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Paul Baumann: Der Berner Triebtäter, der Mädchen zu Engeln machte

«Der Engelmacher»
Das Verhaftungsfoto von Paul Baumann 1974.Bild: Locarno Film Festival: Staatsarchiv Bern.
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Der Berner Triebtäter, der Mädchen zu Engeln machte: «Vatti» gibt's jetzt als True Crime

Am Filmfestival Locarno gab es die hervorragende und haarsträubende Dokumentation über den Sektenguru Paul Baumann zu sehen. Jetzt läuft der Vierteiler von Marina Klauser auf PlaySuisse und bald auf SRF.
13.08.2026, 15:3313.08.2026, 15:33

Der Mann ist ein Triebtäter und sein ganzer Zauber nichts als Beschaffungskriminalität. Der Mann heisst Paul Baumann, seine Eltern sind Mitglieder einer pietistischen Freikirche, und alles, was sie anfassen, endet in Konkurs und Armut. Paul ist ein schlechter Schüler: Er absolviert dreimal die erste Klasse, aber er ist ein gewiefter Bastler, Blender und Performer. Er bastelt nicht nur seltsame Maschinen und eine Bombe, die ihn beinahe in der Verwahrung enden lässt, er bastelt sich auch einen eigenen Kult: eine krude Mischung aus fundamentalistischem Christentum und ägyptisch-indisch inspiriertem Spiritismus. Es wimmelt da von Engeln. Und Engel sind bei Baumann weiblich, immer und ausschliesslich.

1956, Baumann ist 39, gründet er in Linden an der Grenze zum Emmental die Glaubensgemeinschaft Methernitha mit Stacheldrahtzaun und eigener Windkraft-Energieanlage. 1960 wird daraus auch noch eine Genossenschaft. In der Methernitha kann man leben und arbeiten, Baumann kauft immer mehr Häuser im Dorf Linden, baut, eröffnet Betriebe, eine Blumenzucht, eine Elektronikfabrik, die Produkte haben einen guten Ruf. Und die Arbeiter verdienen nichts. Ihr Lohn fliesst in die Gemeinschaft, ihr Vermögen ist schon bei ihrem Eintritt an Baumann gegangen. Die Arbeiter sind allesamt männlich und unbedeutend, denn, so behauptet Baumann, nur Frauen seien für das geistige Leben geschaffen. Und die höchste Stufe der Vergeistigung ist, ein Engel zu werden.

Eine fruehe Aufnahme von Paul "Vatti" Baumann, dem Leiter der Methernitha-Sekte, undatierte Aufnahme. (KEYSTONE/Str)
Seine Mischung aus technischem Hokuspokus und einfühlsamem Spiritismus machte Paul Baumann unwiderstehlich.Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Drei Frauen erzählen nun im erschütternden Doku-Vierteiler «Der Engelmacher» von Marina Klauser, wie sie die Methernitha und Baumann überlebt haben. Die eine, Käthi, ist Klausers Tante und Käthi war ein Engel. Die anderen heissen Ruth und Bea. Die drei Frauen sind heute alt. Sie erzählen uns ihre Geschichten in sagenhafter Abgeklärtheit, Klarheit und mit äusserster Entschlossenheit, es ist, als hätten sie sich dafür von ihren alten Ichs abspalten müssen.

Schweigen und denunzieren

Die Zürcherin Käthi ist 15, als sie sich der Methernitha anschliesst. Ihre Brüder waren schon da und beschrieben den Ort als eine Art überirdisches Ferienlager, und Käthi erhält eine Stelle als Kindermädchen bei Baumann. Käthi ist das erste Mädchen in der Methernitha, bald wird sie von Baumann missbraucht. Nach einem halben Jahr kommt ein zweites Mädchen. Die beiden werden von den anderen isoliert, sie erhalten Aufgaben (sich bei Gewitter in den Regen legen) und Gesetze («Schweige, schweige, schweige!»). Käthi erhält den Engelnamen Kometria und eines Tages im Winter müssen sie in weissen Kleidern barfuss durch den Schnee gehen und Engel spielen. Die anderen sinken vor ihnen in die Knie.

Bis zum Engelsein sind schnell immer neue Hierarchiestufen zurückzulegen. Der Weg ist mehr als dornig, denn die Konkurrenz wächst. Die Methernitha ist ein Erfolg, Baumann, der bald «Vatti» heisst, kann nicht nur Engel zaubern, er kann auch Zeitungspapier in Geldscheine verwandeln und ist überhaupt ein patenter Guru, dem sich überforderte Seelen, die nach Sinn im Leben und im Jenseits suchen, gerne familienweise anschliessen. Dass dabei die Töchter vom Rest der Familie getrennt werden, stört niemanden, schliesslich ist man jetzt Teil eines höheren Ziels und hat sein Schicksal und sein Geld ganz in Baumanns Hände gelegt.

«Der Engelmacher»
Methernitha-Mädchen: Der Teenager ohne Balken über den Augen ist Bea.Bild: Locarno Film Festival: Ringier, «Schweizer Illustrierte»

Bea erzählt, wie sie jeden Tag nur 35 Worte reden durfte – ausserhalb des abendlichen Gruppenbashings: Da mussten alle böse über alle reden, schliesslich durften keine Freundschaften zwischen den Mädchen aufblühen, sie sollten Konkurrentinnen bleiben, die einzig Vattis Gunst wollten. Denunziationen wurden belohnt. In ihren Einzelzimmern gab es Lautsprecher, damit wurden Einzelverhöre übertragen: Ruth erzählt, wie sie in einer Art Gerichtssaal zwischen zwei Pfosten gefesselt wurde, vor ihr sassen die Engel und Vattis Partnerin und konfrontierten sie mit ihren angeblichen Vergehen, die anderen hörten zu. Es klingt wie Szenen aus Orwells «1984» oder aus Margaret Atwoods «The Handmaid's Tale». Dystopie im Mittelland.

Linden ist die Hölle

Ruth kam als Fünfjährige nach Linden. Sie sagt: «Annäherungen seitens Baumanns gab es seit jeher.» Körperliche Übergriffe, «fingerle». Die Eltern interessiert sowas nicht, sie finden es bloss überspannt. Ruth und Bea werden kurz vor ihrem zwölften Geburtstag von Baumann vergewaltigt. Er verhütet nie, wird ein Mädchen schwanger, nimmt er die Abtreibung selbst vor. Beas Schilderung davon ist schaurig. Erst räumt Vatti das Hirn der Mädchen aus, dann den Unterleib. Er nimmt seinen Job als Engelmacher wörtlich.

Die Mädchen hassen Sex mit Vatti. Doch die Gehirnwäsche war gründlich, die Abhängigkeit ist total und die Vereinsamung monströs, sie glauben fest daran, dass ihre Pein irgendwann einmal Sinn machen wird, dass sie irgendwann auch Engel werden. Linden ist die Hölle.

Der Gruender Paul Baumann, Vatti, rechts, und eine Mitgliederin der christlichen Vereinigung Methernitha im "Turnzimmer" des "Geistigen Zentrums Linden", GZL, in Linden, Kanton Ber ...
1961 führt Baumann sein sogenanntes «Turnzimmer» vor. Nach der Dokumentation von Marina Klauser betrachtet man die Kette in seinen Händen durchaus anders.Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Die 70er-Jahre brechen an und das Terrorregime von Vatti kriegt Risse. Engel Nummer zwei flieht. Vattis 18-jährige Chauffeurin Sonja verbündet sich mit Bea, worauf er die beiden bei einem Autounfall zu erledigen versucht. Als sie schwer verletzt überleben, gibt er Bea den Auftrag, Sonja zu ermorden. Sie weigert sich.

Keine Einsicht oder Reue

Und dann ist da plötzlich die schöne deutsche Gaby, ein Partygirl auf der Suche nach neuer Wahrheit, die nackt durch den Wald tanzt. Ist sie eine Undercover-Journalistin? Nein, aber nach der ersten Verstrahltheit erkennt sie den Verbrecher hinter der Guru-Fassade, packt Käthi und ein anderes Mädchen ins Auto und unternimmt einen Fluchtversuch. Käthis Eltern schicken ihre Tochter zurück nach Linden, doch Vatti will sie jetzt auch nicht mehr, das ist ihr Glück. Sie reist nach Italien, arbeitet in einem Blumenladen, verliebt sich, erzählt ihrem Boyfriend alles, der gibt ihr Geld, um nach Thun zu reisen und Paul Baumann anzuzeigen.

Der Angeklagte Paul "Vatti" Baumann (1917.2011), 3.v.l., inmitten von Sektenanhaengern auf dem Weg zum Gerichtssaal in Thun, wo sich der Leiter der Methernitha-Sekte wegen Unzucht mit acht M ...
Baumann auf dem Weg zu seinem Prozess am 18. Oktober 1976 in Thun.Bild: KEYSTONE

Er wird 1974 verhaftet und 1976 verurteilt. Am Tag der Urteilsverkündung lässt er sich fünf Mädchen zwischen neun und zwölf Jahren ins Teppichlager eines Thuner Möbelhauses bringen und missbraucht sie. 1979 wird er wegen guter Führung entlassen, eigentlich hat das Gericht entschieden, dass künftig keine Mädchen mehr in Methernitha sein dürfen, doch die Gemeinde Linden, die sich darum kümmern sollte, ignoriert dies.

Nach seiner Rückkehr heisst Baumann nicht mehr «Vatti», sondern «der König», und der König missbraucht weiterhin junge Frauen. Die Methernitha hat sich radikalisiert, wer nach dem Skandal Mitte der 70er noch geblieben ist, ist jetzt noch extremer. Die Justiz vergisst Baumann. Sie hat einmal ein Exempel statuiert, das muss genügen. Es ist ein unfassbares Behördenversagen. Baumann stirbt 2011 94-jährig in Linden. Die Methernitha gibt es heute noch. Bis Mitte der 90er-Jahre diffamierte die Gemeinschaft Baumanns Opfer als Huren. Mit Marina Klausner über früher reden wollte in Linden niemand, wieso Staub aufwirbeln, hiess es.

Die Kraft der Frauen

Käthi und Bea und Ruth erzählen all dies und noch viel mehr, es ist unfassbar, wie sie trotz einer fatal zerstörten Kindheit und Jugend zu Frauen mit einem langen, erfüllten Leben werden konnten, wie viel Kraft und Zeit sie ihre Gesundung gekostet haben muss. Ihre Leistung in «Die Engelmacher» ist unschätzbar gross, das Vertrauen zur Regisseurin spürbar.

Die Zürcher Regisseurin Marina Klauser.
Die Zürcher Regisseurin Marina Klauser.bild: keystone / GAETAN BALLY

190 Minuten umfasst Klausers fesselnde und niederschmetternde Dokumentation. Sie hat sich dafür entschieden, das allzu Unzeigbare und Unsagbare mit fiktionalisierten Szenen zu illustrieren. Baumann wird da zu einem schillernden Skarabäus aus der ägyptischen Mythologie, und es ist schier nicht zum Aushalten, wenn so ein Käfer über ein Stück Mädchenhaut krabbelt oder ein Bett in einem Puppenhaus besteigt. Der Rest ist zum Glück nicht Schweigen. Der Rest ist unendlich viel Archivmaterial und die Worte der Frauen, die gewiss noch bis zum Ende ihres Lebens weiterreden könnten. Der Rest ist die Wahrheit.

«Der Engelmacher» gibt es integral auf PlaySuisse zu sehen und ab dem 27. August, 20.10 Uhr, auf SRF 1.

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