Wie Infantino sich Ja-Stimmen zum FIFA-Verkauf holen will – und weitere wichtige Fragen
Was hat die FIFA angekündigt?
Die FIFA hat am Dienstag die Fussballwelt in Aufruhr versetzt. Der Weltverband kündigte an, einen Teil der kommerziellen Rechte an seinen Turnieren an Investoren verkaufen und damit mehr als vier Milliarden Dollar erlösen zu wollen.
Nach Angaben der FIFA sollen private Geldgeber rund 20 Prozent der Anteile an dem neu zu gründenden Tochterunternehmen FIFA Forward Enterprise (FFE) erwerben können. Der Wert der neuen Tochtergesellschaft soll vorerst auf rund 20 Milliarden Dollar festgelegt werden. Im FFE sollen die kommerziellen Rechte an den FIFA-Wettbewerben wie der Männer- und Frauen-WM sowie der Klub-WM gebündelt geregelt werden. Einem Bericht der «Times» zufolge könnte ein solcher Deal den Druck erhöhen, das Teilnehmerfeld einer WM weiter auszubauen oder die WM häufiger als bisher auszutragen.
EXCLUSIVE: Fifa's president Gianni Infantino is planning to sell stakes in the World Cup to private investors under a scheme that could potentially earn him tens of millions of pounds.
— Martyn Ziegler (@martynziegler) July 28, 2026
Investor discussions held with figures close to the Trump administration, say sources.…
Die FIFA würde Mehrheitsgesellschafter des Unternehmens bleiben und hätte nach eigenen Angaben auch weiter die Kontrolle über den Spielkalender und das Regelwerk. Alle 211 FIFA-Mitgliedsverbände sollen ebenfalls kleinere Anteile an dem Unternehmen erhalten, die entweder behalten oder verkauft werden könnten.
Welche Rolle spielt Infantino?
Klappt dieser Verkauf der FIFA-Kommerzialisierung nach Wunsch, liegt eine neue Rolle für Gianni Infantino bereit. Nach dem geplanten Ende seiner Amtszeit als FIFA-Präsident im Jahr 2031 (sofern die Wiederwahl 2027 klappt) könnte der Walliser diese neue Tochtergesellschaft als Geschäftsführer leiten.
Ein FIFA-Sprecher behauptete zwar, es sei noch nie darüber gesprochen worden, dass Infantino nach seiner Zeit als Präsident eine solche Rolle übernehme. Dennoch gibt es bereits Berichte, wonach er in diesem Amt rund 50 Millionen Franken jährlich verdienen soll.
Wer sind die Investoren und wie ist die Trump-Familie involviert?
Das ist noch nicht im Detail bekannt. Die FIFA will mit der Bank J.P. Morgan zusammenarbeiten, um Investoren an Bord zu holen. Zudem soll Greg Maffei, der frühere CEO von Liberty Media (Formel 1, Moto GP), als Berater amten.
Involviert ist auch die Familie von US-Präsident Donald Trump, zu dem Infantino eine gute Beziehung hat. Den Lead soll gemäss der FIFA die Holdinggesellschaft Thrive Eternal erhalten. Deren Besitzer ist Technologieinvestor Joshua Kushner, dessen Bruder Jared mit Trumps Tochter Ivanka verheiratet ist.
Wie reagiert die UEFA?
Die Europäische Fussball-Union UEFA reagierte mit scharfer Kritik auf das Vorhaben der FIFA. «Damit wird eine Grenze überschritten, die die für den Fussball verantwortlichen Institutionen niemals überschreiten dürften», teilte die UEFA mit. Wie diverse Medien berichten, wolle der europäische Verband eine Krisensitzung mit seinen 55 Mitgliederverbänden einberufen. Auch ein Boykott der nächsten Weltmeisterschaft oder Klub-WM soll im Raum stehen.
UEFA statement on The Times article: ⬇️ pic.twitter.com/ye1tjfWRCb
— UEFA (@UEFA) July 28, 2026
Die UEFA kritisierte die Pläne der FIFA weiter: «Die Seele und die Führung des Fussballs sind keine handelbaren Vermögenswerte – insbesondere dann nicht, wenn es keine Transparenz darüber gibt, wer finanziell profitiert. Der Fussball ist niemandes Eigentum, und es ist nicht Sache der FIFA, ihn zu verkaufen.»
Welche Reaktionen gibt es sonst noch?
Gerade in Europa ist der Aufschrei gross. «Viele im europäischen Fussball sehen die Pläne der FIFA als absoluten Angriff auf den Fussball an. Diese Haltung teile ich. Hier wird eine Grenze überschritten», sagt etwa DFB-Vizepräsident Hans-Joachim Watzke. Spaniens Ligaboss Javier Tebas bezeichnet Infantino als «das Problem der FIFA».
En escasamente un mes Gianni Infantino retira una tarjeta roja bajo "sospecha"de intervención política.
— Javier Tebas Medrano (@Tebasjavier) July 29, 2026
Después, un requerimiento del Congreso de EE. UU para aclarar retirada de acusaciones por parte de FIFA,de ex miembros de FIFA condenados por corrupcion, entre otras cosas… pic.twitter.com/wkfN0HnWTx
Anderswo werden die Pläne positiver gesehen, wenn auch der Fussballverband Nord- und Mittelamerikas (CONCACAF) das intransparente Vorgehen der FIFA kritisiert. «Wir sind zutiefst besorgt über das Fehlen eines ordnungsgemässen Verfahrens», heisst es in einer Stellungnahme des Verbands. Auch der asiatische Fussballverband (AFC) beschwerte sich vorwiegend darüber, nicht ausreichend über den Vorschlag informiert worden zu sein.
Auch der frühere Weltverbandschef Sepp Blatter und Grossbritanniens Premierminister Andy Burnham haben scharfe Kritik an dem WM-Investorenplan geäussert. Die «enge Beziehung» zwischen FIFA-Chef Gianni Infantino und US-Präsident Donald Trump habe «eine finanzielle Dimension erreicht, die dem Fussball tief schadet. Niemand hat das Recht, unser Spiel zu verkaufen», schrieb Blatter, der die Kommerzialisierung des Weltverbandes einst während seiner Amtszeit vorangetrieben hatte, am Dienstagabend auf der Plattform X.
Der neue britische Regierungschef Burnham betonte, dass die WM «kein Produkt» sei. «Sie ist der grösste Wettbewerb im Weltsport, und sie war nie jemandes Eigentum. Man kann das Ganze schönreden, wie man will. Sobald man einen Teil davon verkauft hat, hat man sich verkauft», schrieb der Labour-Politiker, Fan des englischen Premier-League-Klubs FC Everton: «Der Fussball gehört den Fans. Das war schon immer so und das wird auch immer so bleiben.»
Let me say this very directly.
— Andy Burnham (@andyburnham) July 28, 2026
Football does not belong to investors. It belongs to the people who fill the stands and who stand on the touchline week in, week out, rain or shine.
The World Cup is not a product. It is the greatest competition in world sport, and it was never…
Wie realistisch ist es, dass Infantino mit seinen Plänen durchkommt?
Das ist aktuell schwierig abzuschätzen. In Europa regt sich zwar starker und in anderen Teilen der Fussballwelt leiser Widerstand. Doch Fakt ist auch, dass Gianni Infantino zumeist das erreicht hat, was er wollte. Die Winter-WM in Katar? Check. Die deutlich ausgebaute Klub-WM? Check. Die Mega-WM diesen Sommer in Nordamerika? Check. Das Turnier 2034 zu seinen Freunden in Saudi-Arabien bringen? Ebenfalls Check.
Wenn die europäischen Spitzenverbände sich tatsächlich auf einen Boykott einigen und diesen auch durchziehen, dürfte es für die FIFA schwierig werden, die Weltmeisterschaft noch als solche zu vermarkten. Von den acht Teams im WM-Viertelfinal kamen dieses Jahr sechs aus Europa.
Klar ist aber auch, dass Infantinos Pläne, wie schon bei der WM-Expansion, bei den nationalen Verbänden aus Afrika, Asien und Ozeanien viel Zustimmung geniessen dürften. Bei der WM-Expansion lockte eine grössere Chance, sich auch einmal auf der grössten Fussballbühne präsentieren zu dürfen. Beim Verkauf der Kommerzialisierungsrechte hat Infantino jedem Landesverband 40 Millionen US-Dollar (rund 33 Millionen Schweizer Franken) als Anreiz für ein Ja versprochen. Dieses Geld gibt es allerdings laut «Sky» nur für diejenigen Verbände, die mit Ja gestimmt haben. Im Falle einer Ablehnung würde die Fördersumme für die kommende WM-Periode auf 2,7 Milliarden Dollar sinken, was pro Verband lediglich rund 10 Millionen Dollar (8,8 Millionen Euro) bedeuten würde.
Bis wann wird entschieden?
In einem Schreiben hat Infantino den nationalen Fussballverbänden bis am 19. September 2026 Zeit gegeben, um sich in dieser Frage zu entscheiden. Der Vorschlag braucht mehr als 50 Prozent der Stimmen (also 106 Verbände die Ja sagen), um akzeptiert zu werden. Ansonsten würde es wie bisher weitergehen.
[Sky] In a letter, Gianni Infantino has offered $40m incentive to football associations to accept the plans to sell part of FIFA. Infantino has given the assosications until 19th of September to decide. The 'FIFA Forward' enterprise needs more than 50% of votes, otherwise it will continue as normal
by u/Blodgharm in soccer
Mit Material der Nachrichtenagentur Keystone-SDA sowie t-online.de
