SBB streichen Fanzüge: Auswärtsfans kommen abends vielleicht bald nicht mehr heim
Tausend Fussballfans stranden an einem Bahnhof im Wallis oder im Tessin. Ohne Möglichkeit zur Rückfahrt. Weiter geht es erst am nächsten Morgen – mit dem ersten Zug. Das könnte bald Realität werden.
Die SBB haben den Fussballvereinen mitgeteilt, dass künftig nicht mehr in jedem Fall Extrazüge fahren werden. Konkret sind jene Züge betroffen, die zu einem Zeitpunkt fahren, zu dem auch der Regelfahrplan keine Fahrten mehr auf der entsprechenden Route vorsieht. Das bedeutet: Spielt eine Mannschaft am Samstagabend mit Anspielzeit um 20.30 Uhr im Tessin oder Wallis, gibt es in der Regel keinen Rücktransport mehr mit dem öffentlichen Verkehr.
Betroffen davon sind vorläufig die Fans der Young Boys am 12. September (Spiel gegen Lugano). Sie werden im Tessin stranden – ebenso wie die Fans des FC Luzern am 10. Oktober. Derweil werden die Supporter des FC Zürich am 19. September (Spiel gegen Sion) nicht mehr mit dem Zug aus dem Wallis nach Hause kommen. Der weitere Spielplan ist noch nicht definiert.
Wirtschaftlicher Druck auf die Bundesbahnen
Die Bundesbahnen begründen den Entscheid mit dem erhöhten Spardruck, dem sie sich ausgesetzt sehen. Die Einnahmen für die Extrazüge gingen zurück: Die Ticketverkäufe seien rückläufig bei gleichzeitig höherer Anzahl transportierter Leute. Sprich: Es fahren wohl regelmässig Menschen ohne Tickets in den Zügen mit.
Wirtschaftliche und betriebliche Gründe hätten den Ausschlag gegeben für den Entscheid, argumentiert der Verkehrsbetrieb. Das geht zumindest aus Schreiben hervor, die CH Media vorliegen. Die SBB selbst schreiben, durch die Fanzüge entstünden jährlich «ungedeckte Kosten von über vier Millionen Franken».
Der Nutzen der Extrazüge geht weit über wirtschaftliche Überlegungen hinaus: Die Züge dienen auch dazu, dass die Fussballfans nicht in den Regelzügen zu den Spielen fahren. So brachte etwa der FC Zürich am vergangenen Sonntag rund 1500 Fans mit nach St.Gallen, und zwar mit zwei Extrafahrten der SBB.
Das hat zwei grosse Vorteile. Erstens: Der Regelverkehr wird nicht von den Fussballfans tangiert und kann wie gewohnt laufen. All die Ausflügler und Heimreisenden merken im Idealfall nicht, dass überhaupt ein Match stattfindet.
Ohne Extrazüge steigen die Sicherheitskosten
Zweitens: Es ist für die Sicherheitskräfte massiv einfacher, die Menschenmassen zu kanalisieren und zu kontrollieren. In St.Gallen kommen die Extrazüge extra bei einem Bahnhof in Stadionnähe an. Landen die Fans stattdessen aufgeteilt auf diverse Gruppen am Hauptbahnhof, wäre das wahrscheinlich mit deutlich höheren Sicherheitskosten verbunden.
Fallen nun die Extrazüge spätabends weg, würden im schlimmsten Fall verfeindete Fangruppierungen die Polizei die ganze Nacht über auf Trab halten. Etwa im Wallis. Dort fährt der erste Regelzug Richtung Deutschschweiz erst wieder kurz vor 5 Uhr morgens.
Am Wochenende protestierten Fans des Grasshopper Club Zürich auf ihre Art und Weise gegen die Entscheidung der SBB. Sie reisten im Regelzug nach Lausanne, zogen mehrfach die Notbremse und rauchten in den Wagen. In anderen Fankreisen wird das Vorgehen der Zürcher kritisiert, es sei schlicht zu primitiv und grobschlächtig gewesen. Sicher ist: Das Thema ist nun gesetzt. Weitere koordinierte Aktionen der Fanszenen dürften folgen. Wohl etwas kreativer und subtiler.
Als Alternative empfehlen die SBB den Fussballfans, Züge zu chartern – was aber mit hohem finanziellem Risiko für die Veranstalter verbunden ist.
Extrazüge sind oft nicht sonderlich schnell, zudem legen sie häufig Umwege ein. Dafür sind die Tickets sehr günstig: 29 Franken kostet die Retourfahrt mit Halbtax. Unabhängig vom Start- und Zielort. Der Bundesbetrieb «will Fanzüge auch künftig als verlässliches Angebot für Fussballfans ermöglichen», wie er am Montag schreibt. Einen systematischen Abbau gebe es nicht. Fanzüge würden auch den Regelverkehr entlasten.
Bei der Swiss Football League will man nichts zu den gestrichenen Fanzügen sagen: Deren Organisation liege in der Verantwortung der SBB. Gleichzeitig bedauert sie die Vorkommnisse mit den GC-Fans: «Jegliche Handlungen, die den Bahnbetrieb beeinträchtigen oder andere Reisende gefährden, verurteilen wir.» Man sei im Austausch mit Behörden und den SBB und setze sich für «tragfähige Lösungen» ein, wie es auf Anfrage heisst. (schweizheute.ch)

