Fall Patrick Frei: Solidarität mit Opfern sexualisierter Gewalt in Untersiggenthal
Rund 400 Menschen haben am Montagabend auf dem Dorfplatz in Untersiggenthal AG ihre Solidarität mit den Opfern von sexualisierter Gewalt durch den Ex-SVP-Politiker Patrick Frei bekundet. Gefordert wurde mehr Opferschutz.
Die bewilligte Solidaritätskundgebung vor dem Gemeindehaus organisierten die SP Frauen Aargau. Sie wurden von weiteren Gruppen unterstützt. Anwesend waren viele jüngere und ältere Frauen, auch Männer jeden Alters waren dabei.
Die Kundgebung fand in Untersiggenthal im Bezirk Baden statt, da der angeklagte 57-jährige Schweizer und ehemalige SVP-Grossrat in dieser Gemeinde gewohnt hatte. Er soll die Straftaten an drei Frauen in seinem Wohnhaus verübt haben. Seit drei Jahren sitzt er in Untersuchungshaft.
Die Stimmung an der Kundgebung war ruhig und zugleich selbstbewusst. Auf mitgebrachten Schildern war unter anderem zu lesen: «Schutz kostet Geld, Gewalt kostet Leben.» Oder: «Wegschauen ist wie Scham.»
Die Teilnehmenden der Mahnwache wollten ihre Solidarität mit den Opfern bekunden. Sie forderten eine umfassende und transparente Aufarbeitung der Geschehnisse. Der Opferschutz müsse gestärkt werden.
«Wir stehen an der Seite jeder Frau, die Gewalt erlebt», sagte Damaris von Arx von den SP Frauen Aargau. Solidarität sei keine Geste, sondern eine Haltung. Es gab mehrere Reden an der Mahnwache.
Der Fall müsse aufgearbeitet werden, forderte Grossrätin Mia Jenni, Co-Präsidentin der SP-Fraktion. Es brauche mehr Schutz für die Opfer, besonders für Migrantinnen, die um ihren Aufenthaltsstatus fürchten müssten.
Mutter bedankt sich für Unterstützung
An der Mahnwache nahmen auch zwei Opfer teil: die Mutter und ihre Tochter. Sie hatten gemeinsam mit dem Angeklagten gelebt. Die beiden hatten den Tamedia-Zeitungen ihre Leidensgeschichte erzählt.
Als sie vor die Kundgebung traten, erhielten sie von den Anwesenden langen und kräftigen Applaus für ihren Mut. Die Mutter bedankte sich auch im Namen ihrer Tochter für die Unterstützung. Sie wolle um Hilfe bitten, aber nicht um Geld, sondern um Zeit und Aufmerksamkeit. Sie wolle anderen Frauen in einer ähnlichen Situation helfen.
Das kantonale Amt für Migration und Integration (Mika) hatte ein Jahr nach der Festnahme des Schweizers die Wegweisung der beiden polnischen Staatsangehörigen verfügt. Diese waren auf Sozialhilfe durch die Gemeinde angewiesen.
Gegen die Verfügung ist beim Verwaltungsgericht eine Beschwerde hängig. Der zuständige Regierungsrat Dieter Egli (SP) hielt in den Medien fest, dass das weitere Vorgehen im Rahmen dieses Verfahrens überprüft und neu beurteilt werde. Egli räumte ein, dass die Opfer nicht die Hilfe erhielten, die sie hätten bekommen müssen.
Anklage fordert Lebenslänglich
Nach umfangreichen Ermittlungen wirft die Staatsanwaltschaft dem ehemaligen SVP-Grossrat eine Serie von schweren Straftaten vor. Er soll der Mutter und ihrer damals minderjährigen Tochter sowie einer weiteren Frau wiederholt heimlich «K.-o.-Tropfen» verabreicht haben, um an den Opfern systematisch sexuelle Handlungen vorzunehmen. Die Taten soll er aufgezeichnet haben.
Der Schweizer ist unter anderem wegen mehrfach versuchten Mordes, mehrfacher qualifizierter Vergewaltigung und Schändung sowie wegen mehrfacher sexueller Handlungen mit Kindern angeklagt. Die Staatsanwaltschaft fordert eine lebenslange Freiheitsstrafe. (hkl/sda)
