«Ich dachte mir: Was zur Hölle?» Marlen Reusser steht nach ihrem Drama vor einem Rätsel
Sie gewann das Zeitfahren, trug während dreier Tage das Gelbe Trikot, konnte bis zum letzten Wochenende vom Gesamtsieg träumen und hatte den Podestplatz bei der Tour de France praktisch auf sicher. Doch dann versagten Marlen Reusser 67 Kilometer vor dem Ziel in Nizza erst die Beine, dann stürzte sie und fiel noch bis auf den 14. Rang zurück. Danach flossen bei der 34-jährigen Bernerin die Tränen. Am Tag danach ringt sie um Erklärungen und offenbart: «Ich stehe vor einem grossen Rätsel.»
Marlen Reusser, wie haben Sie in der vergangenen Nacht geschlafen?
Marlen Reusser: Selbstverständlich nicht so gut. Alles andere wäre auch überraschend gewesen. Ich kam erst um zwei Uhr nachts ins Bett, da begann sich das Gedankenkarussell zu drehen. Wenn man dazu noch ein wenig vertätscht ist, schläft man auch nicht besser.
Wie geht es Ihnen körperlich?
Knie und Hüfte sind recht «vertätscht», dazu bin ich auf den Brustkorb gefallen. Ich bin noch ziemlich durcheinander, aber den Sturz können wir schnell abhaken. Deswegen habe ich das Podium nicht verpasst. Ich wurde ja schon auf der zweiten von vier Runden abgehängt.
Von Ihrem Sturz gibt es keine Aufnahmen. Können Sie uns schildern, was passiert ist?
Ich hatte verschwitzte Hände, bin in ein Schlagloch gefahren und habe dadurch den Lenker verloren. Total unnötig, zumal mir das noch nie zuvor passiert ist. Aber das kann vorkommen. C'est la vie.
War für Sie immer klar, dass Sie das Rennen fortsetzen?
Als ich abgehängt wurde, war mir klar, dass ich das Podium verpassen werde. Da setzte die Enttäuschung bereits ein. Nach dem Sturz sass ich am Boden und dachte mir: «Was zur Hölle?» Da sagte ich zu mir: Ich kann es auch ganz bleiben lassen. Ich sah keinen Sinn mehr.
Dennoch sind Sie weitergefahren…
Weil meine Teamkolleginnen dazukamen. Wir haben uns dann gesagt, wir bringen das gemeinsam zu Ende, als eine Art Zeremonie oder als Prozession. Mental war das enorm schwierig. Da waren Wut, Frust und Enttäuschung, dass meine Beine einfach nicht mehr wollten.
Haben Sie eine Erklärung dafür?
Es ist ein grosses Rätsel für mich, mein Team und die Coaches. Seit meinem Sturz bei der Flandern-Rundfahrt (Bruch des Lendenwirbels, Anm. d. Red.) bringe ich gegen Ende einer Etappe auf der linken Seite nicht mehr gleich viel Druck aufs Pedal. Ob das die einzige Erklärung ist? Ich bezweifle es. Dem müssen wir nun auf den Grund gehen. Das Problem ist: Wir wissen nicht, wo wir mit der Suche anfangen sollen.
Im vergangenen Jahr waren Sie beim Giro d'Italia auf Siegkurs, bis Sie eine Durchfall-Erkrankung aus der Bahn warf. Dann erlitten Sie eine Lebensmittelvergiftung. Und nun das. Wie sehr hadern Sie?
Ich hatte das Podium fast auf sicher. Und dann wollen meine Beine nicht mehr und ich verstehe es einfach nicht. Ich investiere so viel, ich trainiere extrem hart, so viele Leute arbeiten Tag und Nacht für den Erfolg. Ich mache das schon so lange, ich bin so gut, aber früher oder später taucht immer irgendetwas auf. Da frage ich mich schon: Was ist eigentlich mein Problem? Es ist frustrierend. Ich bin genervt.
Sie gewannen das Zeitfahren, trugen als erste Schweizerin drei Tage das Maillot Jaune. Wie sehr trösten diese Erfolge?
Wenn man sieht, woher ich nach meinen Stürzen und Verletzungen komme, dann darf ich stolz sein auf das, was ich erreicht habe. Ich bin eine extrem gute Tour de France gefahren. Ich gewann eine Etappe, wurde einmal Zweite. Und ich hatte nicht gedacht, dass ich am Mont Ventoux so fahren kann, auch wenn ich letztlich «nur» Vierte wurde.
Also doch ein positives Fazit…
Es ist ja immer der letzte Eindruck, der zählt. Und der schmerzt. Es tut mir einfach mega leid für das Team, für diese herzensguten Menschen, die alles gegeben haben. Ich bin enorm traurig und aufgewühlt.
Wie geht es nun weiter?
Es war eine sehr intensive Zeit. Deshalb brauche ich zunächst eine Pause. Dann geht es darum, herauszufinden, wo mein Problem liegt. Und dann richte ich meinen Blick auf mein zweites grosses Ziel, die Weltmeisterschaften Ende September in Montreal. Viel Zeit bleibt mir nicht. Schon in einer Woche stehen Tests im Windkanal an. (schweizheute.ch)

