Schweiz
Interview

Mehrkosten bei Luftabwehr-Beschaffungen – Militärexperte ordnet ein

epa13020156 A Patriot anti-aircraft missile system is on display during the German Armed Forces Day at the Laage Air Base, located within the Rostock-Laage Airport area, Germany, 06 June 2026. EPA/FIL ...
Die Schweiz hat US-Patriot-Systeme bestellt – geliefert wurden sie jedoch noch nicht. Darum soll ein zusätzliches Luftabwehrsystem her. Bild: EPA
Interview

Militärexperte zu Mehrkosten bei der Luftabwehr: «Die Schweiz hat keine andere Wahl»

Bei den Beschaffungen für die Luftabwehr könnten Mehrkosten von bis zu neun Milliarden Franken entstehen. Ein Militärexperte ordnet ein, wie es dazu kommen konnte und welche Alternativen jetzt noch bleiben.
02.07.2026, 18:0502.07.2026, 18:17

Die Kosten für die Luftabwehrsysteme der Schweizer Armee dürften gemäss Recherchen von SRF deutlich höher ausfallen als bisher angenommen. Insgesamt könnte es zu Mehrkosten von bis zu neun Milliarden Franken kommen.

Die Schweiz hatte 2022 fünf US-Patriot-Systeme bestellt. Damals wurden die Kosten auf zwei Milliarden Franken geschätzt. Nun berichtet SRF mit Bezug auf zwei voneinander unabhängige Quellen, dass diese Kosten zwei- oder dreimal so hoch ausfallen dürften.

Wegen Lieferverzögerungen bei den Patriot-Systemen plant der Bundesrat ausserdem die Beschaffung eines zusätzlichen Luftabwehrsystems. Der Bundesrat schätzt die Kosten dafür inklusive Munition, Logistik oder Ausbildung auf insgesamt fünf Milliarden Franken.

Militärstratege Marcel Berni ordnet diese neueste Entwicklung für watson ein.

Die Schweiz fährt zweigleisig: Neben den US-Patriot-Systemen will sie ein zusätzliches bodengestütztes Luftabwehrsystem beschaffen. Welche Anforderungen muss dieses erfüllen?
Marcel Berni: Wegen der verzögerten Lieferung von Patriot verfügt die Schweiz nicht über alle Fähigkeiten, um die Luftabwehr zu garantieren. Diese Lücke sollte ein zusätzliches System schliessen.

Zur Person
Marcel Berni ist Militärhistoriker und seit 2014 an der Dozentur Strategische Studien der Militärakademie an der ETH Zürich tätig. Er beschäftigt sich mit historischen und zeitgenössischen Militärstrategien.
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Bild: zvg

Welche Lücken gibt es konkret?
Uns fehlen Möglichkeiten zur Abwehr von ballistischen Raketen und Marschflugkörpern aus grösserer Reichweite. Doch genauso wichtig für ein neues System wäre, dass es mit Patriot und der hiesigen sowie mit anderen europäischen Luftwaffen kompatibel ist. Und es müsste zuverlässig sein, was die Lieferbarkeit und Munitionsversorgung angeht.

Die Kosten für ein zusätzliches Luftabwehrsystem dürften sich auf fünf Milliarden Franken belaufen. Haben wir überhaupt eine andere Wahl, als diese saftige Rechnung zu bezahlen?
Wenn die Schweiz verteidigungsfähig gegen Gefahren aus der Luft sein will, hat sie keine andere Wahl. Im Moment sind wir gegen viele Bedrohungen aus der Luft ungenügend geschützt. Die Wahl, die die Schweiz also hat, besteht in ihrem Anspruch: Welche Räume und Objekte sollen geschützt werden? Und was darf das kosten?

Sind wir in der Luftabwehr nur ungenügend oder komplett ungeschützt?
Wir sind nicht komplett ungeschützt, aber die Lücken sind gross. Gegen Flugzeuge verfügt die Schweiz mit der Luftwaffe und den bestehenden Fliegerabwehrmitteln über eine Grundfähigkeit. Die Schweiz hat aktuell aber keine Abwehrsysteme gegen ballistische Raketen, Marschflugkörper oder Drohnen – und genau diese Waffensysteme erweisen sich im Ukraine-Krieg als besonders tödlich.

Die Patriot-Systeme dürften doppelt oder dreimal so viel kosten wie ursprünglich gedacht. Wie sind solche Mehrkosten in Ihren Augen zu rechtfertigen?
Die Preise auf dem Rüstungsmarkt sind aufgrund des Ukrainekrieges explodiert. Zur erhöhten Nachfrage kommen die Teuerung, ausgelastete Produktionslinien und die Priorisierung von anderen Ländern dazu. Aus heutiger Sicht lässt sich ausserdem sagen, dass die ursprüngliche finanzielle Planung wohl zu optimistisch war.

Wo liegt Ihrer Meinung nach die grösste Dringlichkeit bei der Luftverteidigung?
Die Drohnenabwehr und der Schutz kritischer Infrastruktur aus kurzer sowie mittlerer Distanz sollten Priorität haben. Diese Fähigkeiten sind auch schneller beschaffbar und günstiger als die Abdeckung der grossen Reichweite.

Das Patriot-System ist gemäss Militärexperten auf Kurzstreckenraketen ausgelegt und somit gegen Angriffe aus Russland oder dem Iran weitgehend nutzlos. Wie steht es um die Abwehr von Drohnen?
Patriot kann zwar Drohnen bekämpfen, es macht aber ökonomisch keinen Sinn. Es ist, als würden Sie mit einer Kanone auf Spatzen schiessen. Doch die These der genannten Militärexperten würde ich differenzieren.

Weshalb?
Patriot mit PAC-3-Lenkwaffen ist gerade nicht primär ein Kurzstreckensystem, sondern auf die Endphasenabwehr ballistischer Raketen sowie auf Marschflugkörper und Flugzeuge ausgelegt – die Ukraine fängt damit russische Iskander- und Kinschal-Raketen ab. Gegen Mittel- und Langstreckenraketen mit hohen Wiedereintrittsgeschwindigkeiten stösst Patriot an Grenzen.

Vieles ist noch unklar bei den Beschaffungen. Welche Alternativen gäbe es, sollten diese Abwehrsysteme nicht kommen?
Scheitern die grossen Beschaffungen, ergäbe sich ein Zwang, näher mit dem Ausland zusammenzuarbeiten. Auch eine Priorisierung beim Objektschutz wäre eine mögliche Folge. Zudem müssten die Frühwarn- und Evakuationsmechanismen bei Bedrohungen aus der Luft ausgebaut werden.

Das Interview wurde in schriftlicher Form geführt.

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133 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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El_Chorche
02.07.2026 18:30registriert März 2021
Da ist sie ja endlich wieder - die gute, alte Alternativlosigkeit.

Wie hab ich sie vermisst.

Handhab ich genauso! 👍

Immer wenn ein Problem auftritt, dessen Lösung mir zu unbequem erscheint, sag ich auch immer, dass ist jetzt halt alternativlos.

Leider muss ich im Gegensatz zum Militär aber für die Folgen selber geradestehen.

Diese Glückspilze! ❤️
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Matthias Studer
02.07.2026 18:45registriert Februar 2014
Man könnte das US System stornieren und europäisch kaufen. Kommt auch mit einer Strafe günstiger.
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000614.06c54067@apple
02.07.2026 19:32registriert März 2024
Keine Wahl? Meine Fresse. Es gibt immer eine Wahl. Manchmal dürfte sie schwierig sein. Aber trotzdem eine Wahl.
Will man weiter mit nicht (mehr) vertrauenswürdigen Staaten arbeiten, denen man nicht vertrauen kann. Oder möchte man sich lösen? Es gibt Alternativen und die Patriot sind ebenso wie die F35 nicht über alle Zweifel erhaben.
Auf die Preise und die Lieferfristen ist eh kein Verlass.
Wäre es ein privates Geschäft wäre vermutlich jeder raus.
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