Von grauen Haaren bis Oscars – Star-Coiffeur gibt seine besten Frisuren-Tipps
Irgendwann in den Nullerjahren sass Felix Fischer im Fond eines SUVs und fetzte durch die Strassen von New York. Begleitet von einer Polizeieskorte, mit heulenden Sirenen. «Da war ich, mit dem Hairstylist-Köfferli auf dem Schoss, und fragte mich: Wie bin ich bloss hier gelandet? Ich, der Felix aus Möriken. Verrückt!» Weiter vorn im Auto: Jennifer Lopez, auf dem Weg zu einem Konzert. Später zwinkerte «J. Lo» Felix während des Auftritts zu. Vor 50'000 Leuten.
Felix Fischer erzählt gerne solche Geschichten. Aber nur, wenn man ihn danach fragt. Und das tun die Leute oft. «Das nervt mich nicht. Aber ich prahle nie.» Also, wie ist sie denn nun, die Jennifer? «Schon eine Diva. Anspruchsvoll, aber nett», sagt Fischer, als ob er über eine Nachbarin plaudern würde. Mehr als ein Jahr lang hat er sich um die Frisur der Sängerin und Schauspielerin gekümmert. Reiste ihr hinterher, nicht nur an Konzerte, auch zu Premieren, in die Ferien, zu Shootings. «Manchmal wollte sie fünfmal an einem Tag umfrisiert werden.»
Neben «J. Lo» gehörten Hillary Clinton, Madonna, Elizabeth Hurley oder Mariah Carey zu seiner Klientel. Bette Midler soll einst gesagt haben: «You are the best hairdresser in the world!» Fischer setzte die A-Prominenz aus Film, Musik und Mode in Szene, oftmals für die Titelseiten renommierter Magazine wie «Vogue» oder «Harper's Bazaar». Und kam ihr dabei ziemlich nahe.
Zu den nettesten Stars zählt Fischer Topmodel Gigi Hadid. Sie frisierte er, als sie mit 19 Jahren kurz davorstand, ein Superstar zu werden. «Eine intelligente Frau mit vortrefflichen Manieren. Man merkt, dass sie aus gutem Hause kommt.» Die schönsten Haare wiederum habe Heidi Klum: «Die sind dick und wellig. Da kann man nichts falsch machen.» Das Model sei immer herzlich gewesen. «Aber egal, wie gut du mit den Promis auskommst bei der Arbeit: Du wirst nie ihr Freund. Du bist ein Dienstleister, schaust, dass es ihnen gut geht. Das war's.» Es gibt Ausnahmen: Mit Opernstar Anna Netrebko ist Fischer bis heute freundschaftlich verbunden.
Felix Fischer aus Möriken im Kanton Aargau wurde in der Welt des Hairstylings selbst zum Star. Der Name des Schweizers stand für Glamour und Handwerk. «Das war eine wahnsinnig tolle Zeit.» Und dennoch sei sie für ihn abgeschlossen. «Es ist wichtig, in der Gegenwart zu leben. Sonst verliert man den Fokus für die Zukunft.»
In der Schweiz fehlt die Inspiration
Die Gegenwart ist eine 5-Zimmer-Wohnung in Zürich Enge, unweit des Sees und in der Nähe der Oper, wo Fischer seiner Leidenschaft für klassische Musik frönt. An den Wänden hängt Kunst, Designerlampen zeichnen das Licht weich. Der 61-Jährige sitzt auf dem Samtsofa, schlägt die Beine übereinander. Sein Outfit in blassem Pink harmoniert perfekt mit der petrolfarbenen Wand. Fischer ist Ästhet durch und durch: «Wenn in einem Restaurant Beleuchtung und Einrichtung nicht stimmen, kann ich dort nicht essen.»
Die Wohnung ist nicht nur sein Zuhause, sondern gleichzeitig sein Salon. «Bespoke Felix Fischer» steht für massgeschneidertes Haar. Hierher kommen Menschen, denen es wert ist, sich vom Starcoiffeur die Haare färben, schneiden oder einfach frisieren zu lassen. Fast wie ein echter Promi.
Vor sechs Jahren ist Fischer in die Heimat zurückgekehrt, nachdem er 25 Jahre in New York gelebt hatte. Er tat das aus purer Not: Wegen Corona blieben die Aufträge von heute auf morgen aus, «das Geld zerrann mir unter den Fingern». Ohne die Pandemie wäre er vielleicht heute noch in New York, sinniert er, winkt aber gleich ab. «Was wäre wenn – das ist nicht meine Art. Ich vermisse die Stadt nicht.»
Eine gewisse Wehmut hängt dennoch in der Luft. Auch ein Hauch Orientierungslosigkeit: Was nun? Nach Jahren der Hektik und des Glamours stelle sein jetziges ruhiges Leben einen starken Kontrast dar, sagt Fischer. Gewiss, er habe sich hier gut eingelebt, geniesse den Kontakt mit den Kunden. Vor Kurzem hat er gar eine eigene Parfümlinie lanciert.
Dennoch fehle es ihm an Inspiration in der Schweiz, er trete auf der Stelle: «Eine Werbekampagne mit einem Möbelhersteller verlief im Sand. Meine Idee, die Sofas mit kunstvoll frisierten Balletttänzern zu inszenieren, war denen zu gewagt.» Er wünsche sich mehr solche Aufträge als Kreativdirektor in der Werbebranche, «die dann auch klappen».
Engagements in den USA bleiben derweil aus. Es sei verrückt: Sobald man nicht mehr vor Ort vertreten sei, sei man weg vom Fenster: «In Amerika müsste ich nochmals von vorne anfangen. Aber die Stars bezahlen fürs Hairstyling ohnehin praktisch nichts mehr. Sie sagen, wenn sie mich auf Instagram mit ihrer Frisur taggen, sei das gute Werbung für mich.»
Nach Amerika will er nicht zurück. «Ich weiss auch nicht, ob ich in der Schweiz bleiben möchte. Ich bin ein Getriebener.» So begründet er auch seinen Erfolg: «Ich hatte einen unglaublichen Drive, wollte immer beweisen, dass ich besser bin als die anderen.» Er sei als das mittlere Kind von drei Geschwistern aufgewachsen, «da bist du nie genug. Ich dachte: Wenn ich das erste Vogue-Cover in der Tasche habe, bekomme ich die Anerkennung.»
In der Branche stellte sich diese Anerkennung ein, bei seiner Familie im fernen aargauischen Möriken, wo er aufgewachsen ist, aber kaum. «Sie verstanden nicht, was ich mache. Sagten: ‹Du hast ja nicht mal einen eigenen Salon. Diese Prominenten fliegen dich ein, damit du ihnen die Haare strählst?›» Nur seine Gotte begeisterte sich für seine Tätigkeit. Mit ihr telefoniert Fischer noch heute zwei Mal täglich.
Tipps und Tricks von Felix Fischer
- Vorsicht beim Preis: «Gerade günstige Shampoos enthalten oftmals Silikone. Diese können die Haare mit der Zeit beschweren, und die Strähnen kleben zusammen, besonders bei dünnen Haaren.» Fischer arbeitet vorwiegend mit der Linie Dualsenses von Goldwell.
- Mixen: «Viele Labels wollen uns weismachen, man sollte die ganze Linie kaufen, um den besten Effekt zu erzielen. Das halte ich für falsch, man kann gut verschiedene Marken mixen.»
- Wenig Experimente: «Wenn man eine Frisur gefunden hat, mit der man sich wohlfühlt, sollte man aufhören mit Experimenten. Ich trage seit Jahren dieselbe Frisur.» Entsprechend hält Fischer nicht viel von Trends: «Die werden von der Industrie ständig aus irgendeinem Loch gezogen, damit sich gewisse Produkte gut verkaufen. Im Moment sind lange Bobs angesagt, aber die stehen nicht jeder.»
- Graue Haare: Schmeicheln nicht jeder Frau. «Sie können Typen mit hellen Teints alt wirken lassen. Ich empfehle, die weissen natürlichen Strähnen mit gefärbten grauen zu ergänzen, das gibt eine Tiefe, das Haar lebt mehr.»
- Die Frisur, die hält: «Was ich an Anlässen wie den Oscars gelernt habe: Voluminöses Haar funktioniert nicht. Das fällt schnell in sich zusammen. Glatt frisiertes Haar, oftmals zurückgekämmt oder zusammengebunden, hält stundenlang.»
Eigentlich wollte Felix Fischer Balletttänzer werden, aber als klar wurde, dass seine Knie da nicht mitmachen würden, begann er mit 19 eine Coiffeurlehre in Möriken. «Im zweiten Jahr habe ich allen Mädchen die schrägsten Frisuren geschnitten. Sie liebten es. Ich glaube, das Gespür, welche Frisur und welche Farbe zu einem Gesicht passt, kann man nicht antrainieren. Ich hatte das einfach.» Schnell erhielt Fischer Aufträge, Models für das Cover der Annabelle zu frisieren, es folgten Jobs in Berlin, Paris, für Shootings und Modeschauen. Dann klopfte New York an. «Das war Ende der 1990er-Jahre, ich war knapp 30 und hatte keine Ahnung von dem Business. Aber ich wusste einfach, dass ich es kann. Ich war mutig.»
In der Schweiz treffe er nur selten mutige Menschen an. «Hier fehlt es an Leidenschaft für Mode und echtem Stil. Gerade die junge Generation ist seltsam uninspiriert und angepasst. Fokussiert sich zu sehr auf Trends. Mal dies oder das soll es sein, mal Punk, mal 90s, aber es geht nie um die eigene Identität.»
Er habe das Gefühl, dass er in diese Welt nicht reinpasse. «Ich bin hier immer der schräge Vogel.» Und so relativiert er: Seine jetzige Unzufriedenheit habe nichts mit der Schweiz zu tun. Ihm selbst fehle es an einer Grundzufriedenheit, er müsse sich auf sein neues Leben einrichten. «Mein Kopf muss sich erst daran gewöhnen, dass nicht jeden Tag etwas Neues kommt.»
Felix Fischer späht aus dem Fenster in Richtung See. Schweigt eine Weile. Dann sagt er: «Weisst du, ich bin von Natur aus ziemlich ichbezogen. Und doch habe ich mein halbes Leben lang stets darauf geschaut, dass es anderen gut geht, nicht mir. Vielleicht ist es an der Zeit, das zu ändern.» (schweizheute.ch)

