Militärexperte zu Mehrkosten bei der Luftabwehr: «Die Schweiz hat keine andere Wahl»
Die Kosten für die Luftabwehrsysteme der Schweizer Armee dürften gemäss Recherchen von SRF deutlich höher ausfallen als bisher angenommen. Insgesamt könnte es zu Mehrkosten von bis zu neun Milliarden Franken kommen.
Die Schweiz hatte 2022 fünf US-Patriot-Systeme bestellt. Damals wurden die Kosten auf zwei Milliarden Franken geschätzt. Nun berichtet SRF mit Bezug auf zwei voneinander unabhängige Quellen, dass diese Kosten zwei- oder dreimal so hoch ausfallen dürften.
Wegen Lieferverzögerungen bei den Patriot-Systemen plant der Bundesrat ausserdem die Beschaffung eines zusätzlichen Luftabwehrsystems. Der Bundesrat schätzt die Kosten dafür inklusive Munition, Logistik oder Ausbildung auf insgesamt fünf Milliarden Franken.
Militärstratege Marcel Berni ordnet diese neueste Entwicklung für watson ein.
Die Schweiz fährt zweigleisig: Neben den US-Patriot-Systemen will sie ein zusätzliches bodengestütztes Luftabwehrsystem beschaffen. Welche Anforderungen muss dieses erfüllen?
Marcel Berni: Wegen der verzögerten Lieferung von Patriot verfügt die Schweiz nicht über alle Fähigkeiten, um die Luftabwehr zu garantieren. Diese Lücke sollte ein zusätzliches System schliessen.
Welche Lücken gibt es konkret?
Uns fehlen Möglichkeiten zur Abwehr von ballistischen Raketen und Marschflugkörpern aus grösserer Reichweite. Doch genauso wichtig für ein neues System wäre, dass es mit Patriot und der hiesigen sowie mit anderen europäischen Luftwaffen kompatibel ist. Und es müsste zuverlässig sein, was die Lieferbarkeit und Munitionsversorgung angeht.
Die Kosten für ein zusätzliches Luftabwehrsystem dürften sich auf fünf Milliarden Franken belaufen. Haben wir überhaupt eine andere Wahl, als diese saftige Rechnung zu bezahlen?
Wenn die Schweiz verteidigungsfähig gegen Gefahren aus der Luft sein will, hat sie keine andere Wahl. Im Moment sind wir gegen viele Bedrohungen aus der Luft ungenügend geschützt. Die Wahl, die die Schweiz also hat, besteht in ihrem Anspruch: Welche Räume und Objekte sollen geschützt werden? Und was darf das kosten?
Sind wir in der Luftabwehr nur ungenügend oder komplett ungeschützt?
Wir sind nicht komplett ungeschützt, aber die Lücken sind gross. Gegen Flugzeuge verfügt die Schweiz mit der Luftwaffe und den bestehenden Fliegerabwehrmitteln über eine Grundfähigkeit. Die Schweiz hat aktuell aber keine Abwehrsysteme gegen ballistische Raketen, Marschflugkörper oder Drohnen – und genau diese Waffensysteme erweisen sich im Ukraine-Krieg als besonders tödlich.
Die Patriot-Systeme dürften doppelt oder dreimal so viel kosten wie ursprünglich gedacht. Wie sind solche Mehrkosten in Ihren Augen zu rechtfertigen?
Die Preise auf dem Rüstungsmarkt sind aufgrund des Ukrainekrieges explodiert. Zur erhöhten Nachfrage kommen die Teuerung, ausgelastete Produktionslinien und die Priorisierung von anderen Ländern dazu. Aus heutiger Sicht lässt sich ausserdem sagen, dass die ursprüngliche finanzielle Planung wohl zu optimistisch war.
Wo liegt Ihrer Meinung nach die grösste Dringlichkeit bei der Luftverteidigung?
Die Drohnenabwehr und der Schutz kritischer Infrastruktur aus kurzer sowie mittlerer Distanz sollten Priorität haben. Diese Fähigkeiten sind auch schneller beschaffbar und günstiger als die Abdeckung der grossen Reichweite.
Das Patriot-System ist gemäss Militärexperten auf Kurzstreckenraketen ausgelegt und somit gegen Angriffe aus Russland oder dem Iran weitgehend nutzlos. Wie steht es um die Abwehr von Drohnen?
Patriot kann zwar Drohnen bekämpfen, es macht aber ökonomisch keinen Sinn. Es ist, als würden Sie mit einer Kanone auf Spatzen schiessen. Doch die These der genannten Militärexperten würde ich differenzieren.
Weshalb?
Patriot mit PAC-3-Lenkwaffen ist gerade nicht primär ein Kurzstreckensystem, sondern auf die Endphasenabwehr ballistischer Raketen sowie auf Marschflugkörper und Flugzeuge ausgelegt – die Ukraine fängt damit russische Iskander- und Kinschal-Raketen ab. Gegen Mittel- und Langstreckenraketen mit hohen Wiedereintrittsgeschwindigkeiten stösst Patriot an Grenzen.
Vieles ist noch unklar bei den Beschaffungen. Welche Alternativen gäbe es, sollten diese Abwehrsysteme nicht kommen?
Scheitern die grossen Beschaffungen, ergäbe sich ein Zwang, näher mit dem Ausland zusammenzuarbeiten. Auch eine Priorisierung beim Objektschutz wäre eine mögliche Folge. Zudem müssten die Frühwarn- und Evakuationsmechanismen bei Bedrohungen aus der Luft ausgebaut werden.
Das Interview wurde in schriftlicher Form geführt.
