Plötzlich Vorzeigeklub – Sion stürmt dank neuer Philosophie von Sieg zu Sieg
Wäre da in der letzten Saison nicht dieser historische Aufsteiger Thun gewesen, hätte der FC Sion wohl deutlich mehr Aufmerksamkeit als grosses Überraschungsteam erhalten. Mit Platz 4 erreichten die Walliser die beste Platzierung seit der Saison 2016/17 und mit 63 Punkten so viele wie noch nie in der Super League. Über die letzten 15 Runden gesehen war Sion gar das beste Team der Liga. Und daran knüpft das Team von Trainer Didier Tholot nahtlos an.
Der 5:2-Erfolg gegen GC am Dienstagabend war der sechste Sieg im achten Ligaspiel der laufenden Saison. Damit ist Sion Zweiter und hat nur einen Punkt Rückstand auf Leader Lugano, der am heutigen Mittwoch aber noch auf den FC St.Gallen trifft und wieder auf vier Punkte davonziehen könnte.
Womöglich tat es Sion gut, dass es in der letzten Saison etwas unter dem Radar flog und im Schatten von Meister Thun, aber auch von Cupsieger und Vizemeister St.Gallen in Ruhe arbeiten konnte. Ruhe und der FC Sion waren nämlich zwei Dinge, die in den letzten Jahren selten im selben Satz genannt wurden. Schliesslich besass der Verein von Präsident Christian Constantin lange den Ruf eines Chaosklubs. Davon kann nun aber keine Rede mehr sein.
Letztmals war ein Sion-Trainer in den 80ern so lange im Amt
Seit dem Abstieg 2023 hat sich der FC Sion behutsam zu einem Vorzeigeklub entwickelt. «Sion ist ein Beispiel, wie ein Klub funktionieren sollte», erklärte Ex-Nationalspieler Admir Mehmedi bei Blue und verwies darauf, dass in Sion anders als früher jeder seine Aufgabe habe und ausübe. So mische sich Präsident Constantin nicht mehr zu sehr in sportliche Belange ein. Das überlässt er nun vor allem seinem Sohn Barthélémy Constantin als Sportchef.
Der 31-Jährige, der das Amt als 20-Jähriger übernommen hat, hat sich von seinem Vater emanzipiert. Natürlich liegt der Vorwurf der Vetternwirtschaft nahe, doch können zwei Sachen richtig sein: Barthélémy Constantin wäre kaum schon so jung Sions Sportchef geworden, wäre er nicht der Sohn des Präsidenten. Und er leistet gute Arbeit. Als echter Glücksgriff erwies sich die Verpflichtung von Didier Tholot als Trainer nach dem Abstieg.
Der Franzose war zuvor schon zweimal als Trainer und einmal als Spielertrainer bei den Sittenern unter Vertrag, doch in seinem Fall gilt wohl: Aller guten Dinge sind vier. Tholot führte den Klub als Meister direkt zurück in die Super League und verbesserte das Team seither stetig weiter. Nun ist er seit über drei Jahren im Amt, was mittlerweile überall, aber ganz besonders beim einstigen Chaosklub, eine Ewigkeit ist. Dass Sion vier Saisons in Folge mit dem gleichen Coach beginnt, gab es zuletzt in den 80er-Jahren mit Jean-Claude Donzé. Erst im Frühjahr verlängerte Tholot bis 2029.
Das Vertrauen in ihn ist riesig. Die Constantins überliessen ihm die Entscheidung, ob er in Sion weitermachen möchte oder nicht. Tholot wollte. Vor der Saison lobte Präsident Christian Constantin gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA: «Didier und der gesamte Stab haben es geschafft, diesen Willen, sich gemeinsam zu verbessern, zu vermitteln. Und dahinter sorgt die Erfolgsdynamik für den Rest.»
Doch nicht nur an der Seitenlinie setzt Sion mittlerweile auf Kontinuität. Leistungsträger wie Numa Lavanchy, Baltazar oder Ilyas Chouaref sind seit mehreren Jahren beim FC Sion. Rund um die Achse, zu der seit zweieinhalb Saisons auch der Oberwalliser Abwehrchef Jan Kronig gehört, hat Constantin Jr. in seiner Rolle als Sportchef mit dem Geld seines Vaters eines der spannendsten und besten Teams der Super League aufgebaut.
Der gegnerische Trainer gerät ins Schwärmen
Das liegt nicht nur an Supertalent Winsley Boteli, der morgen Donnerstag wohl erstmals für die Schweizer A-Nati aufgeboten werden dürfte. Der 20-Jährige traf in acht Super-League-Spielen fünfmal und bereitete vier weitere Treffer vor. Auch der 24-jährige Neuenburger Franck Surdez, der im Januar für über eine Million Franken aus Belgien geholt wurde, liess sein Potenzial zum Saisonstart bereits mehrmals aufblitzen.
Nach dem 5:2-Sieg bei den Grasshoppers geriet deren Trainer regelrecht ins Schwärmen. «Wir haben gegen eine uns in allen wichtigen Bereichen überlegene Mannschaft verloren: technisch, taktisch und auch körperlich», erklärte Peter Zeidler gegenüber dem Blick. «Die könnten bei Weltklasse in Zürich mitmachen, derart schnell sind sie.» Sion habe in den letzten zwanzig Jahren noch nie «eine derart stimmige und tolle» Mannschaft gehabt, glaubt der 64-jährige Zeidler, der den Klub 2016/17 selbst trainierte.
Offensiv top – bald auch wieder defensiv?
Mit 22 Toren stellt Sion die zweitbeste Offensive der Liga. Defensiv sind die Walliser mit 13 Gegentoren hingegen noch nicht ganz auf dem Niveau der Vorsaison, als kein Super-League-Klub weniger Gegentore kassierte als Sion (40). Dank der eingespielten Defensive und Goalie Anthony Racioppi, der auf seiner Position zu den Besten der Schweizer Liga gehört, dürfte sich dies aber noch ändern.
Dann scheint für den FC Sion alles möglich und muss sich die Konkurrenz erst recht warm anziehen. Schliesslich rennen ihnen die Sittener Leichtathleten in Fussballtrikots doch schon jetzt die Bude ein. Schlicht darauf hoffen, dass sich der Klub wie in der Vergangenheit selbst im Weg steht, sollten Lugano, YB und Co. in jedem Fall nicht.
