Erschossen und erwürgt: Nun sind die Fischadler nach 112 Jahren zurück
Wir schreiben das Jahr 1911. Ein junger Mann namens Merk hält einen weiblichen Fischadler in seinen Händen. Diesen hat er zuvor mit einer Schrotflinte erlegt und dann mit einem Schweizer Taschenmesser zu töten versucht. Weil dies nicht gelingt, erdrosselt er den Fischadler schliesslich mit einem Seil. Er will diesen ausstopfen lassen, willigt aber nach einigem Hin und Her ein, den Vogel dem Ornithologen Carl Stemmler zu verkaufen und diesem das Adlernest in Ellikon am Rhein zu zeigen. Aus diesem hat Merk zuvor die Eier gestohlen.
Carl Stemmler kauft den erlegten Vogel für 15 Franken und die drei Eier für 5 Franken wie er 1932 in seinem Buch «Die Adler der Schweiz» schreibt. Der junge Mann hat zuvor jedes Jahr einen Fischadler getötet, um ihn an den örtlichen Präparator zu verkaufen. So stammen die letzten handfesten Beweise für Fischadler-Bruten in der Schweiz aus dem Jahr 1911. Beobachtungen deuten aber darauf hin, dass im Jahr 1914 noch ein letztes Paar in der Schweiz im zürcherischen Wald von Ellikon brütete.
Im März gebalzt und gepaart
Nun, 112 Jahre später, meldet die Vogel-Fachgesellschaft Nos Oiseaux, dass erstmals wieder ein Fischadler-Paar gebrütet und drei Küken zur Welt gebracht habe. Nos Oiseaux hat das Projekt vor elf Jahren gestartet, ein Männchen ausgesetzt, das sich im Sommer 2025 mit einem unbekannten Fischadler-Weibchen gepaart hat. Beide kehrten diesen März in die Schweiz zurück und begannen mit den Balzritualen, bei denen das Männchen dem Weibchen Fische bringt.
Aus den am 19. April gelegten drei Eiern schlüpften am 25. Mai in der Region Biel die Jungen – wo genau, will der Vogelverein nicht sagen, um die Tiere zu schützen. Gemäss Michel Beaud von Nos Oiseaux, der die Vögel beringt hat, handelt es sich aufgrund deren Gewicht und der Masse um zwei junge Weibchen und ein Männchen. Die beiden Weibchen wurden Somone und Khnifiss genannt, nach Namen von Naturschutzgebieten im Senegal und in Marokko. Das Männchen Diawling nach einem Nationalpark in Mauretanien. In diesen geschützten Feuchtgebieten Westafrikas überwintern Fischadler.
Die Beobachter konnten sehen, wie die Fischadler-Eltern das Nest in kalten April-Tagen wie auch während der Hitzewellen geschützt haben. Gegen die sengende Sonne breiteten sie ihre grossen Flügel wie einen Sonnenschirm aus. Die Hauptaufgabe des Männchens war sonst, die Familie mit Fischen zu versorgen.
Nun haben die Jungvögel das Nest verlassen. Wahrscheinlich bleiben sie noch bis Ende August oder Anfang September in der Gegend. Dabei werden sie weiterhin vom Männchen gefüttert, bevor sie ihren Zug nach Afrika antreten. Bis dahin kann man sie an den Seeufern bei Neuenburg, Murten und Biel beobachten, vielleicht sogar entlang der Aare.
Fischadler weisen einige Besonderheiten auf: Zum einen sind sie die einzigen tagaktiven Greifvögel, die sich ausschliesslich von Fischen ernähren. Wie Eulen haben sie eine vollständig umkehrbare äussere Kralle, womit sie die Beute besonders gut packen können und in den drei Krallen gefangene Fische keine Chance auf ein Entkommen haben.
Aussergewöhnlich ist gemäss Nos Oiseaux, dass Fischadler auf allen Kontinenten verbreitet sind, nur der Wanderfalke hat unter den Greifvögeln eine noch grössere Verbreitung. Fischadler stehen an der Spitze der Nahrungskette und sind hervorragende Indikatoren für die Gesundheit aquatischer Ökosysteme.
Übrigens: Das im Jahr 1911 vom jungen Merk erlegte und von Carl Stemmler gekaufte Fischadler-Weibchen wurde präpariert und ist heute noch im Stemmler Museum in Schaffhausen zu sehen. (schweizheute.ch)

