Noch kann die letzte Saison sogar getoppt werden. Dann nämlich, wenn GC (gegen St.Gallen) am Donnerstag mindestens einen Punkt mehr als Winterthur (gegen Sion) und mindestens so viele Zähler wie Yverdon (gegen Zürich) holt. Aber es kann auch ganz anders kommen. Im schlimmsten Fall steigt GC ab, im zweitschlimmsten kämpft man gegen Aarau in der Barrage um den letzten Super-League-Platz.
Erstaunlich ist nicht, dass GC in dieser Saison bis zuletzt um den Klassenerhalt kämpfen muss, sondern dass GC dies noch immer mit demselben Trainer tut, der im November Marco Schällibaum abgelöst hatte. Tomas wer? So wunderte man sich damals. Oral. Tomas Oral. Nie gehört? Nicht weiter schlimm. Sicher, er war mal Trainer in Leipzig. Aber zu einer Zeit, als der Klub noch in der Regionalliga Nord dümpelte. Später war er in Ingolstadt, Sandhausen und Karlsruhe tätig – ist jetzt auch nicht die ganz grosse Fussballwelt.
Egal. Oral ist nicht der einzige Unbekannte im GC-Umzug. Auch hinter den Namen von Stephan Schwarz (Sportchef), Harald Gärtner (Europa-Chef von GC-Besitzer Los Angeles FC) und Stacy Johns (Präsidentin) standen Fragezeichen. Und was die vier sonst noch gemein haben: Sie alle hatten kaum Kenntnis vom Schweizer Fussball, von der Schweizer Lebensart und von ihrem neuen Betätigungsfeld GC, als sie ihren Job aufnahmen, versprachen aber, in dieser Saison die Europacup-Plätze zu erreichen.
Bei so viel Unwissenheit ist es nur logisch, dass GC auch nach eineinhalb Jahren unter amerikanischer Flagge nicht wirklich das ist, was es gerne sein möchte: ein erfolgreicher Fussballklub. Noch im Februar klagte die Amerikanerin Stacy Johns bei einem Sportbusiness-Anlass in Hamburg, wie herausfordernd es gewesen sei, in Zürich Leute zu finden, die zuverlässig und vertrauensvoll seien. Zudem stellte sie ein «sehr altmodisches» Denken in Zürich und in der Schweiz generell fest und gestand, dass es schwierig sei, die Balance zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen zu finden – welcome.
Da wir ein anständiges und weltoffenes Volk sind, schlug trotz der vielen unbekannten Gesichter auf der GC-Kommandobrücke niemand Alarm. Was aber auch damit zusammenhängt, dass längst jeder hier weiss: Der erfolgreichste Fussballklub in der Geschichte des Landes ist ein Fass ohne Boden. Man hat sich damit abgefunden, dass für seriöse Schweizer Geschäftsleute ein GC-Engagement in etwa so lukrativ ist wie eine unterirdische Solaranlage. Also bleibt nur die Hoffnung auf reiche Idealisten – oder sind es Ahnungslose? – aus dem Ausland. Ob aus Schanghai oder Los Angeles, Hauptsache, sie halten den Klub über Wasser.
Mit Blick auf die Tabelle kann man den Amerikanern vorwerfen, zu knausrig zu sein. Aber immerhin haben sie im ersten Jahr 15 Millionen eingeschossen. Das reicht zwar, um das Defizit zu decken. Aber es ist zu wenig, um Wachstum zu garantieren. 15 Millionen für die Tonne – das ist die bittere GC-Realität.
Zurück zu Tomas Oral. Sein Start im November mit einem verunsicherten und orientierungslosen Team war überraschend gut. Von den ersten neun Meisterschaftsspielen gewann er zwar nur zwei, doch er verlor kein einziges. Zwischenzeitlich schien GC nichts mehr mit Klassenkampf zu tun zu haben. Doch Oral stagnierte. Und mit ihm die Mannschaft. Das Resultat: fussballerischer Rückschritt, auch weil Oral bis heute seine Formation noch immer nicht gefunden hat.
Trotzdem ist er noch immer im Amt. Und das erstaunt umso mehr, weil GC Anfang Mai den Sportchef Stephan Schwarz gegen Alain Sutter austauscht. Was selbst Oral etwas überrascht zu haben scheint. Nach der Rochade bemerkte er, dass in einer so kniffligen Situation, wie sie GC gerade erlebt, üblicherweise der Trainer gehen müsse.
Mit der Verpflichtung von Sutter macht Stacy Johns so etwas wie eine Rolle rückwärts. Eigentlich wollte sie das Rekordmeister-Etikett in die Mottenkiste legen. Doch Sutter ist ausgerechnet eines der vielen Gesichter des glorreichen Grasshopper Club Zürich.
Und wahrscheinlich haben sie bei GC schon realisiert, dass es ganz ohne Schweizer Background doch nicht geht. Allein deshalb ist Sutter wohl eine gute Wahl. Aber bei GC brennt es jetzt. Als Feuerwehrleute bezeichnet man im Fussball in der Regel Trainer, nicht Sportchefs, weil deren Fokus über das nächste Spiel hinausgeht.
Deshalb fragt man sich: Warum hält GC an Tomas Oral fest? Dessen Vertrag läuft zum Saisonende aus, und er wird wohl ahnen, dass er selbst im Fall eines Klassenerhalts kaum eine berufliche Zukunft in Zürich haben wird. In der Heimat der GC-Besitzer spricht man in einem solchen Fall von einer «lame duck», einer lahmen Ente.
Wenn es nicht gut kommt mit Oral, müssen sich Stacy Johns, Harald Gärtner sowie Alain Sutter den Fragen stellen, warum beim trudelnden GC auf den Effekt eines Trainerwechsels im Abstiegskampf verzichtet wurde. Vielleicht liegt die Wahrheit aber auch dort, dass Sutter gerne gewechselt hätte, aber sein Wunschkandidat keine sofortige Bereitschaft signalisierte.
Von Sommer 2018 bis Januar 2024 bildeten Sutter und Trainer Peter Zeidler phasenweise ein kongeniales Duo. Es würde also nicht verwundern und es hat in der Szene längst die Runde gemacht, dass Sutter seinen Trainer des Vertrauens zu den Hoppers locken will. Aber warum hat es bisher nicht funktioniert, obwohl Zeidler doch nach seinem Intermezzo in Bochum seit letztem Oktober wieder auf dem Markt ist?
Es gibt dafür eigentlich nur zwei plausible Erklärungen. Erstens: Zeidler will sich bei GC nicht die Finger verbrennen, weil er die Chancen auf eine Rettung eher gering einschätzt. Zweitens: Zeidler will sich noch nicht zu GC bekennen, weil er auf einen Job bei einem anderen Klub spekuliert.
Bei diesem anderen Klub könnte es sich um den FC Basel handeln. Laut unseren Informationen hat sich Zeidler im März, als die FCB-Führung an Fabio Celestini zu zweifeln begann, mit David Degen getroffen. Liegt ja irgendwie auch nahe. Schliesslich war Degens Zwillingsbruder Philipp jahrelang der Berater des 62-jährigen Deutschen. Gut möglich, dass Zeidler mit einer Zusage bei GC zuwartet, weil bis dato ein klares Bekenntnis zu einer weiteren gemeinsamen Zukunft sowohl von Celestini selbst als auch vom FC Basel fehlt.
Doch was passiert mit Zeidler, sollte das Bündnis zwischen Celestini und dem FCB aufgefrischt werden und GC absteigen? Käme dann ein Engagement bei den Hoppers für Zeidler überhaupt infrage? Menschen, die ihn gut kennen, sind sich in dieser Frage uneins.