Schweiz
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Diese Bilder (hier Bryan Cranston in «Breaking Bad») haben allesamt nichts mit dem Thema Crowdfunding zu tun. Sie zeigen bloss die Manifestation von Geld in Film und Fernsehen. Bild: AMC

Kommentar

Bin ich die Hipster-Entwicklungshilfe? Gedanken zum Thema Crowdfunding



Erinnerst du dich an dein erstes Mal? Warst du da proud to be crowd? Und was hast du gefundet? Mein erstes Crowdfunding war kurz nach der Gründung des Schweizer Crowdfunding-Portals wemakeit: Das grossartige Team eines grossartigen Schweizer Films, von dem ich bereits ahnte, dass ihn kaum jemand würde sehen mögen, wollte seinen grossartigen Soundtrack vor dem Kinostart noch etwas pimpen.

«Get rich or die tryin'.»

50 Cent

Ich gab ihnen gerne Geld. Ich war euphorisch, ich dachte, wow, dies ist das Modell der Zukunft. Funden war wie Liken, bloss existenzieller. Und auf idealistische Weise tollkühn. Schliesslich wusste man nicht, ob wirklich etwas Brauchbares dabei herauskam. Ein Glücksspiel.

Auch «The Wolf of Wall Street» mit Margot Robbie und Leonardo DiCaprio ist ein toller Geldfilm. Bild: Universal

Doch kaum hatte ich den flotten Filmern meinen Betrag zugesprochen, sah ich, dass mindestens ein Dutzend meiner Facebook-Freunde auch schon ihre Projekte lanciert hatten. Und stündlich wurden sie mehr: Eine wollte fortan nur noch von der Kreuzstich-Stickerei leben, ganz viele Bands wollten ganz viele Alben machen. Jemand wollte sich einfach mal 'ne Auszeit in Australien nehmen, was irgendwie entwaffnend ehrlich war. Irgendwer designte Schmuck aus dem Innenleben alter Uhren, einer wollte nur noch Tiere ausstopfen, eine Familie wollte davon leben, fahrbare Untersätze für Aquarien herzustellen. Hä?

Kommt dies dabei heraus, wenn man das «privat» von Privatwirtschaft zu ernst nimmt?

Okay, das ist jetzt etwas überspitzt, niemand wollte Tierpräparator werden, und die Aquarien auf Räder gab's zwar wirklich, aber nicht in meinem Facebook-Freundeskreis. Auf jeden Fall waren alle sehr nett, alle taten sehr bedürftig, geradezu devot, alle machten mir ein schlechtes Gewissen, bis ich dachte: Wieso zum Teufel soll ich eigentlich eure Hobbys finanzieren? Bin ich die Hipster-Entwicklungshilfe?

Das würde ich gern schwarmfinanzeren

Der Begriff «Glücksspiel» fällt irgendwo in diesem Text. Hier sehr schön illustriert durch Peter Sellers, Ursula Andress und Orson Welles, 1967 in «Casino Royale». Bild: Columbia Pictures

Als ich vor kurzem aus den Ferien nach Hause kam, war die Schweiz im Crowdfunding-Taumel: Tausende hatten sogenannt «sehnsüchtig» (auf jeden Fall las ich x-mal «Wie gross muss die Sehnsucht nach gutem Journalismus sein!») für das zukünftige Online-Medium «Republik» gespendet.

Tausende hatten sich erhoben, zu einer Bewegung formiert und voller Vertrauen gesagt: Macht mit meinem Geld das Beste! Es roch nach Revolution. Oder wenigstens nach einer delegierten Revolution.

Ich gebe zu, ich war gerührt. Das war gross. Das hatte Kraft und hollywoodeskes Pathos. Wer bekennt sich schon zum Journalismus (okay, viele tausend User bekennen sich zu watson, danke dafür ... allerdings müsst ihr für uns auch nichts bezahlen)? Ich überlegte kurz, mich ihnen anzuschliessen.

Auch Sharon Stone hat in «Casino» viel Glück mit Glücksspielen. Bild: Universal

Doch da sah ich schon ein neues Food-Magazin von aufrichtigen und kenntnisreichen Menschen, das ebenfalls viel Geld wollte, und ein Kunstprojekt im Tessin, an dem wirklich tolle Künstler mitwirken, und dann sind da auch noch diese genialen jungen Wissenschaftler, die Geld brauchen, um ein ganz besonderes Flugzeug zu bauen, und ein schönes Kochbuch möchte finanziert werden ...

Wie oft hast du dich schon an einem Crowfunding beteiligt?

Wieso klingen Crowdfunding-Aufrufe immer ein kleines bisschen nach den Annoncen eines Puffs?

... und in der Post lagen 27 Bettelbriefe von Hilfswerken, die allesamt nicht an sich selbst, sondern an Menschen in echter Not dachten. Der «Guardian» erinnerte mich überdies sehr nett daran, dass ich ihm vor einem Jahr mal einen irrsinnig lieben Unterstützungsbeitrag geschickt und dafür nicht nur ewige Dankbarkeit, sondern auch eine hochwertige Baumwolltasche erhalten hatte.

Es ist auffällig, wie oft DiCaprio Superreiche spielen darf. So auch in «The Great Gatsby». Bild: Warner Bros.

Ja, ist ja schon gut, der «Guardian» kriegt wieder Geld, kein Problem, ich kann ohne den «Guardian» nicht leben. Ohne Wikipedia auch nicht. Aber die «Krautreporter» kriegen keins mehr, von denen bin ich enttäuscht. Und die «Republik» erst, wenn sie mir bewiesen hat, dass ich sie brauche. Dann werd ich Abonnentin. Versprochen.

«Bin i gopfriedstutz en Kiosk; oder bin ich öppe-n-e Bank; oder gsehn i us wie-n-es Hotel oder wie-n-en Kasseschrank?»

Polo Hofer

Ich rechnete trotzdem. Ich ging auf die Funding-Statistik und sah, dass die «Republik» mein Geld schon lange nicht mehr nötig hatte. Leider auch, dass das Food-Magazin trotz meines Geldes nie auf einen grünen Zweig kommen würde. Ich sparte also über 360 Franken. Und ich spürte, wie sich ein schlechtes Gewissen anschlich.

«Diamonds are a girl's best friends», sang mal Marilyn Monroe. Das gilt nun überhaupt nicht für Nicole Kidman in «Moulin Rouge», aber die Diamonds sind auch hier sehr geil. Bild: Twentieth Century Fox/ Sue Adler

Aber wieso eigentlich? Genau so sehr, wie das eine Ego finden kann, dass es Geld braucht, um seinen Trip zu verwirklichen, kann auch das andere Ego entscheiden, ob es diesen Trip braucht. Denn am Ende ist auch Crowdfunding knallharter Kapitalismus. Auch wenn mir vorgegaukelt wird, durch Crowdfunding ein besserer Mensch zu sein.

Aber ich war noch nie ein besonders guter Mensch. Und die nächsten 357 Hipster, die mit selbstdesignten Glacéstängeli, Bomberjacken aus recycelten Velopneus oder stylishen Alpenholzregalen für die neu angeschaffte Vinylplattensammlung an das Gute in mir appellieren, können mir am Ranzen hangen.

Das Filmmagazin «Empire Online» hat gesprochen: Das waren die besten 25 Filme 2016

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