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Kommentar: Céline Amaudruz deckt ein altes Schweizer Problem auf

Céline Amaudruz, l'UDC et nous, les Romands.
SVP-Bundesratskandidatin Céline Amaudruz sieht sich in der Deutschschweiz mit Kritik konfrontiert.Image: keystone / dr (montage)
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Fall Céline Amaudruz zeigt: Die Schweiz hat ein Problem

Bundesratskandidatin Céline Amaudruz sieht sich in der Deutschschweiz mit teils heftiger Kritik konfrontiert. Das hält unser Kollege von der welschen watson-Redaktion in Lausanne davon.
28.10.2026, 09:4328.10.2026, 09:55
Alexandre Cudré
Alexandre Cudré

Liebe Deutschschweizer

Politiker aus der Romandie sind wütend. Céline Amaudruz, SVP-Kandidatin für die Nachfolge von Guy Parmelin im Bundesrat, wird von einigen Deutschschweizer Parteikollegen mit einer derartigen Geringschätzung behandelt, dass ihr welsche Kollegen gegenüber RTS zu Hilfe eilen mussten.

«Es gibt eine gewisse Herablassung seitens unserer deutschschweizerischen Kollegen gegenüber den Westschweizern.»
Nationalrat Jean-Luc Addor (SVP/VS)

Natürlich gibt es berechtigte Kritik an ihren möglichen Interessenkonflikten, die geklärt werden müssen. Aber in diesem Fall geht die Kritik zu weit. Denn man muss schon einige Grenzen überschreiten, um die Westschweizer zu einer solchen Reaktion zu bewegen.

Ich sage es euch ganz offen: Ihr Deutschschweizer neigt manchmal dazu, uns Romands (und auch Tessiner) als eine Art exotische Aussenseiter zu betrachten. Es ist nett, zum Spass mal einen Westschweizer dabei zu haben, aber mehr auch nicht. Sobald man euch ein wenig den Rang abläuft, wird man schnell in die Schranken gewiesen. Denn die wichtigen Themen der Schweiz werden für euch implizit irgendwo zwischen Bern, Basel und Zürich festgelegt.

Als Alain Berset im Bundesrat war, empfanden viele in der Deutschschweiz seinen Führungsstil als viel zu autoritär. Ich habe in Bern schon gehört, wie deutschschweizerische Journalisten zu mir sagten: «Der glaubt, er wäre in Paris.» Würde man von Karin Keller-Sutter sagen, dass «sie glaubt, sie wäre in Berlin»? Ich glaube nicht. Wir betrachten euch nicht als Deutsche, also betrachtet uns bitte auch nicht als Franzosen.

Bundesrat Alain Berset aeussert sich an einer Medienkonferenz zum Ergebnis der Abstimmung zur Rentenreform, am Sonntag, 24. September 2017, in Bern.(KEYSTONE/ Peter Schneider)
Schon Alain Berset wurde teils auf kuriose Weise kritisiert.Bild: KEYSTONE

Eine Parallelwelt

Für viele Deutschschweizer liegt die Grenze der bekannten Schweiz in Bern. Der zweisprachige Kanton Freiburg wird zwar toleriert – ist aber vielen ein wenig suspekt. Das Tessin? Ein Land der Ferienwohnungen für die Zürcher Bourgeoisie. Man könnte fast vergessen, dass die Romandie – mit 2,2 Millionen Einwohnern – und die italienischsprachigen Bewohner des Tessins und Graubündens zusammen fast 30 Prozent der Schweizer Bevölkerung ausmachen. Das ist keine kleine Minderheit.

Doch auch wenn die meisten von euch uns nicht verstehen, gilt das Gleiche umgekehrt. Für die meisten Westschweizer gibt es die Schweiz gar nicht – wir leben in der Westschweiz. Unser politischer und kultureller Mittelpunkt liegt in Lausanne, das zwischen 40 Minuten und einer Stunde mit dem Zug von den meisten anderen Hauptstädten der Westschweiz entfernt ist: Genf, Freiburg, Neuenburg und Sitten. Nur die Jurassier liegen etwas abseits. Für einen Genfer ist eine Fahrt nach Zürich so, als würde man nach Prag oder Budapest fahren. Dabei haben die Genfer und die Zürcher – abgesehen von der Sprache – viel mehr gemeinsam als mit ihren direkten Nachbarn.

La vieille ville de Fribourg avec la cathedrale Saint-Nicolas, centre, et le Pont de la Poya, droite, photographie ce lundi 18 avril 2022 a Fribourg. (KEYSTONE/Laurent Gillieron)
Freiburg, einer der wenigen zweisprachigen Orte der Schweiz.Bild: KEYSTONE

Jetzt merkt es sogar ihr

Wenn ich mir erlaube, euch all das zu erzählen, dann auch deshalb, weil ich beide Seiten der Saane kenne: Als Freiburger und Deutschsprachiger (auch wenn nur Hochdeutsch, sorry) verstehe ich beide Seiten ausreichend. Und ich muss euch leider mitteilen: Sowohl in Freiburg als auch in Biel sind wir nur sehr wenige, die versuchen, eine Brücke zwischen der Deutschschweiz und der Romandie zu schlagen. Und natürlich auch eine zu unseren Freunden aus dem Tessin, diesem sprachlich wirklich coolen Kanton, in dem fast jeder dreisprachig ist.

Kurz gesagt: Uns hat die Verachtung gegenüber Céline Amaudruz seitens der deutschschweizerischen Eliten der SVP und einiger deutschschweizerischer Journalisten nicht überrascht. Überrascht hat uns nur, dass das Ausmass diesmal so gross ist, dass es sogar euch Deutschschweizern aufgefallen ist.

Lieber Gruss, eure Lieblingsromands

PS: Caracs sind feiner als Läckerli.

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