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Analyse: Wo sich die Schweiz durch Corona wirklich verändert hat

Das Erbe der Corona-Pandemie ist nicht in allen Schweizer Branchen gleich schwer.
Das Erbe der Corona-Pandemie ist nicht in allen Schweizer Branchen gleich schwer. Bild: Shutterstock
Analyse

Wo die Pandemie unser Verhalten nachhaltig verändert hat

Die Gesellschaft hat sich seit Corona verändert. Das ist oft zu hören. Doch stimmt es auch? Und hat sich das auf unser Verhalten ausgewirkt? 9 Punkte, die zeigen, wo das vor-Pandemie-Niveau bis heute nicht erreicht wurde.
06.03.2023, 20:1608.03.2023, 10:17
Philipp Reich
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Reto Fehr
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Corona – war da was? Vor drei Jahren überrollte die Pandemie den Globus, noch vor einem Jahr beschäftigten wir uns mit den letzten Massnahmen. Doch jetzt, gut 12 Monate später, scheint Corona aus den meisten Köpfen verschwunden.

Doch wie «normal» ist unser Leben wirklich wieder geworden? Haben sich unsere Mobilität, unsere Freizeit- und Essgewohnheiten verändert? Wir haben die Daten aus verschiedenen Branchen analysiert.

Zugverkehr

Die Zahlen von vor der Pandemie haben die SBB bis heute nicht erreicht. Seit März 2020 wurde noch kein Monat registriert, in dem die Vergleichsperiode von 2019 egalisiert wurde. Meist pendeln die Daten seit Januar 2022 irgendwo über 90 Prozent. Im Januar 2023 wurden 97,7 Prozent der Personenkilometer im Vergleich zum Januar 2019 gezählt.

Dass die SBB einen Homeoffice-Effekt spüren, liegt auf der Hand. Sie schreiben auf Anfrage. «Der Pendlerverkehr liegt noch leicht unter Vor-Corona-Niveau. Der Freizeitverkehr war Ende 2022 bereits leicht drüber.»

Und wie sieht es mit dem Generalabonnement (GA) aus? Die Alliance Swiss Pass hat als Branchenorganisation des öffentlichen Verkehrs die Daten dazu. Seit 2004 nahm die Umlaufentwicklung des GA praktisch in jedem Jahr leicht zu, bis zum Höhepunkt 2019 mit rund 500'000 Abos. Nach dem Rückgang während den beiden Pandemiejahren, stiegen die Abozahlen 2022 wieder und liegen aktuell auf dem Niveau von 2011.

Anders sieht es übrigens mit dem Halbtax aus. Bei diesem konnten die Abos im Umlauf im Jahr 2020 die Zahlen von 2019 halten, seit 2021 steigen die Verkäufe und haben 2022 einen vorläufigen Rekord von praktisch drei Millionen erreicht.

Autoverkehr

Neben dem Zug nutzen viele für den Freizeit- und Pendlerverkehr das Auto. Die Zählstelle des Bundesamtes für Strassen (Astra) bei der Autobahn A1 ist eine derjenigen mit dem höchsten Verkehrsaufkommen. Der Autoverkehr dort sank zwar in der Coronapandemie ebenfalls, aber nicht so stark wie bei der SBB. Auch hier ist das Vor-Corona-Niveau fast wieder erreicht.

Im März, April und Mai 2020 gab es die grössten Einbussen, im Oktober, November und Dezember während der zweiten Welle sank der Verkehr dort nur wenig.

Auffallend ist aber auch hier: Auf Monatsbasis konnte im Jahr 2022 kein Monat die Zahlen von 2019 übertreffen.

Flugverkehr

Der Flugverkehr kam während Corona praktisch zum Stillstand. Am Flughafen Zürich brachen die Passagierzahlen vom Rekordmonat Juli 2019 (3,15 Millionen) bis im April 2020 auf 26'913 zusammen. Seither erholt sich der Flugverkehr zwar, liegt aber noch immer deutlich hinter den Vor-Corona-Werten. So wurden im Januar 2023 1,73 Millionen Fluggäste gezählt, im Januar 2020 waren es noch 2,01 Millionen.

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Bild: watson.ch

Auch im Jahresvergleich hinkt 2022 noch deutlich hinter 2019 her. Egal, ob bei der Anzahl Passagieren oder den Flugbewegungen am Flughafen Zürich. Allerdings schreibt der Flughafen Zürich auf Anfrage: «Aufgrund des tiefen Passagieraufkommens im ersten Quartal 2022 liegen die Werte noch unter denjenigen von vor der Pandemie, übertreffen aber die anfangs 2022 gestellten Prognosen.»

Ob sich die Flugbranche wieder vollständig erholt? Bernd Bauer, CEO Edelweiss und Eurowings Discover, sagte im SRF Eco-Talk am Montag (27.2.): «Auf der Kurz- und Mittelstrecke können wir das Vor-Corona-Niveau sicherlich wieder erreichen. Wir haben auch zwei Flugzeuge mehr im Einsatz als noch vor der Corona-Krise. Auf der Langstrecke sind die Buchungen noch verhaltener.»

Spannend ist aber auch: Gemäss Bauer ist nicht die Nachfrage das Problem, sondern auch das Angebot: «Es ist ein Wechselspiel aus Angebot und Nachfrage und im Moment ist das Angebot immer noch deutlich reduziert. Ganz viele Fluggesellschaften haben noch nicht die ganze Kapazität wieder in der Luft und können nicht das gleiche Angebot bieten wie noch vor der Krise. Die Nachfrage kommt schneller zurück, als wir in der Lage sind, die Kapazitäten in den Markt zu bringen.»

Ausländische Touristen in der Schweiz

So wie wir wieder mehr fliegen und das Ausland bereisen, so ist auch die Schweiz wieder Ziel von Touristen geworden. An der Medienveranstaltung am 23. Februar informierte Schweiz Tourismus: «Der Schweizer Tourismus erreichte für das Jahr 2022 in einigen Märkten wieder das Niveau von vor der Pandemie.»

Insbesondere Gäste aus Frankreich konnten mehr als vor der Coronapandemie begrüsst werden. Allgemein erreichen die Zahlen aus Europa wieder das vorherige Niveau. Etwas hinterher hinken die Gäste aus Grossbritannien mit einem Minus von 16,8 Prozent gegenüber 2019. Der Brexit, die Wirtschaftskrise und die Rekordinflation sind dafür die Gründe.

Südostasien = Indonesien, Malaysia, Singapur, Thailand

Ausserhalb Europas sind Gäste aus Südostasien, den Golfstaaten und Nordamerika mehr oder weniger wieder auf Vor-Corona-Niveau. Ganz anders sieht es da mit China aus. Besuchten 2019 noch 1,85 Millionen Chinesen unser Land, waren es 2022 lediglich rund 200'000. Allerdings ist auch hier Besserung in Sicht: So fliegt beispielsweise die Cathay Pacific seit anfangs Dezember 2022 wieder wöchentlich von Hongkong nach Zürich.

Neben den ausländischen Touristen machen vor allem die einheimischen Gäste den Tourismusregionen Freude. 21,1 Millionen Logiernächte von Schweizern sind nicht nur ein Plus von 17,5 Prozent gegenüber 2019, sondern auch ein neuer Rekord an einheimischen Gästen. Die Schweizer entdeckten während Corona ihr eigenes Land wieder vermehrt. Wie lange der Trend anhält, ist offen.

Hotellerie

Genau wie der Tourismus freut sich auch die Hotellerie über die Rückkehr in die Normalität. In Schweizer Hotels wurden 2022 38,2 Millionen Logiernächte verbracht, das sind nur unwesentlich weniger als 2019 (39,6 Millionen).

Die anhaltende Erholung stimmt die Branche gemäss der Medienmitteilung vom 23. Februar zuversichtlich. Auch wenn Herausforderungen wie der Fachkräftemangel ein Thema bleiben. HotellerieSuisse-Präsident Andreas Züllig hält fest: «Das Jahr 2022 kann als Jahr der Erholung bezeichnet werden. Auch wenn wir das Vorkrisenniveau noch nicht erreicht haben, schauen wir auf ein erfolgreiches, wenn auch turbulentes Jahr zurück.» In den Städten fehlen in den Hotels noch rund 6 Prozent der Gäste im Vergleich mit 2019, in den klassischen Feriendestinationen sind es nur noch 0,5 Prozent.

Die Mitglieder von HotellerieSuisse bieten mit erstmals über 100'000 Hotelzimmern derzeit rund 70 Prozent des gesamten Beherbergungsangebotes in der Schweiz.

Restaurants

Der Umsatz der Schweizer Gastronomie ist im ersten Pandemie-Jahr wegen den langen Zwangsschliessungen um mehr als vier Milliarden auf 11,2 Milliarden Franken eingestürzt. 2021 lagen die Umsätze gemäss «Gastro Suisse» gar 40 Prozent tiefer als in den Jahren vor der Pandemie.

Seit dem zweiten Quartal 2022 scheint sich die Branche wieder etwas zu erholen. Darauf deuten zumindest die Haushaltsausgaben der Schweizerinnen und Schweizer hin: Gemäss der Haushaltsbudgeterhebung des Bundesamts für Statistik haben die Ausgaben für Mahlzeiten in Restaurants, Cafés und Bars wieder das Vor-Pandemie-Niveau erreicht.

Für viele Betriebe kommt der Aufschwung aber zu spät. Gemäss dem «St.Galler Tagblatt» gab es im Jahr 2022 in der Schweiz erstmals mehr Konkurse von Gastronomieunternehmen (2935) als Neugründungen (2445). «Das ist eine verzögerte Reaktion auf die staatlichen Hilfen während der Covid-19-Pandemie», erklärt Gastro-Experte Peter Herzog den erstmaligen Rückgang. Hätten Bund und Kantone nicht postwendend mit Sofortkrediten und Härtefallregelungen geholfen, wäre es viel schneller dazu gekommen.

Kinos

Die Schweizer Kinobranche erholt sich nur sehr langsam von der Corona-Pandemie. Im Jahr 2022 verzeichneten die Schweizer Kinos 8,7 Millionen Eintritte. Das sind fast zwei Drittel mehr als im Vorjahr und aber immer noch erst 70 Prozent im Vergleich zum Vor-Pandemie-Niveau.

René Gerber, Generalsekretär von Pro Cinema, ist trotzdem zufrieden: «Das ist ein Schritt in die richtige Richtung», erklärte er Mitte Januar. 2022 sei das erste halbwegs normale Jahr seit der Pandemie gewesen. Der Zuschauerstrom sei zwar noch tiefer, aber der Betrieb habe sich normalisiert. Mit einer vollständigen Erholung rechnet der Verband erst ab etwa 2024.

Noch besser hätte das Jahr ausfallen können, wäre der Sommer nicht so schön gewesen. Noch fehlen auch die grossen Blockbuster, die wegen der Corona-Pandemie nicht wie geplant erschienen sind. Immerhin: Mit «Avatar: The Way of Water» hatten die Schweizer Kinos doch noch einen Kassenschlager, der massgeblich zum guten Jahresresultat beigetragen hat. Der Film (Start im Dezember 2022) steht mittlerweile auf Rang 3 der erfolgreichsten Filme aller Zeiten.

Fitnesscenter

Auch Fitnesscenter hatten es während der Pandemie nicht leicht. Während längerer Zeit mussten sie schliessen und sich später an strenge Hygienemassnahmen halten. Die Konsequenz: Viele Fitness-Begeisterte kündigten ihr Abo und änderten während der Pandemie Trainingsverhalten.

So hatten die Fitnesscenter in der Schweiz im März 2022 rund 16 Prozent weniger Mitglieder als noch Ende 2019, wie eine Studie vom Branchenverband Swiss Active im September 2022 zeigte. Gemäss dem Schweizerischen Fitness- und Gesundheitscenter Verband SFGV leiden vor allem kleinere Center unter dem Mitgliederschwund. Im Durchschnitt hätten KMU-Center einen Mitgliederverlust von etwas mehr als 30 Prozent erfahren.

Besser geht es den grösseren Anbietern: «Unsere Mitgliederzahlen bewegen sich derzeit bei rund 250'000 Mitgliedern, was leicht über dem Niveau von 2019 liegt», erklärt Silvia Talabér von der Migros-Tochtergesellschaft Movemi AG, zu der die Migros-Fitnessparks sowie alle Activ-Fitness-Studios gehören.

Bei den kleineren Studios kündigten gemäss der Studie von Swiss Active vor allem Personen über 60 Jahre ihr Abo oder erneuerten es nicht mehr. Im ersten Quartal 2022 ist die Zahl der Fitnessabonnentinnen aber schweizweit wieder leicht angestiegen. Ob der Trend hält, wird die nächste Ausgabe der Studie im kommenden Juni zeigen.

Bargeldverwendung

Stark beeinflusst hat die Corona-Pandemie das Zahlungsverhalten der Schweizerinnen und Schweizer. Wie eine Studie vom Vergleichsportal «Hellosafe» zeigt, wurde im letzten Jahr nur noch einer von drei physischen Einkäufen mit Bargeld bezahlt. Vor der Pandemie war es noch jeder Zweite.

Die häufigste physische Zahlungsart ist seit 2021 die Debitkarte. Rund 36 Prozent aller Einkäufe werden damit abgefertigt – allerdings ist die Tendenz leicht rückläufig. Denn immer häufiger bezahlen Schweizerinnen und Schweizer mit dem Handy. Fast 10 Prozent der physischen Einkäufe gehen mittlerweile auf das Konto von Twint, Apple oder Google Pay. 2019 waren es noch sechsmal weniger.

Auch bei den Online-Einkäufen hat das Bezahlen mit einem Mobilgerät gar noch stärker zugelegt. 2022 zahlten mehr als die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer (51,3 Prozent) ihre Online-Einkäufe mit dem Handy – dreimal mehr als im Jahr 2019.

Zurück gehen dafür die Online-Kartenzahlungen: Mit ihrer Debitkarte zahlten 2022 nur noch 1,9 Prozent aller Schweizerinnen und Schweizer im Internet. Mit einer Kreditkarte immerhin noch fast 11 Prozent. Der Rückgang seit 2019 beträgt allerdings schlappe 67 Prozent.

Die altehrwürdige Rechnung hat dagegen nur wenig an Terrain eingebüsst. Fast ein Viertel der Schweizer Bevölkerung begleicht seine Online-Transaktionen per Rechnung. Vor allem bei höheren Beträgen ist diese Zahlungsart immer noch sehr beliebt.

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78 Kommentare
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MadChic
05.03.2023 19:33registriert Oktober 2021
Und vom Verkehr abgesehen: eine ekelhafte Rücksichtslosigkeit hat sich ausgebreitet und nimmt noch weiter zu. Viele sind so richtig asozial geworden und zeigen das auch, überall. Auf dem Trottoir, der Strasse, beim Einkaufen...
Ob das aber mit Corona überhaupt was zu tun hat weiss ich nicht.
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HappyUster
05.03.2023 18:48registriert August 2020
A1 bei Würenlos: über 45'000'000 Fahrzeuge 😬
Seid ihr des Wahnsinns liebe Firmenbesitzer? Bringt doch das Homeoffice zurück. Es ist sicher Umweltschonender und die Zeit des Arbeitswegs wird auch gesparrt.
Ich kenne eine Firma, die den gesammten dritten Stock leer hat. Sie spart Strom, Heizung und andere verschleissbare Sachen.
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Fred_64
05.03.2023 20:03registriert Dezember 2021
Gemäss Gastro Suisse hatte es vor Corona schon 20% zu viele Betriebe. Der Umsatz hätte damals schon nicht für eine gute Finanzierung aller gereicht.
Zudem waren Nichtraucher vor 20 Jahren kein Wunschsegment der Beizen und das ewige Gejammer von Oberbeizer Planzer hat meine Sympatien für dieses Gewerbe auch nicht erhöht.
So gibt es eben Gekochtes zu Hause... 😊
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Den Bienen fehlt es nicht nur an Nahrung, sondern auch an Wohnraum

Wir alle kennen sie, die Bilder der kilometerlangen Warteschlangen bei Wohnungsbesichtigungen. In vielen Städten sind sie keine Seltenheit mehr. Jetzt stell dir vor, du müsstest dich auch noch beinahe ausgehungert in eine solche Schlange stellen.

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