Liebe Eltern, hört auf mit dieser Saumode!
Wer kann sich noch an den ersten Schultag erinnern?
Wahrscheinlich viele. Es ist ein Tag, den man ein Leben lang nicht vergisst. Ich litt grauenhaft unter der Hitze und dem Hemd, das ich vermutlich nur ein mal im Leben tragen musste. Etwa 30 Jahre ist das jetzt her.
Gestern war es wieder so weit. Tausende Kinder starteten mit der Primarschule – und nicht zum ersten Mal musste ich über das Verhalten vieler Eltern aufregen, die ein miserables Vorbild abgaben.
Den Znüni, den Schulthek und die Finken hatten die Kinder alle dabei – da haben die Eltern abgeliefert. Es war etwas anderes, das mir Sorgen bereitete.
Von vorne.
8.10 Uhr, der Schulgong erklingt, die Kinder nehmen an den Schreibtischen Platz. Am Rand des Zimmers stehen Stühle für die Eltern und kleinen Geschwister bereit, die der ersten Stunde beiwohnen dürfen.
Die Lehrerin begrüsst die Anwesenden freundlich und stellt sofort klar: «Liebe Eltern, bitte keine Fotos machen, Handys sind im Schulzimmer nicht erlaubt.»
Der Fall ist klar: Das Handy bleibt die nächsten 45 Minuten in der Tasche.
Dürfte man meinen.
Es dauert keine 30 Minuten, da beginnen die Eltern am Rand des Schulzimmers auf ihren Smartphones zu scrollen und Nachrichten zu schreiben. Nicht eine Person, nicht zwei Personen, sondern mehrere.
Da fragt man sich: Was um Himmels willen kann wichtiger sein als die erste Schulstunde des eigenen Kindes?
Ich bin mir sicher, dass es in anderen Schulzimmern zwischen Davos und Delsberg ähnlich abgelaufen ist. Denn die angesprochene Klasse dürfte einem Querschnitt der Schweizer Wohnbevölkerung ziemlich nahe kommen – vielleicht etwas expat-lastiger als der Rest der Schweiz.
Dasselbe spielte sich übrigens am Schulsingen (bitte nicht filmen! Die Eltern machten es trotzdem) und am Kindergartenabschluss ab. Liebe Eltern, hört damit auf.
Das Thema Handysucht hat mittlerweile die Schweizer Politik erreicht. Es ist richtig, dass über ein Social-Media-Verbot für Jugendliche diskutiert wird. Es kann ein Ansatz sein, um die Jugendlichen vor übermässiger Bildschirmzeit und negativen Folgen für die Psyche zu schützen. (watson macht dazu gerade eine Umfrage, hier kannst du teilnehmen.)
Es ist jedoch falsch, wenn Eltern und Grosseltern («Bliing, lueg, de Ruedi het es Fotti vode Playa del Carmen gschickt») mit dem Finger auf die Jugend zeigen. Sie selbst sind ebenso Teil des Problems.
Ob und wann ein Social-Media-Verbot für Jugendliche umgesetzt werden könnte, steht in den Sternen. Zudem ist der Nutzen nach wie vor umstritten.
Was wir Erwachsenen jedoch bereits jetzt tun können, ist unsere Vorbildrolle wahrnehmen und unseren eigenen Social-Media-Konsum in Gegenwart der Kinder einschränken.
Das Handy ist aus dem Elternalltag nicht mehr wegzudenken. Arzttermine organisieren, Zugtickets lösen, Windeln bestellen, mit Bekannten abmachen. Deshalb sind auch nicht alle Eltern schlecht, die aufs Handy schauen, während sie den Kinderwagen schieben.
Aber mindestens dann, wenn uns eine Lehrerin darauf hinweist, sollten wir das Smartphone in der Tasche lassen.
Vielleicht können wir uns so in 30 Jahren sogar noch an den ersten Schultag des eigenen Kindes erinnern.
