Diese Schweizer Bahn vereint Europarekord mit weltweitem Unikat
Schon vor rund 400 Jahren war der Rigi Kulm bekannt und wurde bald zum Ausflugsziel. 1816 wurde auf dem Berg das erste Gipfelhotel der Schweiz eröffnet. Noch heute bekannt sind die Rigiträger, welche früher nicht nur die Koffer, sondern teilweise auch die wohlhabenden Gäste selbst auf den Berg trugen. Obwohl der Tourismus blühte und stetig zunahm, endete dies 1871 abrupt.
Denn am 21. Mai 1871 wurde die erste Zahnradbahn Europas auf die Rigi eröffnet. Bis dahin war es ein langer Weg. Der Schienenverkehr breitete sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schnell aus. Doch 1858 war es beispielsweise noch die Hauensteinstrecke mit 2,6 Prozent Steigung, welche als eine der steilsten «Bergbahnen» galt.
Doch wie soll man auf Schienen Berge erklimmen? Eine kühne Idee hatte in jenem Jahr der Winterthurer Architekt Friedrich Albrecht: Er schlug vor, die Touristinnen und Touristen mit einem wasserstoffgefüllten Ballon auf die Rigi zu befördern, der über eine Schienenkonstruktion am Boden gelenkt werden sollte.
Falls du auch solche Rekorde kennst, schreib mir unter: reto.fehr@watson.ch
Zum Durchbruch verhalf die «Leiterzahnstange». Die Grundidee bestand darin, zwischen den Schienen eine Zahnstange zu montieren, in die die Triebzahnräder der Lokomotive eingreifen und den Zug bergauf bewegen. 1871 wurde mit der Vitznau-Rigi-Bahn die erste Zahnradbahn Europas eröffnet – mit Steigungen von bis zu 25 Prozent. So etwas gab es auf unserem Kontinent zuvor nicht.
Ob Niklaus Riggenbach, der die Rigibahn plante, auch als eigentlicher Erfinder der Zahnradbahn bezeichnet werden kann, ist umstritten. Ähnliche Konzepte gab es schon bei englischen Werkbahnen, und am 3. Juli 1869 eröffnete nördlich von Boston (USA) mit der Mount Washington Cog Railway die weltweit erste Bergzahnradbahn.
Ob die weiteren Fahrten der Lok 7 (4. bis 9. August) durchgeführt werden können, ist noch offen. Und sonst: Nächstes Jahr hast du wieder die Chance auf eine Mitfahrt.
Ein Problem der Bergbahn mit Steigungen von bis zu 25 Prozent war in den Anfangsjahren der Dampfkessel. Damit die feuerberührten Heizrohre auch bei starker Steigung stets mit Wasser bedeckt waren, wurde ein stehender Dampfkessel konstruiert, was das Risiko eines Kesselzerknalls minimierte. Aufgrund des speziellen Aussehens wurden die zehn produzierten Loks auch als «fahrende Schnappsbrennerei» bezeichnet.
Der stehende Kessel hatte aber auch Nachteile, weshalb zwischen 1882 und 1892 praktisch alle Dampfloks auf liegende Kessel umgebaut wurden. Als die Strecke 1937 – als weltweit erste, noch ein Rekord – vollständig elektrifiziert wurde, wurden die Dampfloks praktisch überflüssig und die meisten wurden verschrottet.
Eine der wenigen, die diesem Schicksal entgingen, war die Lok 7. 1873 in Betrieb genommen, gehörte sie zur ersten Generation der Rigi-Loks. Auch sie wurde zwischenzeitlich zu einem liegenden Dampfkessel umgebaut. Für die Landesausstellung 1939 wurde die Lok 7 allerdings wieder in ihre ursprüngliche Form gebracht. 1959 fand sie dann einen Platz im neuen Verkehrshaus der Schweiz in Luzern.
Doch die Reise war damit nicht zu Ende. Für das 125-Jahr-Jubiläum der Rigibahn wurde sie wieder betriebsfähig gemacht und dampfte auf der Originalstrecke den Berg hoch. 2021 zum 150-Jahr-Jubiläum wurde dies wiederholt. Seither fährt die Lok 7 an rund 10 bis 15 Tagen – meist um den 1. August herum – jährlich den legendären Berg hoch. Sie ist damit weltweit die einzige Dampflok mit stehendem Dampfkessel, die noch in Betrieb ist.
Heute tut sie dies von Goldau aus (die Strecke wurde 1875 eröffnet). Wir fahren mit und staunen schon vor der Abfahrt, wie die alte Lok dampft und der historische Wagen angehängt wird. Es lohnt sich also durchaus, einige Minuten vor dem Start auf dem Gleis zu sein.
Die Fahrt ist danach sehr gemütlich. Während die modernen Züge den Berg in 40 Minuten erklimmen, dauert die Fahrt mit der Lok 7 rund 90 Minuten. Wer will, kann gar im «Körbli» auf der Lok direkt neben dem stehenden Dampfkessel hochfahren – Achtung, das kann richtig laut werden. Beeindruckend sind die Tunneldurchfahrten, wo sich der Rauch dann kurz sammelt – ein spezielles Erlebnis.
Oben auf der Rigi unbedingt noch die letzten Meter bis zum Gipfel hochsteigen und die Aussicht geniessen. Du kannst dann natürlich wieder mit einem der Züge runter ins Tal. Ich empfehle eine einfache Wanderung mindestens bis Rigi Staffel.
Sehr schön ist danach auch der Weiterweg (erst) den Gleisen entlang und später vorbei an einer der wohl aussichtsreichsten Grillstellen der Schweiz bis zum Aussichtspunkt Känzeli und dann nach Rigi Kaltbad (Wandervorschlag unten).
Übrigens: Seit April 2026 ist die Lok 7 das ganze Jahr über auf der Rigi zu bestaunen. Auf dem Gipfel wurde eine neue, kostenlose Ausstellung eröffnet, mit allen Informationen zur Geschichte der alten Dame. Dort wartet sie jetzt jeweils auf ihre Ausfahrten, die sie schon vor 150 Jahren erstmals machte.
