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Vom Partykönig zum radikalen Islamisten: Die WoZ auf der Spur der vielen Leben des Qaasim Illi



Wer ist Qaasim Illi? Fanatischer Dschihadist, religiöser Gelehrter oder einfach ein junger Mann auf verzweifelter Suche nach einer Mission im Leben? Und was hat ihn zu dem gemacht, als der er sich heute in der Öffentlichkeit gibt: Salafist mit Bart und Vorstandsmitglied des umstrittenen Vereins Islamischer Zentralrat der Schweiz (IZRS).

Abdel Azziz Qaasim Illi, s'exprime lors de la troisieme conference annuelle du Conseil Central Islamique Suisse, CCIS, ce samedi 21 decembre 2013 a Palexpo Geneve. La conference annuelle du Conseil Central Islamique est la plus grande manifestation islamique en Suisse. Cette annee sous la devise

Bild: KEYSTONE

In der jüngsten Ausgabe der linken Wochenzeitung WoZ begibt sich der Redaktor Daniel Ryser auf die Spuren des Aushängeschilds des IZRS und zeichnet dabei den schlingernden Weg Illis nach: Vom Techno-Party-Veranstalter Patric Illi zum Hardcore-Islamisten Qaasim Azziz Illi.

Zu Wort kommen ehemalige Freunde und Weggefährten, Psychologen, Islamwissenschafter und Familienmitglieder Qaasim Illis. Klar wird: Niemand weiss so richtig, was dieser 34-jährige Mann mit Vollbart und orientalischer Kopfbedeckung eigentlich will, wo er steht und wohin er strebt.

Ein Auszug aus der 32-seitigen Sonderbeilage:

Die Kindheit

«Man könnte auch sagen: Die haben mir das Gehirn gewaschen.»

Qaasim Illi über seine Kindheit in einer streng evangelikalen Familie in Schaffhausen

Qaasim, der damals noch Patric hiess, landete mit 13 in einer Pflegefamilie, da seine leibliche Mutter auf die Philippinen ausgewandert war. Hier wurde er, wie er selber sagt, zum Christentum bekehrt.

Die Jugend

«Hardcore Beats» und «Goebbelsssssss ...»

Illi machte sich Ende 90er-Jahre als Partyveranstalter mit zweifelhaftem Ruf einen Namen. Die Religion trat dabei in den Hintergrund. Eine Veranstaltung namens Troja 2 in Winterthur geriet zum finanziellen Fiasko. Illi wird vorgeworfen, Tausende von Franken in die eigene Tasche gesteckt und einen riesigen Schuldenberg hinterlassen zu haben. Seither geniesst er in gewissen Kreisen den nicht sehr schmeichelhaften Beinamen «Schulden-Illi». 

Zur selben Zeit zieht Illi im Netz mit anti-israelischen und anti-jüdischen Traktaten Aufmerksamkeit auf sich. Ein Freund erzählt: «Immer wieder zeigte er den Hitlergruss, fluchte über Juden und Moslems und Schwarze.»

Die Radikalisierung

«Wir lachten über sie. Und das war ein Fehler. Denn die meinen es total ernst.»

Saïda Keller-Messahli

Nach dem gescheiterten Versuch, als Party-Veranstalter eine Existenz aufzubauen, wurde Illi im Zug der USA-Kritik während des Irak-Kriegs und der israelischen Besatzung der palästinensischen Gebiete politisiert. Gleichzeitig trat er der nationalistischen Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (Auns) bei, wo er unter anderem auch auf Lukas Reimann traf. Zusammen mit dem heutigen SVP-Nationalrat organisierte er 2002 eine Demonstration gegen den UNO-Beitritt.

Einige Jahre später landete er in einem libanesischen Foltergefängnis, aus dem er dank der Vermittlung der Schweiz befreit wurde. Illi reiste damals als Student in ein palästinensisches Flüchtlingslager. Die PLO verdächtigten ihn daraufhin, für die Al-Kaida zu spionieren. Schweizer Behörden bestätigen den Vorfall. Als eigentliches Erweckungserlebnis bezeichnet Illi das Treffen mit dem Führer einer radikalislamischen Organisation. 

Der Vaterkomplex

«[...] fragen Sie ihn mal genauer nach seinem Vater. Man konnte mit ihm über alles reden, nur nicht darüber.»

Ex-Freundin Illis

Illi besass gemäss Recherchen ein gespaltenes Verhältnis zu seinem Vater, einem Alkoholiker. Er wisse nicht, ob er ihn jemals nüchtern erlebt habe, so Illi in der WoZ. Der Psychologe und Extremismusforscher Samuel Althof weist auf die fehlende Vaterfigur in Illis Leben hin: Illi verhält sich wie ein Ko-Alkoholiker. Er hängt an der Religionsspritze. Gleichzeitig vernachlässigt er dadurch seine Familie – wie schon sein Vater.

Die Sünden

«Ich war kein Engel, glauben Sie mir. Ich habe abstruse Dinge getan in meinem Leben.»

Illi über sein Leben vor der Bekehrung zum Islam

Die Kritik aus Islam-Kreisen

«Blancho und Illi betreiben einen eigentlichen Karl-May-Islam.»

Ex-Kommilitonen des Lehrgangs Islamwissenschaften über Qaasim Illi

Die Anti-«IS»-Anlaufstelle

Gemäss eigenen Aussagen will Illi «zwischen 20 und 30» junge Leute davon abgehalten haben, sich der dschihadistischen Terrormiliz «Islamischer Staat» angeschlossen zu haben. In der WoZ wird ein angebliches Whatsapp-Protokoll zwischen Illi und einem Schweizer «IS»-Anhänger zitiert. Der erwähnte «IS»-Unterstützer stirbt einen Monat nach dem Gespräch mit Illi in Syrien.

Gefahr für die Schweiz?

«Ich halte Illi im Moment nicht für staatsgefährdend.»

Einschätzung des Psychologen und Extremismusforschers Samuel Althof

Ob der IZRS eine Gefahr für die Schweiz darstellt, wie einige Beobachter vermuten, oder ob er nur dank einer überhöhten medialen Aufmerksamkeit überhaupt so präsent werden konnte – darüber wird gestritten. Der Extremismusforscher Althof meint, von Illi gehe momentan keine Staatsgefährdung aus. Das könne sich aber ändern, etwa «wenn der Islam in seinem Leben relativiert werden würde.»

Die Selbsteinschätzung

«Ich bin hier als Röstifresser geboren. Was soll ich denn tun? Ich bin mit Widersprüchen konfrontiert, für die es keine einfachen Antworten gibt.»

Qaasim Illi

(wst)

Die 32-seitige Reportage ist ab heute Donnerstag als Beilage der WoZ am Kiosk erhältlich.

Nachtrag: 

Illis Reaktion: «Sterotyp anmutende Karikatur»

Qaasim Illi meldete sich am Donnerstagmorgen mit einem Kommentar auf Facebook zum «WoZ»-Bericht zu Wort. So richtig zufrieden scheint der darin Porträtierte nicht zu sein: «Ich weiss nun gar nicht, ob ich das darin aufgebaute Narrativ als stellenweise amüsante Karikatur so zur Kenntnis nehmen und stehenlassen soll, oder ob es Grund gibt, sich ob dem Mix teils detailtreuer, teils phantastischer bis falscher Inhalte zu nerven?» Illi hält letzteres für angemessen, «da der letzte Abschnitt so lehrbuchartig aufzeigt, wie schwierig es scheinbar selbst der modernen Linken fällt, Differenziertheit ihren nötigen Raum einzugestehen.» Das Fazit des IZRS-Vorstandsmitglieds: «Es war ein Versuch –  er endete in einer stereotyp anmutenden Karikatur.» Als solche gelesen sei Rysers Schrift aber durchaus unterhaltsam. Immerhin. (wst)

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