Mexikos heimliche Waffe heisst «2240 Meter» – und wie Tuchels England reagieren könnte
Das Stadion Azteca in Mexiko-City liegt rund 2240 Meter über Meer – eine Höhe, in der der Sauerstoff spürbar knapper wird. Für Mexiko ist das ein gewaltiger Vorteil: Die Gastgeber haben drei der vier von ihren bisherigen WM-Spielen bereits dort ausgetragen und sind an die Bedingungen gewöhnt. England dagegen ist in den USA in Kansas City stationiert – die Stadt liegt nahezu 2000 Meter unter der Höhe des Stadions.
Genau das ist der Kern des Problems. Tuchel nannte es «unmöglich», sich in den nur drei bis vier Tagen bis zum Spiel physisch an die Höhe anzupassen. Anders als bei Hitze und Feuchtigkeit, auf die sich England im Trainingslager gezielt vorbereitet hat, lasse sich der Höhennachteil nicht wegtrainieren. Der Körper brauche dafür Wochen, nicht nur Tage.
Klarer Heimvorteil
Für Tuchel gibt es mit England nur schlechte Optionen für das Spiel. Wenn sie hoch pressen und auf Intensität setzen, könnten sie schnell ausser Atem sein. Wenn sie tief stehen und Kraft tanken, könnten die «Underdogs» offensiv zu gefährlichen Aktionen kommen. Ein bequemer Mittelweg existiert in der Höhe nicht.
Tuchel stellt klar, er wisse nicht, ob Anreise, Schlaf und Ruhe reibungslos verlaufen würden – trotzdem sei man bereit für die vielen Widerstände.
Angst vor Spionen
Die Höhe ist nicht Tuchels einzige Sorge. Statt früh nach Mexiko-Stadt zu reisen, blieb das Team um Thomas Tuchel nach dem Sieg gegen die DR Kongo zunächst in Kansas City. Ein Grund dafür ist laut britischen Medienberichten die Furcht vor Spionage: Tuchel soll fest entschlossen sein, seinen Matchplan bis zum Anpfiff geheim zu halten. In Kansas City werden die Einheiten von Polizei und Sicherheitsleuten abgeschirmt; ein früher Wechsel nach Mexiko hätte das Risiko erhöht, dass Gegner die Trainings ausspähen.
Die Ironie dabei: Genau diese Vorsicht kostet England wertvolle Zeit in der Höhe. Die Mannschaft landete erst zwei Tage vor dem Spiel in Mexiko-Stadt – ein Kompromiss zwischen Geheimhaltung und Akklimatisierung, der beide Probleme nur halb löst. Erschwerend kommt hinzu, dass die FIFA ab der K.o.-Phase ein öffentliches Abschlusstraining am Spielort vorschreibt, was die ideale «Last-Minute»-Anreise ohnehin verbietet.
Den eigenen Hotel-Standort wollte der englische Verband eigentlich geheim halten. Es kursierten sogar Gerüchte, man habe mehrere Hotels gebucht, um die Fans auf eine falsche Fährte zu locken. Funktioniert hat das nicht: Als die Mannschaft eintraf, war das Hotel bereits belagert, und die «Three Lions» wurden mit Buhrufen empfangen. Damit die Spieler trotzdem zu Schlaf kommen, versorgten die Betreuer sie mit natürlichen Schlafhilfen, Ohrstöpseln und White-Noise-Geräten, die den Strassenlärm mit einem gleichmässigen Rauschen übertönen sollen.
4 Wege, wie England mit der Höhe umgehen könnte
Wenn Anpassung in vier Tagen unmöglich ist – was bleibt England dann? Der Sportwissenschaftler Alan McCall, der über zwanzig Jahre Erfahrung im Spitzenfussball mitbringt, hat für «The Athletic» die vier gängigen Strategien aufgelistet, mit denen Teams der Höhe begegnen. Die klassische lautet «live high, train high»: früh anreisen, in der Höhe wohnen und trainieren, bis sich der Körper daran gewöhnt. Die FIFA empfiehlt dafür ein bis zwei Wochen – Zeit, die England definitiv nicht hat.
Als Goldstandard gilt «live high, train low»: in der Höhe schlafen, im Flachland trainieren. Studien zeigen, dass 10 bis 14 Tage die Hämoglobinmasse um bis zu vier Prozent steigern können. Das Problem ist, die Logistik richtig hinzukriegen, denn man braucht die Möglichkeit, ein hochgelegenes Hotel zu haben oder Sauerstoffkammern – Dinge, die sich die englische Nationalmannschaft sicherlich leisten könnte, die Zeit dafür hat sie aber nicht. Die gängigste Variante ist deshalb «live low, train high»: auf normaler Höhe schlafen, aber gezielt in der Höhe trainieren.
Und nun die realistischste Option für die Engländer – «get in, get out»: möglichst spät anreisen, spielen und sofort wieder weg. Manche raten zu einem oder zwei Tagen Vorlauf und einer Trainingseinheit, um wenigstens ein Gefühl für Ball und Höhe zu bekommen. Kein Spieler soll die Höhe zum ersten Mal beim Anpfiff erleben.
Klar ist: Im Aztekenstadion trifft England nicht nur auf einen Gastgeber, sondern auf einen Ort, der es in sich hat. Ein sehr harter Gegner wartet in diesem Achtelfinal auf die Engländer und ihre Wonderwall. Tuchels Team dürfte sicherlich gut vorbereitet sein, denn das Szenario als Gruppensieger hat es sich garantiert als Ziel gesetzt – der Spielplan (mit Spielort) ist bereits seit Dezember klar.
