«Amoktat» in Aarau – das ist über die tödlichen Schüsse und den Täter bekannt
Zum Täter
Die Polizei sprach davon, dass es sich beim festgenommenen 43-Jährigen mit «an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit» um den Schützen vom Sonntag handelt. Dieser ist wohnhaft im Kanton Jura und hat sich in der Nacht auf Montag der Polizei in Délémont gestellt. Er gab an, für die Tat in Aarau verantwortlich zu sein.
Der Mann hat nach aktuellen Informationen keine speziellen Verbindungen in den Aargau und ist mutmasslich zufällig auf den Rave aufmerksam geworden. Beim 43-Jährigen handelt es sich um einen Schweizer ohne Migrationshintergrund, wie die Polizei an der Medienkonferenz mitteilte. Er hat «mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit» alleine gehandelt.
Laut dem leitenden Staatsanwalt, Christoph Rüedi, deuten Aussagen des Täters im Zuge der Vernehmung auf ein psychisches Problem hin. Dies gelte es allerdings genauer abzuklären. Die Durchführung eines psychiatrischen Gutachtens ist wahrscheinlich. Laut Rüedi hat der Täter gegenüber der jurassischen Polizei gesagt, dass es ihm gesundheitlich seit längerer Zeit schlecht gehe.
Berichte von italienischen Medien, wonach der Mann enge Verbindungen zur Schweizer Armee hatte, verneinte die Polizei indirekt. Der mutmassliche Schütze war normaler Milizsoldat als Truppenkoch und ist 2013 aus der Wehrpflicht und der Armee ausgeschieden. Seine persönliche Dienstwaffe hat er zurückgegeben. Der Beschuldigte sei vor der Tat am Sonntag nicht polizeibekannt gewesen. Eine vollständige Übersicht über mögliche Vorstrafen gibt es noch nicht. Bekannt sind bisher nur einige Bagatell-Verkehrsdelikte.
Der Mann befindet sich nun in Untersuchungshaft. Ermittelt wird gegen ihn unter anderem wegen vorsätzlicher Tötung, Mord, mehrfacher Gefährdung des Lebens und Widerhandlung gegen das Waffengesetz. Die Behörden bitten Personen, welche Angaben zum mutmasslichen Täter machen können, sich bei ihnen zu melden. Weitere persönliche Informationen zu dem 43-Jährigen, beispielsweise zum Beruf oder der familiären Situation, will die Polizei vorerst nicht öffentlich machen.
Zum Motiv
Die Polizei spricht bei dem Anschlag in Aarau vom Sonntag von einer «Amoktat». Laut den Behörden ist der Schütze, nach aktuellem Kenntnisstand, wohl «aus Zufall» auf den Event auf der Pferderennbahn gestossen sei. Warum genau der Täter das Feuer eröffnete, ist weiterhin unklar. Der Beschuldigte habe genauere Aussagen in den Befragungen bislang verweigert. Es gebe aber Stand heute keine Hinweise auf eine extremistische Gesinnung – «weder rechts, noch links, noch islamistisch», wie Polizeikommandant Michael Leupold erklärte.
Zum Tathergang
Diesbezüglich konnten die Behörden relativ viele und detaillierte neue Informationen liefern. Der Beschuldigte fuhr mit seinem Fahrzeug, einem weissen Lieferwagen, zum Tatort, wo er ausstieg und zu Fuss Richtung Pferderennbahn ging. Dort war soeben der Rave zu Ende gegangen und die Menschen strömten Richtung Ausgang, um das Gelände zu verlassen.
Dann eröffnete der Beschuldigte das Feuer und schoss über 40 Mal mit einem Sturmgewehr, einer Kalaschnikow, in die Menge. Das Ergebnis der Tatortarbeiten lasse den Schluss zu, dass der Mann «aus verschiedenen Positionen von aussen wahllos zahlreiche Schüsse auf das Festivalgelände abfeuerte», so die Polizeivertreter. Es waren zu dem Zeitpunkt noch über 100 Personen vor Ort.
Anschliessend sei der Mann in Richtung eines Parkplatzes in der Nähe geflüchtet. Dort habe er mit einer Pistole erneut um sich geschossen, unter anderem auch auf ein davonfahrendes Auto. Danach sei er vom Tatort geflohen. Laut Polizei hat er sich im Anschluss «sehr schnell Richtung Jura» bewegt.
Zur Fahndung
Laut der Polizei gingen unmittelbar nach der Abgabe der ersten Schüsse über 80 Notrufe ein. Die Polizei sei sofort ausgerückt und habe die Gefahrenzone zunächst umstellt, um nicht selbst Ziel der Schüsse zu werden. Berichte, wonach die Beamten erst nach 30 Minuten am Ort des Geschehens eintrafen, verneinte Gesamteinsatzleiter Matthias Schildknecht an der Medienkonferenz. Man sei innert weniger Minuten vor Ort gewesen. Allerdings sei der Zugriff nicht ohne Weiteres möglich gewesen, weil sichergestellt werden musste, dass die Polizeibeamten nicht selbst Ziel der Schüsse werden.
Die Polizei habe anschliessend «so rasch wie möglich in alle Richtungen» ermittelt, nachdem der mutmassliche Schütze fliehen konnte. Das sei das übliche Vorgehen, wenn ein Täter nicht sofort festgenommen werden könne. Unter anderem seien über 100 Hinweise eingegangen.
Dass der Mann schliesslich festgenommen werden konnte, ist unter anderem auf die Fahndung über die Kontrollschilder des Lieferwagens zurückzuführen. Es sei gelungen, das Fahrzeug mit jurassischen Nummernschildern in Verbindung mit der Tat zu bringen. Einem Augenzeugen war der weisse Lieferwagen am Tatort in Aarau aufgefallen. Nach diesem wurde gefahndet. Schliesslich habe sich der Mann bei der Kantonspolizei Jura in Delémont selbst gestellt – allerdings sei eine Festnahme und Identifizierung aufgrund der Angaben zum Fahrzeug ohnehin absehbar gewesen.
Zu den Waffen
Nebst der Kalaschnikow und der Pistole, mit denen geschossen wurde, ist eine dritte Waffe, ebenfalls eine Pistole, im Lieferwagen des 43-Jährigen gefunden worden. Es handelte sich bei allen drei Schusswaffen nicht um Waffen der Schweizer Armee. Die Waffen waren legal und auf den mutmasslichen Täter registriert. Er habe diese vor 20 Jahren, vermutlich im Kanton Jura, rechtmässig erworben. Ob der Täter die AK nach heutigem, schärferem Waffenrecht hätte erwerben können, stellte Polizeikommandant Michael Leupold in Frage:
Zu den Opfern
Das 22-jährige Todesopfer, eine Italienerin, erlitt laut der Polizei einen Durchschuss am Oberkörper, wobei lebenswichtige Organe verletzt wurden. Aktuell seien noch zwei Personen im Spital, diesen gehe es «den Umständen entsprechend besser», sagte Einsatzleiter Matthias Schildknecht.
Möglicherweise durch ein abgepralltes Projektil leicht verletzt, hat sich zudem inzwischen noch ein weiteres Opfer gemeldet. Mindestens eine Patrone hatte auch ein wegfahrendes Auto getroffen, worin sich vier Personen befunden hatten. Alles deutet laut den Behörden darauf hin, dass es sich bei sämtlichen Personen um Zufallsopfer handelte.
Zu den Vorwürfen an die Polizei
Nebst den Berichten über ein verspätetes Eintreffen am Tatort, die laut der Aargauer Polizei nicht korrekt sind, wurde auch am Entscheid, die Medienkonferenz erst mehr als 48 Stunden nach der Festnahme des Täters durchzuführen, Kritik geübt. Auch an der Medienkonferenz fragten insbesondere italienische Journalisten mehrfach deswegen nach.
Laut der Polizei ist der Hauptgrund für die verzögert angesetzte Information der Öffentlichkeit, dass die Behörden um jeden Preis ausschliessen wollten, dass es weitere Tatbeteiligte gibt. Zum aktuellen Zeitpunkt könne man nun Entwarnung geben, es bestehe im Zusammenhang mit dem Vorfall in Aarau keine Gefahr mehr für die Öffentlichkeit.
Die Pressekonferenz im Liveticker
Die Medienkonferenz ist beendet
Tut dem Schützen seine Tat leid?
Berichte über spätes Eintreffen laut Polizei nicht korrekt
Zwei Personen noch im Spital
Weshalb wird erst jetzt informiert?
AK war bewilligt und registriert
Keine weiteren persönlichen Informationen über Täter
Weshalb hat sich der Mann gestellt?
Verstorbene erlitt Durchschuss am Oberkörper
Keine Hinweise auf ideologische Hintergründe
War der Mann vorbestraft?
Warum bekam der Mann trotz psychischer Probleme legal Waffen?
Täter war nicht polizeibekannt
Täter hatte keine speziellen Verbindungen zur Armee
Die Fragerunde beginnt
Ermittlungen laufen weiter
Täter hat sehr wahrscheinlich alleine gehandelt
Täter hatte womöglich psychische Probleme
Täter ging es gesundheitlich schlecht
3 Waffen sichergestellt
Suche wurde über Auto-Kontrollschild geführt
Über 100 Hinweise bei Fahndung
Über 80 Notrufe
Weitere Schüsse mit Pistole auf Parkplatz
Täter schoss über 40 Mal
Sehr wahrscheinlich eine Amoktat
Mann stammt aus dem Jura
Festgenommener ist sehr wahrscheinlich der Täter
Die Medienkonferenz beginnt demnächst
Viele offene Fragen
(con)
Diese Personen nehmen an der Medienkonferenz teil
- Michael Leupold, Polizeikommandant Aargau
- Matthias Schildknecht, Gesamteinsatzleiter der Sonderlage
- Christoph Rüedi, Leitender Staatsanwalt Lenzburg-Aarau
(con)
