Schweiz
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Nadine Nonn (links) und Debora Giannone: Vor sieben Jahren kehrten sie der Schweiz den Rücken, um in L.A. Schauspielerinnen zu werden.  bild: watson

Interview

«Go big or go home»: Wie zwei Schweizerinnen in L.A. ihr Glück suchen

Die Schweiz zu verlassen und seine Träume zu verwirklichen braucht viel Mut, eine Prise Sturheit und Unmengen an Optimismus. Zwei Ausgewanderte erzählen.



Vor sieben Jahren kehrten Debora Giannone (30) und Nadine Nonn (27) der Schweiz den Rücken. Beide mit dem gleichen Traum vor Augen: Schauspielerin werden und Amerika erobern. Kennengelernt haben sie sich in der gemeinsam besuchten Schauspielschule. watson hat die beiden jungen Schweizerinnen getroffen.

Wie viel Mut und Überwindung braucht es, alles stehen und liegen zu lassen und seinen Traum zu verfolgen?
Debora: Für was sonst ist das Leben da, als um das zu tun, was man am liebsten macht?

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Debora Giannone, ursprünglich aus Basel, und die Luzernerin Nadine Nonn beim Flix Film Festival in L.A. bild: zvg

Warum seid ihr ausgewandert und warum gerade nach Amerika?
Nadine
: Ich kann mich eigentlich nicht an eine Zeit erinnern, in der ich nicht nach Amerika wollte. Ich habe immer gewusst, irgendwann gehe ich in die Staaten. Nach der Matur begann ich zu studieren, doch irgendwie war das nichts. Und dann dachte ich mir: jetzt oder nie! Das ist die Möglichkeit. Dann habe ich ein Jahr im Service gearbeitet, um Geld zu sparen und habe währenddessen begonnen, mir Schauspielschulen in L.A. rauszusuchen.
Debora: Auch ich habe nach der Matur ein Psychologie-Studium begonnen, doch dann sass ich in den Vorlesungen und habe mich einfach gefragt: Was mach ich hier eigentlich? Ich belüge mich ja selbst, ich muss hier weg. Für mich war immer klar, ich will Schauspielerin und Künstlerin werden. Dann war nur noch die Entscheidung zwischen New York und L.A. Ich habe dann noch zwei Jahre auf einer Bank gearbeitet, um Geld zu sparen. Danach ging's los. 

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Nadine Nonn. bild: debora giannone

Aber wieso gerade nach Übersee, man könnte sich doch auch als Künstler in der Schweiz verwirklichen?
Nadine: Ich lebe irgendwie immer nach dem Motto «Alles oder nichts», «Go big or go home». Diese Heimeligkeit in der Schweiz ist zwar schön, aber ich wollte mehr. Ich wollte schon immer das Unmögliche möglich machen.
Debora: Die Mentalität in den Staaten ist einfach ganz anders als in der Schweiz. In der Schweiz denkt man manchmal zu klein. Man fährt auf Sicherheitsschienen. In L.A. motivieren wir uns alle gegenseitig, sich selbst zu verwirklichen und das zu tun, was einem am meisten Spass macht. Und dieses Gefühl spüre ich einfach viel stärker in Amerika. Und natürlich gibt es in L.A. auch viel mehr Möglichkeiten für Schauspieler, nur schon die Anzahl an Castings ist viel höher.

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Debora Giannone. bild: alexis Dickey

Sind die Schweizer zu bescheiden, um gross zu denken?
Nadine: Ich glaube, es hat sehr viel mit Bescheidenheit zu tun. Viele Schweizer machen sich kleiner, als sie eigentlich sind. Man trägt den Stolz nicht so offen zur Schau.
Debora: Absolut! Wir Schweizer können wirklich stolz darauf sein, was wir alles erreicht haben. Wir haben ein so reiches und stabiles Land ...
Nadine: Aber der Schweizer gibt nicht gern an.

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Nadine Nonn (links) auf Set.  bild: murat emkuzhev

Böse Zungen sagen, «Ach, du willst Schauspielerin in LA werden? Am Ende landest du doch als Angestellte in einem Coffee Shop …»
Debora: Das ist irgendwie einfach das gängige Klischee, das dir die Leute entgegenschleudern. Das interessiert mich einfach nicht. Wen kümmert es schon, wenn du nebenbei in einem Coffee Shop arbeitest, solange du weiterhin deine Leidenschaft verfolgen kannst?

Wie muss man sich das Leben als Schauspielerin vorstellen?
Nadine:
Schauspielerin zu sein, fühlt sich ein bisschen an wie konstantes Daten

Klingt anstrengend …
Nadine: Das ist es auch. Du gehst auf zig Castings und triffst hunderte Leute. Mit den einen läuft es super, mit anderen weniger – und dann gibt es auch noch die, von denen du denkst, es lief super, aber hinterher kriegst du eine Absage. Darum habe ich mich auch eher dem Drehbuchschreiben zugewandt (schmunzelt).
Debora: Aber es ist auch sehr bereichernd und du lernst sehr viele spannende Leute kennen. An Castings zu gehen, ist überhaupt nicht so, wie es in Sendungen wie beispielsweise «Deutschland sucht den Superstar» gezeigt wird. Das sind einfach auch nur Menschen, die ihren Job machen. 90 Prozent davon sind sehr nett und sagen dir dann einfach: Schau, du passt oder du passt eben nicht.

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Debora Giannone mit Schauspielkollege Alessandro Nori am Italian Film Festival in Los Angeles.  bild: zvf

Habt ihr überhaupt so etwas wie einen Alltag, eine Routine?
Debora:
Ich habe mir meine eigenen Strukturen und Routinen geschaffen. Mein Wecker klingelt immer um die gleiche Zeit.
Nadine: Nein, bei mir gleicht kein Tag dem anderen. Steh ich kurz vor einer Deadline, schreibe ich einfach zwei bis drei Tage durch. Dann gibt es nichts anderes in meinem Kopf als der Plot und die Charaktere. Nach dieser isolierten Phase muss ich dann wieder raus und Menschen treffen. 60 Prozent meines Jobs ist Networken und Leute kennen lernen.

Wie sieht es mit falschen Freunden aus? Habt ihr euch auch schon mit Personen abgegeben, von denen ihr wusstet, die bringen euch karrieretechnisch vielleicht weiter, aber menschlich waren sie komplette Idioten?
Debora: Nein. Das vertrete ich nicht und es fühlt sich auch nicht richtig an. Ich war schon an gewissen Hollywoodpartys dort lernst du Typen kennen, die nicht ganz sauber sind. Aber davon lässt du halt einfach die Finger. Es gibt immer auch einen anderen Weg.
Nadine: Klar läufst du ab und zu in komische Typen rein. Aber ich habe mich in deren Gegenwart einfach immer zu unwohl gefühlt.

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Nadine Nonn (2 v. l.) und Debora Giannone (4 v. li.) mit Freunden an der Bergamot Station Gallerie-Eröffnung in Los Angeles.  bild: zvg

Was zählt ihr zu euren grössten Erfolgen bisher?

Los Angeles ist bekanntlich ein hartes Pflaster. Viele versuchen dort ihr Glück. Wie haltet ihr euch finanziell über Wasser?
Debora: Jedes Casting bringt unterschiedlich viel ein. Ich arbeite zusätzlich noch als Fotografin.
Nadine: Das Geld kommt und geht. Manchmal ein bisschen weniger, manchmal ein bisschen mehr – aber irgendwie geht es immer auf. Natürlich könnte ich auch in einem Job arbeiten, der mir monatlich ein fixes Einkommen bringt. Aber auch in diesem Job kann ich den Boden unter den Füssen verlieren und mit absolut nichts dastehen – nur habe ich dann etwas jahrelang gemacht, dass mir eigentlich gar nicht so viel Spass bereitete. Und dann bin ich vielleicht 40, habe mein ganzes Leben in einem Büro gearbeitet und bin an einem Punkt, an dem ich mich einfach Frage, «Fuck, was mache ich jetzt mit meinem Leben»? Diese Vorstellung macht mir viel mehr Angst als alles andere!

Aber macht man sich nicht nach jeder Absage aufs Neue Sorgen?
Nadine: Klar, aber wir machen einfach so lange weiter, bis es wirklich funktioniert!

Das hört sich nach einer unbändigen Portion Optimismus an…
Nadine:
 «Unkillbarer Optimismus», absolut! (lacht). Das irritiert manchmal mein Umfeld, aber alles andere macht dich einfach kaputt. Stur und optimistisch, das ist die Zauberformel!
Debora: Du musst ein unglaubliches Durchhaltevermögen haben. Ich kenne viele Amerikaner, die nach einem Jahr das Handtuch warfen und gingen. Und ich als Ausländer machte weiter, obwohl es uns alles andere als einfach gemacht wird. Es ist ein ständiges Auf- und Ab. Aber das sind alles Phasen, die vorbei gehen. Heute stehe ich an einem ganz anderen Ort, als ich noch vor zwei Jahren stand …

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Debora Giannone (rechts) hinter den Kulissen für NBC Universal Network Promo Chillers. bild: zvg

Gab es auch Momente, in denen ihr am liebsten einfach alles hingeschmissen hättet?
Nadine: Es gab schon hunderte von Nächten, in denen ich mir die Augen aus dem Kopf geweint habe, weil einfach nichts funktionierte. Ich habe so viel versucht und nichts hat geklappt. Aber am nächsten Tag stehst du einfach auf, steckst die Niederlage von gestern weg und weisst, es ist ein neuer Tag, er bringt neues Glück. Dass es nicht immer rund läuft, das muss man einfach akzeptieren. Alles andere wäre völlig utopisch. Aber ich glaube, ich würde auch in der Schweiz mit einem «gewöhnlichen» Job ab und zu nachts ins Kopfkissen weinen. Tun wir das nicht alle ab und zu?

Hattest du auch schon die Schnauze voll von Amerika?
Nadine: Ja. Als ich die letzte Szene des Filmes «La Vie d’Adèle» angeschaut habe, musste ich weinen. In der letzten Einstellung läuft die Protagonistin an einem heissen Sommertag durch die Gassen von Paris. Da wusste ich: Ich vermisse Europa, ich muss hier weg.

Du hast Europa vermisst?
Nadine:
Ich brauchte wieder mehr Leben um mich. L.A. ist eine sehr isolierte Stadt. Du hast dein Auto, deine Wohnung und sonst siehst du nicht viel. In Europa bewegst du dich viel stärker unter Menschen. Da wusste ich, ich muss zeitweilig aus diesem L.A. raus, zurück nach Europa.

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Los Angeles, kurz L.A.: Die Stadt, in der Träume verwirklicht werden, aber auch ein Ort, in dem man sich – trotz knapp 4 Millionen Einwohnern – sehr einsam fühlen kann.   bild: shutterstock

Was habt ihr in den vergangenen sieben Jahren alles dazugelernt?
Debora: Du lernst dich sehr gut selbst kennen. Irgendwann kommst du zur Erkenntnis, dass es egal ist, was andere Menschen von dir denken. Du kannst es sowieso nicht allen recht machen. Und ich habe gelernt, dass manchmal alles ganz anders kommt, als du denkst. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal als Fotografin arbeiten werde.

Was ist euer grösster Wunsch, auf was arbeitet ihr hin?
Debora:
Ich will eine erfolgreiche Schauspielerin, Autorin und Künstlerin werden. Ich will mein Ding durchziehen, schreiben, und kreativ sein.
Nadine: Mein grösster Traum ist es, einmal meine eigene Serie zu produzieren.

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Nadine Nonn gewinnt den Preis für die beste Regie am Theater-Festival «Montmartre Dionysia» 2015 in Paris. bild: zvg

Was ratet ihr jungen Künstlerinnen und Künstlern, die drauf und dran sind, ihre Träume zu verwirklichen?
Debora: Fangt einfach an, je früher desto besser. Aber seid auch systematisch, legt euch einen Plan zurecht und sucht euch einen erfolgreichen Mentor.
Nadine: Unser Job beinhaltet alles andere, als auf dem roten Teppichen herumzustolzieren. Es steckt eine ganze Menge Arbeit dahinter. Du musst dir immer bewusst sein, warum du etwas tust und dich fragen, willst du das für den Fame? Oder weil es dich persönlich bereichert und weiter bringt? Und wenn es Letzteres ist, dann tu es einfach, trau dich!

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Video: reuters

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Hierundjetzt 21.08.2017 19:40
    Highlight Highlight ich frage mich, mit welchem Visa man 7 Jahre dort arbeiten kann...

    Folgendes steht uns als Schweizer zur Auswahl:

    1. Familienzusammenführung (family sponsored)

    2. Unbefristete arbeitsbedingte Einwanderung
    (employment sponsored) (Arbeitsvertrag vorausgesetzt, ist hier nicht der Fall)

    3. Selbständige Erwerbstätigkeit (employment
    creation) --> Investition von 500'000 - 1Mio

    Verlosung (diversity visa lottery) --> "Green Card"

    Visa H/L/O/P/Q (Austauschstudium / Au Pair etc. )

    Ich gönne es den zwei Schweizerinnen, würde mich aber interessieren, WIE man dort einfach 7 Jahre arbeiten kann...
  • Kali Morgan Davis 21.08.2017 12:16
    Highlight Highlight Beautiful story with beautiful women <3
  • Chili5000 20.08.2017 09:50
    Highlight Highlight Frage mich immernoch wie sie an die Greencard rangekommenn sind?!
    • Chili5000 20.08.2017 23:38
      Highlight Highlight Sonst währen Sie doch illegal dort?
    • Hierundjetzt 21.08.2017 22:16
      Highlight Highlight insomniac: Das wäre dann ein H-1B, H-2B oder ein H-1C Visa. Dafür brauchts aber ein Arbeitsvertrag, dieser wird wie bei uns in der Schweiz nur dann bewilligt, wenn in der *ganzen* USA kein entsprechender Kandidat zu finden ist.

      Ich denke mir sie haben ein normales F-1 Visa für ein Studium + eine regionale Arbeitsbewilligung der USCIS-Dienststelle.
  • Raphael Stein 20.08.2017 09:31
    Highlight Highlight Sehr gut die beiden. Imme dran bleiben. Ob die hier im Kaffeehaus oder dort im Coffeshop arbeiten müssten, macht an beiden Orten Spass, oder nicht.

    Ein Punkt aber ist doch immer wieder speziell in der Welt der grossen Städte:

    ...Du hast dein Auto, deine Wohnung und sonst siehst du nicht viel.

    Oder du fährst lange...

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