Sie wollten, dass ich zustimme: Wenn Fremdenhass zum Smalltalk wird
Es wirkt wie eine Einladung.
Ich bin Schweizer. Und das reicht, damit andere Schweizer glauben, sie könnten sich mit mir über «die Ausländer» aufregen, als hätten sie gerade ein gemeinsames Hobby entdeckt.
Ich erlebe solche Momente immer wieder. In Gesprächen, die harmlos beginnen. An Orten, an denen manche glauben, unter sich zu sein. An Geburtstagen, bei Familienbesuchen, irgendwo auf dem Land.
Zuerst sprechen wir über die Arbeit, das Wetter, die Ferien. Dann kippt es. Plötzlich geht es um Menschen, die angeblich zu viel bekommen, zu viel nehmen, von denen zu viele da sind.
Vor der Abstimmung über die «Keine 10-Millionen-Schweiz»-Initiative vom 14. Juni fallen mir solche Situationen vermehrt auf.
Sie wollen, dass ich zustimme
Ich lernte sie an einem Geburtstag kennen, einem dieser Abende in einer Wohnung in der Agglo, wo die Gäste in Grüppchen stehen und man sich durch Konversation vorwärtsbewegt wie durch einen Hindernislauf. Sie war Mitte dreissig, trug Jeans und ein helles Hemd, lachte laut und hatte die Energie von jemandem, der ständig in Bewegung ist, weil er muss.
Wir sprachen lange. Sie erzählte mir, dass sie alleinerziehende Mutter einer Tochter ist, kaum älter als zehn. Wie viel sie für sie arbeite, deutlich über 100 Prozent – zwei Jobs, Schichtdienst, kaum Wochenenden frei – damit sie ihr einmal richtig schöne Ferien am Meer ermöglichen könne. In Kroatien, wenn es günstig ist, vielleicht. Ich fand das beeindruckend. Ich fand sie beeindruckend.
Dann sagte sie: «In der Schweiz ist es eben schwierig als Schweizerin.» Den Ausländern werde alles nachgeschoben, sie würden die Sozialhilfe ausnutzen, vom System profitieren. Und anstatt dass der Staat den Schweizern helfe, würde er Milliarden ins Ausland verschenken.
Sie äusserte das mit einer Selbstverständlichkeit, die mich irritierte – und gleichzeitig berührte, weil ich ahnte, woher sie kam. Ihre Erschöpfung sucht einen Schuldigen. Das System ist zu abstrakt, die Lebensumstände, die sie an diesen Punkt gebracht hatten, zu schwer zu fassen. Aber die Ausländer, die kann man benennen.
Sie glaubte, ein Thema gefunden zu haben, bei dem ich ihr selbstverständlich zustimmen würde. Nur wusste ich sofort: Wenn ich mir jetzt treu bleibe, ist dieses bisher angenehme Gespräch vorbei.
Ich fragte nach. Was sie konkret meine. Auf welche Zahlen sie sich beziehe. Ob sie jemanden kenne, der genau das tue. Warum der Verdacht sofort bei jenen lande, die ihr angeblich etwas wegnehmen würden – und nicht bei jenen, die gar nicht erst geben würden.
Mit dieser Reaktion hatte sie nicht gerechnet. Sie mied mich den Rest des Abends. Ich sie auch, ehrlich gesagt. Weil wir beide enttäuscht worden waren.
Schweigen ist bequem
Ein anderes Mal passierte es bei Verwandten auf dem Land. Ein Nachbar kam vorbei. Mitte sechzig, pensioniert, einer, der die Welt mit dem Vertrauen eines Mannes betrachtet, der wohl nie wirklich bezweifeln musste, ob er willkommen war. Er erzählte von seinem Ausflug am Wochenende an den Sempachersee. Meine Verwandte fragte, ob es schön gewesen sei. Seine Antwort: «Es hatte 60 Prozent Ausländer.»
Damit war, für ihn, alles gesagt. Doch ich stand daneben und liess den Satz auf mich wirken. Sechzig Prozent. Er hatte das offensichtlich geschätzt oder innerlich gezählt. Ich fragte mich, wie das geht. Ob er die Handtücher angeschaut hatte. Die Gesichter. Ob er das schon immer gemacht hatte oder erst in den letzten Jahren angefangen hatte.
Ich fragte ihn nicht. Weil es nicht mein Nachbar war. Weil ich wusste, dass meine Verwandte danach mit ihm im Hausflur stehen müsste, nicht ich. Und weil ohnehin klar war, was er meinte.
Er sah in ihnen keine Familien, die gemeinsam badeten. Keine Jugendlichen, die Pommes assen und über den letzten Ausgang sprachen. Keine Paare, die am Ufer sassen und sich verliebt anschauten. Für ihn waren sie nur noch: Ausländer. Und damit ein Problem.
Ich weiss nicht, was er für ein Mensch ist. Ich kenne ihn kaum. Vielleicht ist er zuvorkommend zu seinen Nachbarn, grosszügig zu seinen Enkeln, treu zu seiner Frau. Vielleicht hat er sein Leben lang hart gearbeitet und glaubt aufrichtig, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Ich weiss nur: Er wollte über «die Ausländer» herziehen und erwartete, dass wir nicken, lachen, zustimmen oder wenigstens schweigen.
Ich habe geschwiegen, und dafür schäme ich mich. Denn Schweigen ist bequem. Es hält zwar den Frieden am Tisch, im Hausflur, in der Nachbarschaft, doch es hat einen Preis: Der Satz bleibt stehen. Und mit ihm die Idee, dass Fremdenhass verbindet. Das macht Schweigen gefährlich.
Mein Pass ist keine Eintrittskarte
Ich habe kein Problem damit, über Zuwanderung zu sprechen. Eine Demokratie muss über Bevölkerungswachstum, Infrastruktur, Arbeitsmarkt und Sozialwerke diskutieren können.
Aber in den Momenten, die ich meine, geht es selten um konkrete Probleme. Da wird aus einer politischen Debatte ein pauschaler Verdacht. Plötzlich sind «die Ausländer» nicht mehr Menschen, sondern eine Erklärung für alles, was stört.
Es ist einfacher, über Ausländer zu reden, die gerade nicht am Tisch sitzen. «Wir gegen die Ausländer» geht schneller von der Zunge als eine ehrliche Debatte. Doch mein Schweizer Pass ist keine Eintrittskarte für Fremdenhass-Bonding.
Denn zu meiner Schweiz gehören auch Menschen mit ausländischem Pass. Menschen, deren Eltern eingewandert sind. Menschen, die hier arbeiten, studieren, Kinder grossziehen, Fehler machen, ihr Leben leben. Sie gehören nicht erst dann dazu, wenn sie niemandem auffallen.
Ich will nicht mehr so tun, als seien Sätze über «die Ausländer» harmloser Smalltalk. Sie sind eine Einladung: zum Nicken, zum Schweigen, zum Dazugehören auf Kosten anderer.
Und diese Einladung lehne ich ab.
