Philipp Kurashev und die Frage: Wie naiv darf ein Hockey-Star sein?
Für den Spielerhandel gibt es in Nordamerika strenge Regeln. Ein nur bei der NHL registrierter Agent darf für seine Klienten keine Offerten aus anderen Ligen bearbeiten. Das bedeutet: Wer Philipp Kurashev verpflichten möchte, kann sich nicht an seinen berühmten NHL-Agenten Pat Brisson wenden. Weil Pat Prisson keinen offiziellen Partner in der Schweiz und keine entsprechende Bewilligung zum Vermitteln von Arbeitskräften in unserem Land hat.
Weil Philipp Kurashev keinen Agenten in der Schweiz mandatiert hat, ergibt sich eine so kuriose wie heikle Situation. Auf die Frage, was der russisch-schweizerische Doppelbürger nun vorhabe, seufzt ein NL-Sportchef: «Er sammelt Offerten.» Also sein Agent, oder? «Nein, nein, er hat in der Schweiz keinen Agenten. Er hat darum gebeten ihm die Offerten direkt zu übermitteln.» Dann müssen Sie nun also eine Offerte machen, so im Sinne: «Lieber Philipp, wir gedenken dir 900'000 Schtutz zu zahlen.»? – «So ungefähr.»
Nur ist das eben nicht so einfach. Eine Offerte ist komplexer, als einfach eine Summe per E-Mail zu schicken. Beispiel: Von 800'000 Franken Salär bleibt einem Spieler nach Abzug der Steuern und Sozialabgaben nicht überall gleich viel. In Zug sind es netto rund 625'000 Franken, in Davos 570'000 Franken, in Lugano 535'000 Franken, in Bern 510'000 Franken und in Genf nur noch 490'000 Franken. Wobei dann zusätzlich unterschiedliche Ansätze bei der Gemeindesteuer berücksichtigt werden müssen.
Die Berechnung auf einem Betrag von 800'000 Franken basiert auf dem Mindestangebot, das wohl eingereicht werden muss. um mitbieten zu können. Wobei einer der interessierten Sportchefs sagt: «Wir haben guten Kontakt untereinander.» Will heissen: So einfach wird es für Philipp Kurashev nicht sein, das Salär in die Höhe zu pokern. Die Sportchefs sind inzwischen recht gut vernetzt und die Frage ist berechtigt: Wie naiv darf eigentlich ein NHL-Spieler sein, der in der Schweiz die Offerten selbst einsammelt und die Chance hat, der bestverdienende Schweizer Arbeitnehmer unserer höchsten Liga zu werden?
Es ist nämlich keineswegs sicher, dass Philipp Kurashev die 900'000 Franken-Schallmauer (brutto) knacken kann. Weil es bei den Sportchefs seriöse Überlegungen gibt und womöglich wäre ein mit allen Wassern gewaschener helvetischer Spielerhändler hilfreich, um alle Aspekte bei den Verhandlungen zu berücksichtigen.
Das Problem: Klubs mit sehr gut verdienenden Alphatieren wie beispielsweise die ZSC Lions, Lugano, Zug, Lausanne oder Genf gehen ein unkalkulierbares Risiko ein, wenn sie auf einmal einem neuen Spieler das höchste Salär bezahlen. Das spricht sich in der Garderobe schnell herum und wenn die Lohnhierarchie mit der Leistungshierarchie nicht übereinstimmt, dann hängt der Haussegen bald einmal schief.
Hinzu kommt noch etwas: Natürlich bringt eine Verpflichtung von Philipp Kurashev kurzfristig viel Prestige und Begeisterung: Hurra, wir haben einen NHL-Star! Unser Sportchef ist halt schon ein Hockey-Gott.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
-
Er ist
-
Er kann
-
Erwarte
Aber der ehemalige SCB-Junior hat mit Ausnahme eines Kurz-Gastspiels in Lugano (2020/21 – 13 Spiele, 9 Assists) noch nie in unserer höchsten Liga gespielt. Bei fünf Titelturnieren war er im Nationalteam mehr Mitläufer als Leitwolf und nie Topskorer. In 360 NHL-Partien hat er zwar ordentlich produziert (150 Punkte), aber meistens als Flügel. Kann er als erster Center in der National League ein Team führen, womöglich gar ein meisterlicher Leitwolf sein? 900'000 Franken Salär für einen Stürmer reservieren, der als Profi noch nie die erste offensive Geige spielen durfte? Ein Sportchef eines Klubs, der eigentlich ein Interesse an einer Verpflichtung hat, sagt auf diese Fragen: «Ich glaube eher nicht.»
Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Wie mehrere Sportchefs übereinstimmend bestätigen: Philip Kurashev will den Batzen und das Weggli. Also ein fürstliches Salär und eine Klausel, dass er im Falle eines Falles doch noch in die NHL wechseln kann. Einer sagt es so: «Ich mache Kurashev zu meinem bestbezahlten Spieler, verärgere meine Teamleader und wenn er dann auf einmal während der Saison geht, muss ich alle darum bitten, nun bitte, bitte wieder die Leaderrolle zu übernehmen …»
Für alle, die den Kick suchen
Auch in dieser Saison können die Schweizer Eishockeyfans ausgewählte Spiele im Free-TV mitverfolgen.
Das ganze Programm von 3+ Adrenalin findest du hier.
Nach einer Umfrage ergibt sich momentan folgende Rangliste im Rennen um den NHL-Stürmer:
- Lausanne. Grund: Kein anderer Spitzenklub hat einen so grossen Bedarf an offensiver Nachrüstung mit Schweizer Spielern und zugleich randvolle Geldspeicher.
- Davos. Ein Titelanwärter, bei dem nach dem Abgang von Matej Stransky noch keiner die alles dominierende Rolle eines offensiven Leitwolfes übernommen hat. Sportlich die reizvollste Herausforderung und Sportdirektor Jan Alston könnte die erforderlichen Geldmittel aufbringen (nicht er, der Klub natürlich)
- Zug. Grund: Geld spielt keine Rolle und nach wie vor besteht nach dem Krisensommer ein Bedarf an Prestigegewinn. Die Frage ist hier, wer das letzte Wort hat. Präsident Hans-Peter Strebel oder Geschäftsführer Paolo Duca, ein Mann der Vernunft.
Aber was ist mit dem SC Bern, Lugano oder den ZSC Lions?
- Berns neuer Geschäftsführer Jürg Fuhrer achtet sorgsam darauf, dass die Lohnhierarchie gewahrt wird. Er zieht einen kontinuierlichen, nachhaltigen Aufbau einem kurzen Transferwahn vor und führt die Sportabteilung an der kurzen Leine.
- ZSC-Sportchef Sven Leuenberger hätte zwar die finanziellen Möglichkeiten, um Philip Kurashevs finanzielle Forderungen zu erfüllen, und pflegt seit Jahren guten Kontakt zur Familie. Aber er kann ihm ganz einfach die Lohnwünsche nicht erfüllen. Weil er, wenn er den Kabinenfrieden wahren will, nicht mehr oder auch nur gleich viel bezahlen kann wie Sven Andrighetto und Denis Malgin. Und wenn der Kabinenfrieden gestört ist, wird ein Titelgewinn erschwert.
- Lugano hat schon einmal während der Saison 2014/15 einen NHL-Rückkehrer (Damien Brunner) zum damals bestverdienenden Spieler der Liga gemacht. Und dann war im Frühjahr 2015 schon im Viertelfinal (gegen Servette) schmähliches Lichterlöschen
Eishockey ist nicht nur ein unberechenbares Spiel auf rutschiger Unterlage. Auch das Transfergeschäft ist ein unberechenbares. Fest steht definitiv nur: Ajoie, Langnau, Ambri und Kloten werden Philipp Kurashev nicht verpflichten.
