Schweizer Gewässer erwärmen sich immer mehr – mit weitreichenden Folgen
Die Schweizer Gewässer werden wärmer und wärmer. Eine Auswertung des Wasserforschungsinstituts der ETH (Eawag) zeigt, dass die mittlere jährliche Oberflächentemperatur von 21 grossen Schweizer Seen sich seit 1980 im Durchschnitt um zwei Grad erwärmte.
Die durch den Klimawandel verursachten steigenden Wassertemperaturen bleiben nicht ohne Folgen für die damit verbundenen Ökosysteme. Die Erhitzung der Wasseroberfläche sorgt dafür, dass sich diese schlechter mit den kälteren Wasserschichten vermischen kann. Dadurch verlieren die tieferen Schichten mehr und mehr Sauerstoff.
Sauerstoffmangel in über der Hälfte aller grossen Seen der Schweiz
Bereits vor zwei Jahren berichtete die Eawag, dass knapp 60 Prozent aller grossen Schweizer Seen den Grenzwert für die Sauerstoffkonzentration im Wasser nicht einhalten können. Seen wie der Sempachersee oder der Hallwilersee erreichen die Werte nur dank einem künstlichen Belüftungssystem, das dem Wasser Sauerstoff zuführt. Auch im Kanton Zug wird eine solche Belüftungsanlage für den Zugersee geprüft.
Sinkt die Sauerstoffzufuhr in Seen, geraten empfindliche Wasserorganismen wie Fische und Kleintiere unter Druck oder sterben im schlimmsten Fall aus. Die Artenvielfalt nimmt ab, und das ökologische Gleichgewicht verschiebt sich. Kaltwasserarten wie die Seeforelle oder der Seesaibling verlieren geeignete Lebensräume, während wärmeliebende und invasive Arten stärker profitieren.
Invasive Arten breiten sich vermehrt aus
Eine dieser invasiven Arten ist beispielsweise die Quaggamuschel, die ursprünglich aus dem Schwarzmeerraum stammt. Die Muschelart könne das Ökosystem in den Seen grundlegend verändern, schreibt die Eawag. Ihre Larven werden durch Strömungen sowie durch Schiffe und Freizeitboote über weite Distanzen transportiert. Einmal in einem Gewässer angekommen, vermehrt sich die invasive Muschel rasch und verändert das ökologische Gleichgewicht von Seen und Flüssen.
Die Muschelart filtert vor allem Algen (Phytoplankton) und kleine Bakterien aus dem Wasser. Dadurch wird den kleinen Wasserlebewesen und jungen Fischen eine wichtige Nahrungsgrundlage entzogen. Gleichzeitig verursacht sie hohe Kosten, da sie Rohre von Wasserversorgungen und Kühlanlagen verstopft. Besonders problematisch ist, dass sich die Quaggamuschel nach ihrer Ansiedlung kaum mehr entfernen lässt. Die Eawag rechnet damit, dass der Bestand der invasiven Art in den nächsten 20–30 Jahren um das Neun- bis Zwanzigfache anwachsen werde.
Gefahr für die Trinkwasserversorgung
Steigende Wassertemperaturen begünstigen auch eine stärkere Algenbildung in Seen und Flüssen. Diese Veränderungen im Gewässer wirken sich jedoch nicht nur auf das Ökosystem aus, sondern haben auch direkte Folgen für die Trinkwasserversorgung. Mikroorganismen, Algen und potenziell auch krankheitserregende Keime können sich im wärmeren Wasser schneller vermehren. Dadurch steigt das Risiko von Geschmacks- und Geruchsveränderungen, was zu einem zusätzlichen Aufwand bei der Trinkwasseraufbereitung führt, da das Wasser stärker gefiltert und aufbereitet werden muss und Filtration und Desinfektion intensiviert werden müssen.
Gegenüber dem Tages-Anzeiger kritisiert Roman Wiget, Co-Präsident der internationalen Vereinigung Arbeitsgemeinschaft Wasserwerke Bodensee-Rhein (AWBR), das Fehlen verlässlicher Daten betreffend Wasserangebot und Verbrauch: «Die Kantone, die für die Bewirtschaftung des Wassers zuständig sind, wissen bis heute weder, wie viel Wasser zur Verfügung steht, noch kennen sie den Wasserverbrauch der verschiedenen Nutzer.» Er fordere gemeinwohlorientierte Nutzungspläne für diese kostbare Ressource, ansonsten seien «eskalierende Konflikte vorprogrammiert». (jul)
