So sauglatt verharmloste die volkstümliche Schweiz den Berner Kinderschänder Vatti
1976 war ein aufsehenerregendes Jahr für die Schweizer Justiz. Am 9. August wurde der Bieler Brigadier Jean-Louis Jeanmaire in Lausanne wegen Verdachts auf Landesverrat verhaftet. Paul Baumann, der Gründer der Berner Sekte Methernitha, wurde am 18. Oktober wegen mehrfachen sexuellen Missbrauchs, darunter auch Kindsmissbrauch, zu einer Zuchthausstrafe verurteilt. Jeanmaire, der beste Kontakte zu Russland pflegte, auch, weil seine Frau einen russischen Geliebten hatte, entpuppte sich viele Jahre später als doch nicht ganz so gefährlicher Spion. Paul Baumanns Verbrechen gingen nach einem nur dreijährigen Gefängnisaufenthalt unvermindert weiter.
Im Jahr 1976 selbst galten beide als das Böse schlechthin: Der Landesverräter und der Kinderschänder. Oder, wie man sich dies im typisch helvetischen Verniedlichungs-Duktus wohl landauf, landab an den Stammtischen sagte, sie waren «glatti Sieche». Schlimme Schlingel, welche die Anständigkeit unterlaufen und die Öffentlichkeit hinters Licht geführt hatten. Im grossen Stil. Ruchlos wie internationale Grossverbrecher oder James Bond. Zwei, die das Image der Schweiz infrage stellten. Anders ist nicht zu erklären, wie 1976 der volkstümliche Ohrwurm «De Jeanmaire und de Vatti» zustande gekommen ist.
Noch 1994 erinnerte sich Volksmusikpapst Sepp Trütsch im «SonntagsBlick» voller Freude an den lüpfigen Schabernack: «Wer erinnert sich nicht an diesen Gassenhauer des Stimmungs-Duos Walti & Werni, die den Jeanmaire-Skandal und die Machenschaften eines als ‹Vatti› berüchtigten Kinderschänders in einen genialen Schunkelsong einbauten?»
Mir Schwiizer sind halt Glatti
Mir händ de Jeanmaire und de Vatti
Und wenn's ois frögsch, gits na meh
als grad die beide zwee.
Mir Schwiizer sind halt Glatti
Mir händ de Jeanmaire und de Vatti
Und wenn'd mich fragsch, git's derzue
Na anderi Lappi gnueg.
…
S'isch ja nüt Nois
S'gid au bi ois
Da und deet zimli vil Chlois.
Die beiden waren also Glatti, aber auch Lappi oder Chlois. Lappi nannte man damals Kinder, denen ein Missgeschick passiert war – «Du Lappi, du!» – oder etwas bekloppte Erwachsene. Ein «Chlaus» war noch harmloser. Und, so suggerierte der Song, sie waren keine Ausnahme, hinter der Sauberschweiz-Fassade gab es davon noch viele, viele mehr. Die Schweizer, ein Volk von heimlichen Hallodris! Dazu gehörte auch – nein, nicht Einkaufs-, sondern Sextourismus im benachbarten Deutschland. Wenn man schon Vatti besang, musste der Sex noch irgendwie thematisiert werden.
Mir Schwiizer mir händ doch der Putzfraukomplex
Bi ois isch d'Wält suber und heil
Drum suecht sich en Schwiizer im Usland sin Sex
In Konschtanz und Lörrach und Weil.
Genau so lief das im Radio, genau so lief das am Skilift. Ich war damals sechs, meine gute Freundin, die mich darauf aufmerksam gemacht hat, war elf, es waren halt so Zeilen, die man mitsang wie Trio Eugster, im Kinderzimmer, auf dem Dorffest, es war lustig gemeint, auch wenn wir nicht wirklich verstanden, worum es ging. Zum Glück nicht. Es war die ganz normale Schweizer Unterhaltungslandschaft.
Das Duo Walti & Werni kam von der Pfnüselküste des Zürichsees. Es wurde von den Dancings und Beizen, in denen es allabendlich auftrat, als «Top-Duo» beworben, es war mit Alben wie «Mir händ de Plausch», «Mir händs luschtig» oder «Das git Stimmig» bekannt geworden, es hatte die unvermeidliche «Frau Stirnimaa» gecovert und hiess bürgerlich Walter Höchli und Werner König. Später trennten sie sich, König machte alleine weiter und Höchli wurde Versicherungskaufmann. Das Prädikat «glatt» und in seiner Steigerung «sauglatt» war ihnen wichtig. Ballermann made in Switzerland.
Und der Sauglattismus erreichte mit «De Jeanmaire und de Vatti» seinen Höhe- oder Tiefpunkt. Geschrieben hatten Walti & Werni den Song nicht selbst, komponiert hatte ihn ein gewisser Alex Alta, der Text stammte von Hannes Mockart. Beide gab es unter diesen Namen nicht. Alex Alta war ein Pseudonym des beliebten Tessiner Handörgelers und Komponisten Renato Bui. Seine legendärste Komposition war 1968 die Erkennungsmelodie der von Kurz Felix erfundenen und bis heute aktiven Sendung «Samschtig-Jass». Daneben arrangierte der Mann mit dem Look eines schüchternen Buchhalters Tessiner Lieder für Nella Martinetti und trat mit seinem Sextett regelmässig im Schweizer Fernsehen auf.
Hannes Mockart hiess bürgerlich Fredy Lienhard, war ursprünglich Primarlehrer und später Kabarettist, er war in den 60er-Jahren Teil des berühmten Cabaret Rotstift (das auch zum Personal des «Samschtig-Jass» gehörte) gewesen, dann hatte er sich als Texter und Kabarettist selbständig gemacht. Beide, Bui und Lienhard, gehörten 1976 also zum Fundament der Schweizer Unterhaltungsbranche.
Sie hatten sich vermutlich nichts Böses bei «De Jeanmaire und de Vatti» gedacht, sie hatten sich einfach gar nichts gedacht. Doch dass die Sache mit dem Landesverräter und dem Kinderschänder vielleicht doch nicht einfach nur satirisch oder als frivoler Witz verstanden werden konnte, schien allen Beteiligten bereits 1977 einzuleuchten. Man muss ihnen das zugute halten. «De Jeanmaire und de Vatti» wurde bearbeitet und erschien neu als sogenanntes «Skilied».
Dass dies der Fall war, ist allerdings keiner Schweizer Quelle zu entnehmen, sondern wird aus einer Information auf der amerikanischen Diskografie- und Tonträger-Handels-Plattform Discogs deutlich. Da ist das «Skilied» (es befindet sich auf der B-Seite einer Single) mit der Information versehen: «Track B has the same playback as ‹Walti und Werni – De Jeanmaire Und De Vatti› but non-satirical lyrics». Also: «Track B hat denselben Musikteil wie ‹Walti und Werni – De Jeanmaire und De Vatti›, aber der Text ist nicht satirisch.»
Überlebt hat selbstverständlich das Original.
