundin erzählte mir davon, und da ich gerne schreibe, hat es mich sofort interessiert», erinnert sich Horat. Aktuell unterhält sie zwei solche Brieffreundschaften parallel: ein Kontakt führt nach Texas, der andere nach Arizona. Es sind Welten, die in diesen Briefumschlägen aufeinanderprallen. Während ihr eigener Alltag im ländlichen Thurgau von friedlicher Freiheit geprägt ist, vegetieren ihre Briefpartner in winzigen, fensterlosen Betonzellen. Genau diesen extremen Kontrast nutzt die Rentnerin bewusst, um den Gefangenen Trost zu spenden.

Ein Fenster zur Welt

In ihren Briefen schildert sie die kleinen, schönen Dinge ihres Lebens. «Ich schreibe über meinen Alltag. Sie weniger, da ihr Alltag schwer belastend ist und sie wenig Abwechslung haben», erklärt die Oberhofnerin. Mit ihren geschriebenen Worten versucht sie, die kargen Gefängniszellen für kurze Momente vergessen zu machen. «Ich hingegen habe ein vielfältiges Leben, und davon erzähle ich ihnen: was im Garten wächst, wie mein Haus riecht, wenn ich Brot backe, was ich koche, stricke, lese, mache, sehe, von meiner Familie.»

Ich versuche ihnen das Gefühl zu vermitteln, Teil meines normalen Lebens zu sein.

Für Jennifer Horat ist dieses Engagement eine Verpflichtung, die sie sich vorab reiflich überlegt hat. Die ständige Konfrontation mit der Todeszelle empfindet sie nicht als psychische Last, sondern als einen Akt purer Menschlichkeit. Das ist der Grund, warum sie schreibt: «Um die verbleibende Zeit, die diese Person hat, erträglicher zu machen.»

Wenn ein Brief mit dem offiziellen Zensurstempel der US-Justizbehörden in ihrem Briefkasten landet, empfindet sie deshalb keine Beklemmung, sondern schlichte Vorfreude auf das Lebenszeichen vom anderen Ende der Welt. Dass Wärter und Beamte jede Zeile mitlesen, schränkt sie nicht ein, denn sie hat nichts zu verbergen und achtet penibel darauf, die Insassen durch unbedachte Äusserungen niemals in Schwierigkeiten zu bringen.

Über die Jahre entstehen so emotionale Bindungen, die trotz der enormen Distanz so tief werden wie jede andere Freundschaft im echten Leben. Horat musste auch schon die schmerzhafteste Erfahrung machen, die dieses Ehrenamt mit sich bringt: Ihr allererster Brieffreund wurde nach jahrelangem Austausch hingerichtet. «Mit meinem ersten Brieffreund, der nach vielen Jahren des Schreibens hingerichtet wurde, war ich tief verbunden und vermisse ihn bis heute noch. Sein Leben und unsere Freundschaft haben mir sehr viel bedeutet.»

In den schweren Stunden vor dem Hinrichtungstermin suchten sie gemeinsam nach Halt und am Ende war es der Todgeweihte selbst, der die Schweizerin tröstete. Für den Tag X gibt es kein festes Abschiedsritual, nur einen letzten, unendlich schweren Brief.

Die Tat bleibt verborgen

Ein zentrales Geheimnis hinter der Stabilität dieser Brieffreundschaften liegt in einer bewussten Aussparung: Jennifer Horat kennt die Verbrechen der Männer nicht. «Ich weiss nicht, weshalb meine Brieffreunde im Gefängnis sind», sagt Jennifer und ergänzt: «Es ist mir nicht wichtig, zu wissen, warum sie im Todestrakt sind. Das ist nicht die Basis unserer Freundschaft.»

Wer offen zueinander ist, darf zwar alles fragen, doch für sie steht die Gegenwart des Menschen im Fokus, nicht dessen juristische Akte. Gewissensbisse gegenüber den Opfern und deren Angehörigen belasten sie dabei nicht. Ihr Mitgefühl bleibt aber uneingeschränkt und schliesst niemanden aus.

Da viele Menschen mit reiner Neugierde auf so eine Brieffreundschaft reagieren, erzählt sie nicht jedem davon. «Und wenn, dann werde ich nur nach der Tat gefragt, was ich nicht beantworten kann.» Angetrieben wird die Rentnerin von einem unerschütterlichen Glauben an den inhärenten Wert des Lebens und die Würde, die jedem zusteht. «Würde ist das, was wir für uns selbst verlangen.»

Kraft für ihren Alltag muss Jennifer Horat wegen der Briefe nicht extra auftanken, da der Austausch für sie eine Bereicherung und keine Last darstellt. Dennoch widmet sie ihre Freizeit leidenschaftlich gerne kreativen Hobbys wie dem Nähen, dem Lesen oder dem Stricken für gemeinnützige Zwecke.

Wenn Jennifer Horat am Sonntagmorgen die Feder ansetzt, geht es um nichts Geringeres als um das Fundament unseres Zusammenlebens. Ihr grosser Wunsch für die Zukunft bleibt der Frieden – im Kleinen wie im Grossen. Ihre Briefe sind kein Freispruch, sondern ein unübersehbarer Funke Licht in der dunkelsten Nacht der Justiz. «Es würde mich freuen, wenn es jemanden inspirieren würde zu einer Brieffreundschaft mit einem Menschen im Todestrakt.»

Wer daran interessiert ist, bei Lifespark mitzumachen und Brieffreundschaft mit jemandem aus der Todeszelle zu schliessen, findet Kontaktmöglichkeiten unter www.lifespark.org oder per E-Mail an contactus@lifespark.org. (schweizheute.ch)

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Die beliebtesten Kommentare
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Jacob Crossfield
26.07.2026 17:40registriert Dezember 2014
Die Würde des Menschen ist unantastbar. Grossen Respekt für diese Dame. Btw eine aufgeklärte Demokratie kennt keine Todesstrafe.
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