Der FIFA-Präsident und ich: «Ich habe einen anderen Gianni Infantino kennengelernt»
Alles beginnt mit einer Flasche. Der teuerste Wein meines Lebens. Aber Ehrensache. Eine Wettschuld beim neuen FIFA-Präsidenten.
Gianni Infantino hatte mich überrascht. Positiv überrascht. Schon zum zweiten Mal. Und nicht zum letzten Mal. Am 19. Februar 2016 nach 23 Uhr klingelt das Telefon. Eine mir unbekannte, nicht unterdrückte Nummer. «Hier ist Gianni Infantino», meldet sich eine Stimme. Ich hatte den Walliser Kandidaten für die Präsidentschaft der FIFA wegen eines Porträts über Mail kontaktiert. Ohne Hoffnung auf eine Reaktion.
Doch sie kommt. Kurz vor Mitternacht. Zwar zu spät für den bereits geschriebenen, kritischen Text. Der Titel «Jetzt soll die Glücksfee die Welt retten» nicht frei von Ironie. Aber rechtzeitig für ein Versprechen. «Wenn ich gewählt werde, sollen Sie das erste Interview erhalten», sagt der Italo-Walliser. Ich erwidere, nach seiner Wahl sei der belanglose Journalist aus der Schweiz schnell vergessen. Dann gelte die präsidiale Aufmerksamkeit den Wichtigen dieser Welt. Infantino will um eine gute Flasche Wein wetten, dass dem nicht so sei.
Dann die zweite Überraschung. Fünf Minuten nach seiner Antrittsrede am Wahltag ploppt eine Nachricht in meinem Handy auf. Im TV sieht man Gianni Infantino unmittelbar zuvor hinter dem Vorhang der Bühne im Hallenstadion verschwinden. «Wette verloren, ich erwarte Sie morgen mit dem Wein in meinem neuen Büro am FIFA-Hauptsitz», lautet die Message auf meinem Bildschirm.
Ich gebe es zu: Infantino ist mir sympathisch
Unser persönlicher und verblüffend intensiver Kontakt hält für rund 18 Monate. Ich erlebe einen Menschen, der mir sympathisch ist. Diesen positiven Eindruck haben rückblickend auch andere Weggefährten. Personen, deren sich Gianni Infantino später mehr oder weniger rücksichtslos entledigt. Im Frühjahr 2016 aber ist der Präsident der mächtigsten Sportorganisation der Welt erfrischend nahbar. Er ist offen, reformfreudig, erstaunlich selbstironisch und trotzdem nie anbiedernd. Eine Eigenschaft überrascht im Vergleich zum heutigen Eindruck speziell. Gianni Infantino wirkt oft ein wenig unsicher. Als wäre er ein Präsident mit einem «L» auf dem Rücken.
Wer zehn Jahre später sagt, Gianni Infantino sei im Amt gewachsen, meint es höchstwahrscheinlich sarkastisch. Meinen eigenen, bisweilen schwer auszuhaltenden Sarkasmus, nennt der FIFA-Präsident ein gutes Jahr später auch als Grund, wieso der ausgiebige Austausch schleichend immer distanzierter und einseitiger wird. Zuvor versichert er mir im Zwiegespräch: «Es gibt bei der FIFA keine Diktatur, kein Diktat des Präsidenten. Alle haben Mitspracherecht.»
Als der direkte Kontakt dann von einem Tag auf den anderen ganz abbricht, liefert Gianni Infantino einen anderen Grund. Einer der im flotten Tempo wechselnden Berater habe ihm dringend vom allzu engen Kontakt mit einem Journalisten abgeraten. Vielleicht ist es aber auch Infantino selbst, der zu dieser Erkenntnis kommt. Das anfangs unverkrampfte Verhältnis mit der Presse wird schnell durch grundsätzliches Misstrauen abgelöst.
Sogar Infantinos Matratze sorgt für Empörung
Gianni Infantinos erste Monate im Amt sind die medial wohl am besten durchleuchtete Zeit eines Funktionärs in der Geschichte des Sports. Eine Enthüllung jagt die andere. Infantino fliegt mit dem Privatjet der Scheichs nach Genf, Infantino überzieht sein monatliches Spesensoll von 2000 Franken massiv. Er kauft einen Smoking für 1415 Franken, einen Stepper für sein Appartement für 8883 Franken und als Krönung der Masslosigkeit eine Matratze für 11'421 Franken. Selbst die unverschämt hohen Kosten eines Putzinstituts für die neue Generalsekretärin Fatma Samoura werden Infantino angelastet.
Durch Indiskretionen erfährt die Öffentlichkeit all diese Verfehlungen beinahe in Echtzeit. Dank fleissiger Whistleblower in der FIFA-Zentrale ermittelt die Ethikkommission bei Dutzenden von Anzeigen gegen den neuen Chef. Gianni Infantino geht mehr und mehr auf Distanz zu den Medien. Ihm gelingt es nicht, die Reformanstrengungen, die er anfänglich glaubwürdig unterstützt, in den Mittelpunkt seiner Botschaften zu setzen. Im persönlichen Dialog gelobt er: «Ich bin ein normaler Mensch, der versucht, seine Arbeit auf ehrliche Weise zu erledigen.» Ich neige damals dazu, ihm zu glauben.
Gianni Infantino beklagt sich über den Neid, den er wahrnimmt. Er möchte geliebt werden. Er lechzt nach Anerkennung und Wertschätzung für sein Handeln. Die spürt er erst in der Schweiz, später auch in Europa nicht. Und im Hauptsitz am Zürichberg erkennt er in jedem kritischen Blick im Flur einen ehemaligen Blatter-Vertrauten auf Sabotage-Mission. Gegen ihn, der vom «Feind» – von der UEFA – gekommen ist und den bei den Mitarbeitenden populären Blatter verjagt hat. Er, der angeblich unfreundlich ohne Ende ist, niemanden grüsst und griesgrämig durch das Gebäude schleicht. Schreiben die Medien. Der Walliser beginnt auch intern immer weniger Leuten zu vertrauen. Eigentlich traut er nur sich selbst. Vielleicht entstehen Alleingänge bisweilen eher aus Angst als aus Arroganz.
Das präsidiale Versprechen, nicht abzuheben
Bei einem Besuch in seinem Büro im Mai 2017 prophezeie ich Gianni Infantino, dass er – gefangen im goldenen Käfig der Macht – eines Tages den Sinn für die Realität verlieren wird. Er garantiert, das werde nie passieren. Er werde sich stets an seine Wurzeln als Kind von Migranten erinnern. Bodenständigkeit als unauslöschliches Gen.
2016 will Giovanni – wie Giannis bürgerlicher Vorname lautet – Infantino meine Einladung zum Grillieren nur unter einer Bedingung annehmen. Er wünscht eine Wurst und nicht das versprochene Filet. Zelebrierte Bescheidenheit. Sie erscheint mir nicht gespielt. Auch wenn es später von Vertrauten über Infantino heisst, er sei ein gnadenloser Opportunist. Zum Grillabend in meinem Garten kommt es letztlich nie.
Ein paar Jahre später empört sich die Presse über ein Goldsteak, welches der FIFA-Präsident beim türkischen Szenegastronom Salt Bae in Dubai verspeist. Ein schonungsloser Ausdruck von Dekadenz. Und zuletzt agiert er in Sachen Masslosigkeit auf einer Flughöhe, auf der sogar für ihn die Luft zum Atmen zu dünn wird.
Vielleicht wäre Gianni Infantino doch besser bei der Wurst geblieben. (schweizheute.ch)

