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Ein Jahr (fast) ohne Corona-Massnahmen: Eine Bilanz

Eine Serviceangestellte entfernt einen Hinweis auf die Maskenpflicht im Restaurant Die Station in Basel, am Donnerstag, 17. Februar, 2022. Der Bundesrat hebt per Donnerstag fast alle Corona-Massnahmen ...
Eine Angestellte eines Basler Restaurants entfernt am 17. Februar 2022 den Hinweis auf die Zertifikatspflicht.Bild: keystone
Analyse

Ein Jahr (fast) ohne Corona-Massnahmen: Eine Bilanz

Der Bundesrat hat vor einem Jahr die meisten Corona-Massnahmen aufgehoben. Es war ein Wagnis, doch eine Katastrophe ist nicht eingetreten. Nun sollten wir uns auf die nächste Pandemie vorbereiten.
16.02.2023, 14:5016.02.2023, 23:07
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Corona? War da was?

Für viele Menschen sind die beiden Pandemiejahre in weite Ferne gerückt. Noch sieht man sporadisch Menschen mit Maske, und noch immer machen die Befürworter und Gegner von Schutzmassnahmen Lärm in den sozialen Medien. Aber die Empörungswellen sind genauso abgeflaut wie die Infektionswellen.

Am 17. Februar 2022 hatte der Bundesrat die meisten Massnahmen aufgehoben, vor allem die Zertifikatspflicht. Bis Ende März galten noch eine Maskenpflicht vor allem im öffentlichen Verkehr und die Selbstisolation nach einer Ansteckung. Danach wurde die «besondere Lage» beendet. Die Schweiz kehrte gesellschaftlich und politisch zur Normalität zurück.

Der Entscheid des Bundesrats, den Ausstieg in der kalten Jahreszeit einzuleiten, war ein Wagnis. Wenige Wochen zuvor hatte es auf vielen Intensivstationen einmal mehr kritisch ausgesehen. Die im November im südlichen Afrika aufgetauchte und hoch ansteckende Omikron-Variante des Coronavirus hatte die Hospitalisierungen ansteigen lassen.

Warner geben Entwarnung

Mit Omikron aber hat das Virus auch seinen grössten Schrecken verloren, obwohl es wiederholt zu Infektionswellen kam und viele sich angesteckt haben. Langzeitfolgen sind nicht auszuschliessen, aber bislang scheinen jene Experten recht zu behalten, die davon ausgehen, dass das Virus mit jeder Mutation an «Durchschlagskraft» einbüsst.

Selbst Wissenschaftler, die stets zu Wachsamkeit anhielten, geben vorsichtig Entwarnung. Dazu gehören der Berliner Star-Virologe Christian Drosten oder seine Genfer Kollegin Isabella Eckerle. «Übergang von Pandemie zu Endemie ist in meinen Augen grösstenteils vollzogen», schrieb sie Anfang Februar in einem längeren Twitter-Thread.

Impfschäden oder Impfsegen?

Es sagt einiges aus über die aktuelle Situation, dass vorwiegend über Schädigungen durch die mRNA-Impfstoffe gesprochen wird. Sie sind ein Problem. Die Heilmittelbehörde Swissmedic hat in der Schweiz bis jetzt rund 6000 schwerwiegende Nebenwirkungen gezählt. Dem stehen jedoch rund 17 Millionen verabreichte Impfdosen gegenüber.

FILE - A nurse prepares a syringe of a COVID-19 vaccine at an inoculation station in Jackson, Miss., Tuesday, July 19, 2022. On Thursday, Oct. 20, 2022, a panel of U.S. vaccine experts said COVID-19 s ...
Dank der Impfstoffe sind wir aus dem Gröbsten raus.Bild: keystone

Mit anderen Worten: Der Nutzen der Corona-Impfung übersteigt die Risiken bei Weitem. Sie hat Millionen Menschen vor Tod oder schwerer Erkrankung bewahrt. Ich selbst habe keine meiner vier Impfungen bereut. Die in Rekordzeit entwickelten Vakzine sind ein Triumph der Wissenschaft. Wo wir ohne sie wären, wollen wir vermutlich gar nicht wissen.

Immunschutz ist der Schlüssel

Einen Hinweis erhält man, wenn man nach China schaut, das mutmassliche Ursprungsland von Sars-Cov-2. Dort versteifte sich der Staat lange auf seine Zero-Covid-Politik und vernachlässigte dabei den Impfschutz. Seit der abrupten Aufhebung aller Massnahmen Anfang Dezember dürften deswegen trotz Omikron Hunderttausende gestorben sein.

Ein starker Immunschutz, ob durch Impfung, Infektion oder, wie Experten meinen, am besten eine Kombination von beidem, ist der Schlüssel dafür, dass wir aus dem Gröbsten raus sind. Selbst die Gegner von Impfungen und Corona-Massnahmen, die zweimal ein Referendum gegen das Covid-19-Gesetz gestemmt – und verloren – haben, wollen nach vorn schauen.

Referendum auf der Kippe

Zwar kam die Liste der Corona-Skeptiker bei den Wahlen in Zürich immerhin auf mehr als zwei Prozent der Stimmen. Aber das dritte Referendum gegen das Covid-Gesetz harzt. Sechs Wochen vor dem Ende der Sammelfrist ist gemäss der Website der «Freunde der Verfassung» nicht einmal die Hälfte der angestrebten 60’000 Unterschriften beisammen.

Gesundheitsminister Alain Berset lobte vor einem Jahr die «grosse, ruhige Mehrheit». Ihr ist es zu verdanken, dass die Schweiz mit einer Mischung aus Glück und Verstand nicht immer, aber immer wieder eine Eskalation verhindern konnte. Viele würden die Pandemie nun wohl am liebsten vergessen, doch das ist aus mehreren Gründen keine optimale Idee.

Long Covid und Übersterblichkeit

Denn noch sind nicht alle Folgen bewältigt. Dazu gehört Long Covid, die schweren Nachwirkungen einer Erkrankung, über die man noch vieles nicht weiss. Dazu gehört die Übersterblichkeit im massnahmenfreien Jahr 2022. Covid-19 wird dabei eine Rolle gespielt haben, weil vor allem ältere Menschen durch eine Infektion geschwächt wurden.

Allerdings hat das Ende der Schutzmassnahmen auch zu einem «Comeback» anderer Viren wie Influenza und RSV geführt. Die Lage in den Spitälern war und ist teilweise angespannt, verschärft durch eine regelrechte «Fluchtbewegung» des Pflegepersonals. Es wäre interessant zu wissen, welche Rolle der Stress während der Pandemie dabei spielt.

Nicht nur Corona-Leaks untersuchen

«Wir haben viel gelernt, aber wir wissen längst noch nicht alles», sagte Bundespräsident Ignazio Cassis, als die schrittweise Rückkehr zur Normalität vor einem Jahr angekündigt wurde. Dieser Befund gilt noch heute. Es wäre wünschenswert, wenn die Politik die Bewältigung der Pandemie und nicht zuletzt die Versäumnisse im Vorfeld abklären würde.

Das Parlament sollte sich nicht nur um die Untersuchung der Corona-Leaks aus dem Departement Berset kümmern. Eine umfassende Aufarbeitung des Vorgehens von Bund und Kantonen drängt sich auf, nicht zuletzt, um das nächste Mal besser gerüstet zu sein, wenn neue gefährliche Erreger auftauchen. Denn das werden sie bestimmt.

«Die wichtigsten Entscheidungen im Kampf gegen die nächste Pandemie werden jetzt getroffen (oder eben nicht)», schrieb Virologin Isabella Eckerle auf Twitter. Es fragt sich, ob der Wille vorhanden ist. Oder ob auch die Politik die Pandemie einfach vergessen will.

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196 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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ChillDaHood
16.02.2023 15:14registriert Februar 2019
Ich bin ein Impfbefürworter. Ich habe zwei Impfungen, einen Booster und 3 mal Corona (mit-)gemacht. Dennoch bin ich der Meinung, dass 1. die Massnahmen jetzt genau analysiert werden müssen, um Abläufe und Wirksamkeit für die Zukunft zu optimieren. Sowie 2. die Impfschäden genau analysiert werden und Betroffenen wahrhafte Unterstützung zukommen müssen. Denn diese sind die (statistisch sehr geringen, aber vorhandenen) Opfer der Impfungen, die viele andere verschont haben.
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Ali mini äntli
16.02.2023 15:08registriert September 2021
Meine "Impfskeptiker"-Kollegin sagte letzten Herbst voraus, dass es diesen Winter wieder Massnahmen geben wird, da die da oben uns unterdrücken wollen. Ich bin gar nicht auf die Disskusion eingestiegen, sondern mit Ihr eine Wette abgeschlossen: Wenn es tatsächlich Massnahmen ausserhalb von Gesundheitseinrichtungen geben sollte, muss ich eine Flasche Champagner kaufen. Ohne Massnahmen muss sie, und wie es so aussieht habe ich die Wette gewonnen.
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Es war einmal Franziska
16.02.2023 15:07registriert November 2021
Es macht mich immer noch traurig, dass ich Menschen aus meinem Umfeld verloren habe. Nicht, weil sie gestorben sind, sondern psychisch an der Pandemiesituation gelitten haben, immer noch in absurden Informationsblasen leben und kein normales Leben mehr führen können. Diese Wunde wird Gesellschaftlich noch länger Auswirkungen haben und sollte uns auzeigen, dass nicht nur körperliche Schäden zu beachten sind. Peace....
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Den Bienen fehlt es nicht nur an Nahrung, sondern auch an Wohnraum

Wir alle kennen sie, die Bilder der kilometerlangen Warteschlangen bei Wohnungsbesichtigungen. In vielen Städten sind sie keine Seltenheit mehr. Jetzt stell dir vor, du müsstest dich auch noch beinahe ausgehungert in eine solche Schlange stellen.

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