Yannik Zamboni: «Retourenquoten von 35 bis 50 Prozent finde ich völlig verrückt»
Yannik Zamboni ist einer der bekanntesten Modedesigner der Schweiz. 2022 gewann er die dritte Staffel der US-Reality-TV-Show «Making The Cut» von Heidi Klum.
Das Preisgeld von einer Million US-Dollar investierte der 39-Jährige in sein Label Maison Blanche. Den veganen und plastikfreien Brand gründete der gebürtige Basler bereits 2020. Nun sitzt er in der Jury für den Fair Fashion Award. Welche Herausforderungen ihm die Produktion in der Schweiz stellt und was er anderen Fair-Fashion-Labels rät, erzählt Zamboni im Interview.
Je drei Finalisten in den Kategorien «Etabliert» und «Aufstrebend» stehen fest. Die Preisverleihung findet am 21. Oktober 2026 statt.
Was war deine erste Reaktion, als du gefragt wurdest, in der Jury des Fair Fashion Awards mitzuwirken?
Yannik Zamboni: Ich habe mich mega gefreut. Wir waren letztes Jahr mit Circular Clothing bereits im Finale, haben damals aber nicht gewonnen. Deshalb ist es jetzt schon eine kleine Ehre und eine schöne Anerkennung für unsere Arbeit.
Worauf hast du bei den eingereichten Projekten besonders geachtet?
Dieses Jahr steht die faire Bezahlung im Fokus. Swiss Fair Trade hat dafür Kriterien definiert, auf die man achten soll. Mir ist aufgefallen, dass vieles sehr stark über die Lieferkette abgefragt wird. Das ist natürlich ein wichtiger Teil. Für mich gehört aber auch dazu, was im eigenen Unternehmen passiert. Ich wollte beispielsweise wissen, wie die Überstundenregelung aussieht und ob Praktikantinnen und Praktikanten im Unternehmen bezahlt werden.
Arbeiten bei Maison Blanche denn keine Praktikanten?
Doch, aber wir gehören zu den wenigen Unternehmen in der Modebranche, die diese auch bezahlen. In vielen anderen Branchen ist das längst selbstverständlich – und ich finde, das sollte es auch sein. Die Menschen, die zu uns kommen, sind erwachsen und kommen oft direkt aus dem Studium oder haben bereits eine abgeschlossene Ausbildung. Auch wenn sie am Anfang vielleicht weniger leisten können als erfahrene Mitarbeitende, haben sie für ihre Arbeit einen Lohn verdient. Das Argument, dass sie schliesslich etwas dabei lernen, greift für mich zu kurz.
Was rätst du angehenden Unternehmen?
Einen Verhaltenskodex, den alle Unternehmen, mit denen man zusammenarbeitet, unterzeichnen müssen. Darin sind die Mindestanforderungen festgehalten: keine Kinderarbeit, faire Löhne, geregelte Arbeitszeiten und Überstunden sowie die Verpflichtung, den CO₂-Ausstoss möglichst zu reduzieren. Wir hatten zuerst auch lange keinen.
Wichtig ist zudem eine regelmässige Kontrolle der Produktion und der dortigen Bedingungen. Dabei ist nicht entscheidend, ob in Europa oder Asien produziert wird. Auch in Europa gibt es schlechte Produktionsbetriebe und in Asien sehr gute. Wir produzieren beispielsweise in Portugal und sind etwa sechsmal im Jahr vor Ort. So bekommen wir einen viel besseren Eindruck davon, wie die Menschen arbeiten und wie der Umgang miteinander ist.
Was ist der Nachteil, wenn die Produktion in Asien liegt?
Bei Asien sind die Wege sehr weit und über den digitalen Weg bekommt man zu Wenig mit. Eine grosse Herausforderung sind auch Subunternehmen, an die einzelne Produktionsschritte ausgelagert werden, es am Schluss trotzdem aber «Made in ...» heisst. Das passiert oftmals bei grossen Firmen. Deshalb müssen auch diese offengelegt und kontrolliert werden.
Wo siehst du die grössten Hürden für Schweizer Labels, die fair und nachhaltig produzieren wollen?
Die grössten Hürden sind für uns zum einen, dass wir in der Schweiz nicht gerade in einer Modestadt sitzen, und zum anderen die hohen Kosten. Wir zahlen Schweizer Löhne, während unsere Konkurrenten mit deutlich tieferen Personalkosten arbeiten können. Deshalb müssen wir sehr gezielt auslagern, was sinnvoll ist. Wenn man alles in der Schweiz macht, hat man ein so teures Produkt, dass sich dieses niemand mehr leisten kann.
Design, Marketing und das operative Geschäft machen wir in der Schweiz. Die Buchhaltung haben wir ausgelagert, die Produktion findet im Ausland statt – nicht nur aus Kostengründen, sondern auch, weil in der Schweiz viel Know-how in der Textilproduktion verloren gegangen ist. Die Schweizer Textilindustrie war früher sehr stark, ist aber in den vergangenen Jahren stark geschrumpft. Wenn ein Produkt im Ausland günstiger und gleichzeitig qualitativ besser produziert werden kann, macht es für uns wirtschaftlich keinen Sinn, es in der Schweiz herzustellen.
Was müsste sich politisch verändern, damit nachhaltige Mode gegenüber Billigmode wettbewerbsfähig wird? Würde ein Gesetz gegen Ultra-Fast-Fashion wie in Frankreich Sinn ergeben?
Absolut. Ein grosses Problem ist, dass es sehr schwierig ist, gegen Onlinehändler vorzugehen, die keinen Sitz in der Schweiz haben. Solche Anbieter zu kontrollieren oder hier Bussen durchzusetzen, ist entsprechend kompliziert. Gleichzeitig braucht es mehr Investitionen in neue Technologien und Recyclinganlagen. Zirkulär zu arbeiten ist schön und gut – wenn aber der letzte Schritt, also das Recycling oder Kompostieren, nicht funktioniert, braucht es auch entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen.
Ein weiteres Problem ist die fehlende Menge: Damit sich Recyclinganlagen wirtschaftlich betreiben lassen, braucht es genügend Material. Diese Mengen haben wir in der Schweiz oft nicht. Deshalb könnte eine Zusammenarbeit über die DACH-Region sinnvoll sein. Auch die bestehenden Sammelstellen sind teilweise überlastet und haben kaum noch Kapazitäten.
Viele Menschen misstrauen Fair Fashion. Stichwort: Greenwashing. Wie stellt man als Konsument sicher, dass man tatsächlich Fair Fashion konsumiert?
Man sollte sich informieren. Bei den verschiedenen Zertifikaten gibt es mittlerweile einen riesigen Dschungel, und auch ein Zertifikat sagt immer nur einen bestimmten Teil über ein Produkt aus. Wenn man nicht weiss, was dahintersteckt, kann man die Nachhaltigkeit eines Produkts nur schwer beurteilen.
Die Konsumentinnen und Konsumenten müssten sich deshalb etwas mehr dafür interessieren und bereit sein, genauer hinzuschauen. Das ist natürlich ein Mehraufwand. Einfacher ist es, ein Produkt zu kaufen, das einem gefällt. Aber bereits auf dem Etikett findet man wichtige Hinweise: Aus welchem Material besteht das Produkt? Wo wurde es hergestellt? Das sind erste Indizien, die dabei helfen können, eine bewusste Kaufentscheidung zu treffen.
Wie wichtig ist Fair Fashion den Konsumentinnen und Konsumenten wirklich?
Das ist schwer zu sagen. Wir haben durch eine Umfrage aber herausgefunden, dass auch bei unserer Kundschaft nur ein gewisser Teil darauf achtet, ob es sich um Fair Fashion handelt. Auch bei uns muss in erster Linie das Design überzeugen. Faire Produktion und Nachhaltigkeit sind ein Plus, aber allein deshalb kaufen die Menschen ein Produkt noch nicht.
Fair Fashion hat ja oftmals das Image von langweiliger Öko-Mode.
Genau. Das ist auch etwas, was mir immer wichtig war. Meine Mode sollte immer wie normale Mode im Laden aussehen. Wenn etwas zu sehr nach «Öko» aussieht, schreckt das Menschen ab. Sie wollen nicht in einem Lumpen herumlaufen und trotzdem modisch aussehen. Für mich müssen Design und Nachhaltigkeit deshalb zusammengehen.
Das grösste Problem ist die Fast Fashion. Die Menschen haben teilweise das Gefühl dafür verloren, was ein Kleidungsstück tatsächlich kostet, und damit auch die Wertschätzung dafür. Das zeigt sich beispielsweise bei den Retouren: Ein T-Shirt wird in drei Grössen bestellt und zwei werden zurückgeschickt. Das verursacht unnötige Emissionen und für die Marken einen enormen Aufwand. Die Ware muss kontrolliert und wieder eingelagert werden. Bei meiner Arbeit mit Amazon wurde mir gesagt, dass Retourenquoten von 35 bis 50 Prozent als normal gelten. Das finde ich völlig verrückt. Man sollte sich vor dem Kauf möglichst sicher sein. Online gibt es Grössentabellen, und auch wir versuchen, Retouren zu reduzieren. Denn wenn ein Kleidungsstück nach dem Tragen nach Schweiss riecht oder Make-up-Flecken hat, kann es nicht mehr verkauft werden. Für kleine Unternehmen bedeutet das einen direkten finanziellen Verlust.
Durch «Making the Cut» hast du auch in der Schweiz eine grosse Bekanntheit erlangt. Denkst du, ohne dies könntest du mit Fair Fashion auch so erfolgreich sein?
Ohne das öffentliche Interesse wäre es extrem schwierig geworden. Es war und ist trotzdem nicht einfach, aber ohne diese Aufmerksamkeit hätte ich heute nicht sieben Mitarbeitende. Durch die öffentliche Aufmerksamkeit sind auch andere Unternehmen auf uns aufmerksam geworden und wollten mit uns zusammenarbeiten. Diese Kooperationen sind bis heute ein wichtiger Teil unserer Einnahmen.
Was kommt als nächstes?
Das Wichtigste ist: Im April 2027 machen wir unsere erste eigene Show in Zürich. Mir ist es wichtig, auch in meiner Heimat zu zeigen, was wir können, und dass dieser nächste Schritt hier seinen Start hat. Ich finde, es ist wichtig, in der Schweiz mehr auf die Beine zu stellen, damit auch das Ausland sieht, dass die Schweiz modetechnisch etwas zu bieten hat. Viele tolle Schweizer Labels sitzen heute nicht mehr in der Schweiz. Das kann ich verstehen, weil der Fokus auf die Modeszene hier fehlt. Gleichzeitig wird sich daran aber nie etwas ändern, wenn alle ins Ausland gehen. Auch eine starke Fashion Week könnte dazu beitragen, dass die internationale Aufmerksamkeit auf die Schweiz steigt. Dafür müsste man allerdings einmal etwas wirklich Anständiges und Professionelles auf die Beine stellen.
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