«Die heissesten Luftmassen stehen uns erst noch bevor»
Die Schweiz schwitzt. Seit Mitte Juni dominiert ein mächtiges Hochdruckgebiet das Wettergeschehen über Mitteleuropa. Die Folge: Sonne, Trockenheit und Temperaturen deutlich über 30 Grad. Vieles deutet darauf hin, dass die Hitzewelle noch mindestens bis zum kommenden Wochenende anhält.
Besonders bemerkenswert ist dabei nicht nur die Intensität der Hitze, sondern ihre Dauer. Genau hier könnte sich die aktuelle Wetterlage in die Geschichtsbücher eintragen. Alles zur aktuellen Wetterlage und möglichen Rekorden:
Historische Hitzeserie zeichnet sich ab
In diesem Jahr begann die aktuelle Hitzewelle vielerorts bereits am 17. Juni, im Wallis sogar einen Tag früher. Sollte die Hitze bis zum Monatsende anhalten, wären an mehreren Messstationen historische Serien von Hitzetagen (Höchsttemperaturen über 30 Grad) möglich.
Die bisherigen Rekorde zeigen, wie aussergewöhnlich die Lage ist:
- Basel-Binningen 14 Tage (1947)
- Zürich 16 Tage (1911)
- Luzern 17 Tage (1976)
- Genf-Cointrin 16 Tage (1983)
- Sitten 18 Tage (2006)
Vor allem in Zürich und Basel rücken damit Bestmarken in Reichweite, die teilweise seit über einem Jahrhundert bestehen. Wenn an beiden Orten die Temperaturen bis am nächsten Montag, 29. Juni, über 30 Grad bleiben, wären das Serien von 13 Hitzetagen am Stück. Diese Serien lägen dann sicher in der Top 3 der längsten Hitztage-Serien.
Gemäss Klaus Marquardt von Meteonews ist davon auszugehen, dass die Hitze bis dann bestehen bleiben wird, da die heissesten Luftmassen erst noch im Verlauf der Woche in der Schweiz eintreffen werden.
Frühere Rekorde stammten aus dem August und Juli
Auffällig ist: Die längsten Hitzewellen der Vergangenheit traten fast immer deutlich später im Sommer auf. Die legendären Hitzejahre 1911, 1945, 1947 oder 2003 erreichten ihre Höhepunkte meist erst zwischen Mitte Juli und Anfang August.
Meteorologen sehen dabei Parallelen zu früheren Rekordsommern. Wie Meteonews berichtet, dominiert damals wie heute eine sogenannte Omegalage – ein blockierendes Hochdrucksystem, das Wetterfronten über längere Zeit fernhält und Hitze förmlich festsetzt.
Ungewöhnlich frühe und deutliche Hitze
Für Marquardt ist vor allem der Zeitpunkt der tagelangen Hitzewelle aussergewöhnlich. «Für Juni ist diese Lage extrem bemerkenswert», sagt der Meteorologe. «Wir orientieren uns momentan eher bei Tageshöchsttemperaturen von 35 Grad als bei 30 Grad.» Vielerorts dürften die 30 Grad in dieser Woche bereits gegen Mittag überschritten werden.
Mehrere Hitzetag-Rekorde dürften noch fallen
Laut Marquardt spricht derzeit vieles dafür, dass bis Ende Juni zahlreiche Rekorde in Sachen Hitzetage gebrochen werden. «Der Rekord für die meisten Hitzetage bis Ende Juni beziehungsweise in der ersten Jahreshälfte wird sehr wahrscheinlich fallen», sagt er.
Als Beispiel nennt Marquardt die Wetterstation Zürich-Kloten. Dort liegt der Rekord für die Anzahl Hitzetage für die erste Jahreshälfte bei 13 Tagen. Aktuell steht die Station bei neun Hitzetagen im Jahr 2026, bei noch acht ausstehenden Tagen bis Ende Juni.
Bereits die ungewöhnlich warme und trockene zweite Maihälfte habe den Boden für die aktuelle Entwicklung gelegt, so Marquardt. Bereits im Mai wurden zum Beispiel in Zürich drei Hitzetage verzeichnet.
Trockenheit bleibt bestehen
Neben den hohen Temperaturen wird zunehmend die Trockenheit zum Thema. Niederschläge bleiben vielerorts aus, während die Verdunstung durch die starke Sonneneinstrahlung massiv zunimmt.
«Gewitter können punktuell grössere Niederschlagsmengen bringen, aber sie treten nur sehr lokal auf», erklärt Marquardt. Für die meisten Regionen bedeute das: Die Trockenheit hält an.
Auch in höheren Lagen herrschen aussergewöhnliche Verhältnisse. Auf 2000 Metern werden derzeit 20 bis 22 Grad gemessen. Die Nullgradgrenze steigt zeitweise auf über 4500 Meter an – Werte, die selbst für Hochsommerverhältnisse bemerkenswert sind.
Hitze ist aktuell noch nicht extrem belastend
Viele Menschen empfinden die aktuelle Wetterlage als drückend. Der Grund liegt nicht allein in der Temperatur, sondern auch in der Luftfeuchtigkeit.
Noch handelt es sich aber nicht um eine extrem feuchte Hitzelage. «Dank der Bise ist die Luft momentan noch vergleichsweise trocken», erklärt Marquardt.
Meteorologen verwenden deshalb den sogenannten Hitzeindex. Dieser kombiniert Temperatur und Luftfeuchtigkeit und beschreibt die gefühlte Belastung für den menschlichen Körper.
Ein Beispiel: Bei einer Lufttemperatur von 30 Grad und einer relativen Luftfeuchtigkeit von 75 Prozent fühlt es sich ungefähr wie 36 Grad an.
Gerade gegen Ende der Woche dürfte die Schwüle weiter zunehmen. Dann gelangt aus Südwesten Luft in die Schweiz.
Mögliche Tropennächte in Städten
Mit der anhaltenden Hitze steigt auch die Wahrscheinlichkeit für Tropennächte. Von einer Tropennacht sprechen Meteorologen, wenn die Temperatur nachts nicht unter 20 Grad fällt.
Besonders betroffen sind Städte und Agglomerationen. «Dort staut sich die Wärme zwischen Gebäuden und versiegelten Flächen», erklärt Marquardt.
In ländlichen Gebieten könne die Natur deutlich besser auskühlen. Entsprechend könnten in den kommenden Nächten vor allem die urbanen Zentren rund um Basel, Zürich oder Genf auch nachts kaum Erholung bieten.
Wie lange bleibt die Hitze?
Ein Ende der Hitzewelle zeichnet sich derzeit nicht ab. «Bis mindestens zum kommenden Montag sind Temperaturen über 30 Grad praktisch gesichert», sagt Marquardt.
Für die Zeit danach, Anfang Juli, herrscht unter den Wettermodellen jedoch Uneinigkeit. Die amerikanischen Modelle rechnen weiterhin mit einer anhaltenden Hitzelage auch im Juli.
Die europäischen Modelle zeigen dagegen eine zunehmend wechselhafte Entwicklung. «Für Juli gehen die Prognosen derzeit auseinander», sagt Marquardt. Klar ist aus seiner Sicht aber: «Die heissesten Luftmassen stehen uns erst noch bevor.»
