Marlen Reusser zu WM-Gold: Ein Kampf gegen die innere Stimme
Andere feiern mit Familie und Freunden, gehen essen und stossen auf das neue Lebensjahr an. Marlen Reusser setzt sich am Sonntag an ihrem 35. Geburtstag in Montreal aufs Velo und nimmt einen einsamen Kampf auf.
Zeitfahren ist die Kunst, möglichst lange auf der unsichtbaren Grenze zwischen Höchstleistung und Kollaps zu balancieren. «Du kämpfst nicht nur gegen die Uhr, sondern auch dauernd gegen die Stimme im Kopf, die dir schon längst sagt, dass du aufhören sollst», sagt Marlen Reusser.
Einmal gab die Bernerin diesem fortwährenden Impuls nach. Bei den Weltmeisterschaften 2023 in Stirling stieg sie nach nicht einmal der Hälfte der Strecke vom Rad. Sie wollte sich einfach nicht weiter quälen.
Aerodynamik-Tests im Windkanal
Während der Einsamkeit beim Zeitfahren kann man sich viele Fragen stellen, zum Beispiel: Will ich die Schmerzen, die ich mir selber zufüge, ignorieren, oder kann ich an ihnen wachsen? Reusser ist definitiv an ihnen gewachsen. Seit ihrer Aufgabe 2023 ist sie Weltmeisterin und zweimal Europameisterin geworden. Sie gewann bei Tour de France, Tour de Suisse und in der Nacht auf Donnerstag ein Zeitfahren im kanadischen Gatineau.
Trotzdem glaubt Reusser, dass sie ihr Potenzial noch nicht ausgeschöpft hat. Nur eine Woche nach dem Ende der Tour de France arbeitete sie im Windkanal bereits an der nächsten Verbesserung. Die Neugier auf das, was noch möglich ist, überwiegt die Angst vor dem Leiden.
Ein Kurs, der wie gemacht ist für sie
Früher sei es eine Hassliebe gewesen, sagt sie. «Move your body and your mind will follow», sagt Reusser heute. Erst kommt die Bewegung, dann folgt der Kopf. Die Suche nach der perfekten Balance zwischen Leistung, Material und Körper fasziniert sie mehr als die Angst vor dem Schmerz.
Am Sonntag verdichtet sich all das in einem knapp 40 Kilometer langen Zeitfahren: die Erkenntnisse aus dem Windkanal, die Trainingsarbeit, ihre Leidenschaft und Hingabe. Der Kurs durch Montreal ist wie gemacht für Reusser. Auf schnelle Passagen folgen lange Geraden entlang des Sankt-Lorenz-Stroms, bevor es auf die künstliche Flussinsel Ile Notre-Dame und die Formel-1-Rennstrecke Gilles Villeneuve geht. Start und Ziel liegen im Stadtpark Jeanne-Mance. Los geht es um 15.00 Uhr Schweizer Zeit.
Reusser ist klare Favoritin
Wer Gold gewinnen will, muss über weite Strecken die perfekte Balance zwischen Kraft und Präzision finden. Erst ganz zum Schluss ist eine kurze Steigung zu bewältigen, die über Sieg und Niederlage entscheiden kann.
Reusser ist die Favoritin. Herausfordern wollen sie die Tour-de-France-Siegerin Demi Vollering aus den Niederlanden, die Britin Zoe Bäckstedt, Olympia-Siegerin Kirsten Faulkner (USA) und Antonia Niedermaier (DEU). Mit Jasmin Liechti steht eine weitere Schweizerin am Start. 2014 hat die Bernerin in Zürich im Zeitfahren in der U23-Kategorie Silber geholt.
Küng rechnet sich Chancen aus
Die Männer fahren im Anschluss an die Frauen ab 18.45 Uhr auf derselben Strecke. Nachdem er jüngst das Zeitfahren bei der Spanien-Rundfahrt gewonnen hat, rechnet sich Stefan Küng Chancen aus. Silber (2022) und Bronze (2020) hat der Thurgauer schon, jetzt soll der Traum von Gold in Erfüllung gehen. Nicht zu den Favoriten zählt hingegen Stefan Bissegger.
Erster Anwärter auf Gold ist Doppel-Olympiasieger Remco Evenepoel. Der 26-jährige Belgier hat bei den vergangenen drei Weltmeisterschaften jeweils Gold gewonnen. Viermal Weltmeister wurden bisher nur der deutsche Tony Martin und Fabian Cancellara, aber nicht in Folge.
Als stärkster Herausforderer Evenepoels gilt einmal mehr der Italiener Filippo Ganna. Der 30-Jährige ist zweifacher Weltmeister im Zeitfahren (2020 und 2021). Dazu kommen zweimal Silber und einmal Bronze.
Leiden tun sie trotzdem
So atemberaubend schnell sie in gebückter Haltung über den Asphalt schweben, sie kämpfen doch gegen die Stimme, die sie vom Absteigen überzeugen will. Sie schauen auf den Lenker, atmen den eigenen Schweiss ein und zählen bei jedem Tritt die Sekunden, bis es vorbei ist.
Am Sonntag beginnt der einsame Kampf für sie alle von Neuem. Wieder geht es darum, an der Grenze des Erträglichen zu fahren. Für Marlen Reusser wäre Gold an ihrem 35. Geburtstag das schönste Geschenk. (schweizheute.ch)

