So will die Kartoffelbranche zukünftig dem Klimawandel trotzen
Seit Beginn der Aufzeichnungen wurden in der Schweiz nie weniger Kartoffeln geerntet als in diesem Jahr. Grund sind der Hitzesommer und die langen Trockenphasen. Zukünftig soll sich deswegen einiges ändern, denn der Klimawandel schreitet schnell voran.
Die diesjährige Gesamternte beträgt 333’000 Tonnen, 20 Prozent weniger als der Durchschnitt der letzten sechs Jahre. Auch bei den Erträgen pro Hektar sieht es düster aus. Dieses Jahr ist der Ertrag so tief wie letztmals vor über 60 Jahren. Bei einer Selbstversorgung von etwa 75 Prozent wird der Rest aus dem Ausland importiert, um die Nachfrage decken zu können. Dazu sind die diesjährigen Kartoffeln kleiner als in anderen Jahren. Die gute Nachricht ist: der Qualität tut dies keinen Abbruch.
Obwohl Konsumentinnen und Konsumenten mit etwas höheren Kartoffelpreisen rechnen müssen, drohe laut Christian Bucher von Swisspatat keine Kartoffelkrise. Im Interview spricht er darüber, wie die Branche zukünftig dem Klimawandel trotzen will und worauf sich die Kundschaft einstellen muss.
Wie geht es den Schweizer Kartoffelbauern?
Christian Bucher: Aufgrund der heutigen Rahmenbedingungen wie beispielsweise dem eingeschränkten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist der Kartoffelanbau bereits zu einer Herausforderung geworden. Der Klimawandel erschwert mit seinen Witterungsextremen den Anbau noch zusätzlich. Die Kartoffelproduzenten tragen damit ein höheres Risiko.
Haben einige Kartoffelproduzenten schon das Handtuch geworfen?
Ja, das hat bereits dazu geführt, dass der eine oder andere Produzent den Kartoffelanbau aufgegeben hat. Das sehen wir auch in den Zahlen: Jedes Jahr geben rund 50 bis 100 Betriebe den Kartoffelanbau auf. Andere Produzenten kompensieren dies jedoch, indem sie ihre Anbauflächen vergrössern. Die durchschnittliche Kartoffelanbaufläche pro Betrieb steigt deshalb stetig.
Welchen Einfluss hat der Klimawandel?
Da es in der Schweiz wärmer wird, treten neue Schädlinge auf, die wir vor einigen Jahren noch nicht hatten. Das ist zunehmend eine Herausforderung. Gleichzeitig haben wir die Problematik, dass uns immer weniger Pflanzenschutzmittel zur Verfügung stehen, während die Zahl der Krankheiten und Schädlinge zunimmt. Das ist natürlich ein Zielkonflikt.
Gäbe es auch andere Lösungen als Pflanzenschutzmittel?
Robustere Sorten könnten dieses Problem ein Stück weit lösen, da sie weniger anfällig für Krankheiten sind. Das geht allerdings nicht von heute auf morgen. Deshalb sind Pflanzenschutzmittel weiterhin notwendig.
Wird in Zukunft also eher auf robustere Kartoffelsorten gesetzt?
Grundsätzlich verfolgen wir die Strategie, robuste Sorten stark zu fördern. Bis 2040 sollen 80 Prozent der Schweizer Kartoffeln aus robusten Sorten stammen. Momentan gibt es allerdings noch nicht viele solcher Sorten auf dem Markt. Die Züchtung einer neuen Sorte dauert 12 bis 15 Jahre – angesichts des fortschreitenden Klimawandels ist das eine lange Zeit. Neue Züchtungstechnologien können uns dabei helfen, Sorten schneller an die zunehmende Trockenheit anzupassen.
Welche weiteren Anpassungen sind neben robusteren Sorten nötig?
Die Bewässerung ist für den Schweizer Kartoffelanbau sehr wichtig. Mit Bewässerung lässt sich ein Mehrertrag von bis zu 50 Prozent erzielen. In Zukunft gibt es verschiedene Massnahmen: Einerseits besteht bei der Technik durch die Digitalisierung noch Optimierungspotenzial. Andererseits muss auch die Wasserverfügbarkeit langfristig sichergestellt werden – Stichwort Wasserspeicherung. In der Schweiz gibt es bereits erste Projekte, bei denen Wasser in grossen Seen gespeichert wird.
Dieses Jahr sorgte die Trockenheit für eine kleinere Kartoffelernte. Was sind die Folgen etwa für Chips?
Die Kartoffeln sind dieses Jahr tendenziell etwas kleiner. Aus kleineren Kartoffeln entstehen auch kleinere Chips. Es gibt zwar weniger Schweizer Kartoffeln, aber die fehlende Menge für die Chipsproduktion wird aus dem Ausland importiert.
Durch die Verknappung stellt sich die Frage nach möglichen Preissteigerungen: Ab wann müssen sich Konsumentinnen und Konsumenten auf höhere Preise einstellen?
Ab sofort. Allerdings bewegen sich die Preissteigerungen pro Kilogramm im Rappenbereich. Das ist abhängig vom Detailhandel, der die Preise selbst festlegt. Deshalb lässt sich derzeit nicht absehen, wie stark die Preise im Detailhandel tatsächlich steigen werden.
