Vielleicht hat dieses Frankreich ja doch eine Schwachstelle …
Den Verteidigern, die sich der französischen Offensive gegenübersehen, kann man nur Glück wünschen. Es wäre diesen nämlich nicht zu verübeln, wenn sie nur schon beim Lesen der Namen schlotternde Knie bekommen: Kylian Mbappé. Ousmane Dembélé. Michael Olise. Désiré Doué.
Und wenn die dann irgendwann müde sind oder nicht den gewünschten Effekt bringen, stehen Spieler wie Rayan Cherki, Bradley Barcola, Marcus Thuram, Jean-Philippe Mateta oder Maghnes Akliouche bereit. Es gibt nur wenige Nationalteams, bei denen diese Stars ebenfalls vornehmlich auf der Ersatzbank Platz nehmen müssten.
Wie potent diese Offensive nicht nur auf dem Papier ist, hat sie in der Gruppenphase auch auf dem Platz gezeigt. Zehn Tore sind der geteilte Bestwert mit Deutschland und den Niederlanden, wobei die Gegner der Franzosen in der Todesgruppe mit dem Senegal, dem Irak und Norwegen wohl etwas höher einzuschätzen sind. 3:1, 3:0 und 4:1 bezwang Frankreich diese Gegner nacheinander. Damit ist es auch eines von bisher nur zwei Teams (Mexiko ist das andere), das die volle Punktzahl einfahren konnte.
Die Defensive wirkte anfällig
Frankreich ist aber nicht nur in der Frontreihe hervorragend besetzt, sondern kann von vorne bis hinten auf jeder Position mit einem Weltklassespieler aufwarten – häufig sogar in doppelter Besetzung. Für die meisten Gegner sind das ganz schlechte Nachrichten. Doch beim 4:1-Erfolg gegen Norwegen hat die Équipe Tricolore – vielleicht – eine Schwachstelle offenbart.
Die Defensive wirkte da nämlich ziemlich anfällig. Besonders in zwei Situationen:
- Beim Gegentor liess sie sich von einem Pass und einer einfachen Körpertäuschung von Norwegens Thelo Aasgaard komplett aushebeln. Weder beim 24-jährigen Torschützen noch bei Assistgeber Andreas Schjelderup kamen Dayot Upamecano und Co. auch nur in die Nähe.
- Dann gab es da noch die Szene vor dem Penalty: Oscar Bobb liess erst Manu Koné ins Leere grätschen und wäre dann auch an Théo Hernandez vorbeigekommen, hätte dieser ihn nicht gefoult. Nur weil Mike Maignan den schwach geschossenen Penalty von Jörgen Strand Larsen parierte, führte dies nicht zum zweiten Gegentreffer.
Gemäss «Expected Goals»-Wert erspielte sich Norwegen gar die besseren Chancen als Frankreich. Hätten die Skandinavier im Sturm Erling Haaland gehabt, wäre dies womöglich nicht so glimpflich ausgegangen für das Team von Trainer Guy Stéphan, der den zur Beerdigung seiner Mutter gereisten Didier Deschamps vertrat.
Der Trainer-Vertreter warnt
Schon gegen den Senegal wirkte Frankreichs Verteidigung zu Beginn nicht immer sattelfest. Ein Pfostenschuss hätte in der ersten Halbzeit beinahe zum Rückstand geführt und dann hatte kurz vor der Pause auch noch Ismaila Sarr, der im Strafraum vergessen gegangen war, eine Riesenchance. Beim Gegentor zum zwischenzeitlichen 1:2 lässt sich Goalie Maignan dann in der Goalieecke erwischen.
Ist die Defensive trotz grosser Namen wie Dayot Upamecano, William Saliba, Jules Koundé oder auch Ibrahima Konaté also tatsächlich die Schwachstelle im französischen Team? Man kann sich nur wiederholen: Vielleicht.
Beim 3:1-Sieg gegen den Senegal liess Frankreich in der zweiten Halbzeit kaum noch etwas zu. Gegen Norwegen bekam dann Saliba nach der langen Saison mit Arsenal eine Pause und rückte Maxence Lacroix auf die Position in der Innenverteidigung neben Upamecano. Ausserdem wirkte es fast so, als würde den Franzosen gegen die B-Elf der Skandinavier etwas die Ernsthaftigkeit abgehen. Davon zeugt unter anderem, wie weit Upamecano, Koundé oder auch Aurélien Tchouaméni beim norwegischen Tor von ihren Gegenspielern wegstanden. Beinahe, als würden sie einfach keine Verletzung riskieren wollen, im sicheren Glauben, dass sie das Spiel nach der 2:0-Führung ohnehin gewinnen würden.
Vor allem ein Spiel war besorgniserregend
Grosse Sorgen scheint das Deschamps-Vertreter Stephan aber nicht zu bereiten. Dennoch sagte er nach dem Spiel: «Es gab Momente, in denen es nicht so gut lief. Das müssen wir auch ausmerzen.» Schliesslich würden die Gegner im weiteren Verlauf des Turniers immer stärker.
Ein Blick auf die letzten Resultate zeigt, dass gewisse Sorgen nicht unberechtigt wären. Vor der WM verloren die Bleus ein Testspiel gegen die Elfenbeinküste 1:2, in diesem Jahr blieben sie in sieben Spielen nur gegen den Irak ohne Gegentor. Und in der WM-Qualifikation kassierten sie in vier Spielen gegen Aserbaidschan und Island vier Gegentore, wobei Frankreich immerhin gegen die Ukraine zweimal zu null spielte.
In besonders schlechter Erinnerung dürfte den Franzosen aber der Halbfinal der Nations League von vor einem Jahr sein: Damals unterlagen sie Spanien 4:5, lagen zwischenzeitlich 0:4 und 1:5 zurück. Das ist einer dieser Gegner, vor denen der eigentliche Assistenztrainer Guy Stéphan warnt.
Erst einmal geht es für Frankreich im Sechzehntelfinal aber ziemlich sicher gegen Schweden weiter. Im Achtelfinal droht dann ein Duell mit Deutschland. Spätestens da dürfte sich herausstellen, ob man das erste Wort im Satz «Vielleicht hat dieses Frankreich ja doch eine Schwachstelle …» streichen kann.
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