Zidane übernimmt für Deschamps: Eine Ablösung mit Nebengeräuschen
Es gibt keine bedeutendere Fussball-Ikone in Frankreich als Zinédine Zidane. Selbst wenn einige ältere Fans von Michel Platini oder sogar Raymond Kopa schwärmen und jüngere die Torquote von Kylian Mbappé ins Feld führen, so herrscht doch einigermassen Einigkeit darüber, dass es keinen brillanteren französischen Fussballer als Zidane gegeben hat. Keiner konnte oder kann mit einer einzigen Ballberührung so verzaubern wie der heute 54-jährige ehemalige Spielmacher.
Die paar Momente, in denen das Genie dem Wahnsinn wich, wie im WM-Final 2006 wurden ihm nie ernsthaft zur Last gelegt. Zinédine Zidane wird trotz Kopfstoss im Berliner Olympiastadion gegen Marco Materazzi und insgesamt 13 Roten Karten in Frankreich geliebt – und nicht nur respektiert wie sein Vorgänger. Gut möglich, dass Didier Deschamps noch im Amt wäre, wenn Zidane nicht wie ein Schatten über den letzten Jahren der Amtszeit von Deschamps gelegen hätte.
Das Kreuzfeuer der Kritik
Anfang 2025 entschied sich Deschamps bekannt zu geben, dass er den Posten des «Sélectionneur» nach der WM 2026 aufgeben werde. «Ich habe mich zum Wohl der Nationalmannschaft dazu entschieden», erklärte der 58-Jährige vor einigen Tagen. «Ich habe das nicht für mich gemacht, sondern weil das Umfeld rund um das Team nicht mehr auszuhalten war.» Trotz der Erfolge – WM-Titel 2018, WM-Final 2022 und EM-Final 2016 – nahm die Kritik an Deschamps riesige Ausmasse an. Der Trainer sah seine Person als Belastung für die Mannschaft.
Nach der gewonnenen Weltmeisterschaft 2018 wäre bei jedem Turnier für die Mehrzahl der Experten und Fans nur der Titel gut genug gewesen. Nach jeder Endrunde wurde die als zu defensiv angesehene Spielweise kritisiert. An vorderster Front der Kritiker stand mit Christoph Dugarry ausgerechnet ein enger Freunde von Zidane. Nach dem Out im WM-Halbfinal gegen Spanien sagte der frühere Stürmer und Weltmeister von 1998: «Das war keine Niederlage, es war eine Blamage.»
Zur langjährigen Amtszeit seines früheren Teamkollegen meinte Dugarry: «Seit 14 Jahren langweilen wir uns zu Tode. Man sagt uns, dass Deschamps der beste Nationalcoach aller Zeiten sei, und wir mit ihm gewinnen. Aber was gewinnen wir? Alles ist ein Bluff. Von sieben Endrunden mit einer fantastischen Spielergeneration haben wir nur eine gewonnen.»
Dugarry, der seit Jahren für TV und Radio als Experte auftritt, fuhr seine Angriffe seit Jahren besonders heftig, war aber nicht der Einzige, der die Amtszeit von Deschamps kritisch bewertete. Viele störten sich an der wenig spektakulären Spielweise von Deschamps in den 14 Jahren seiner Amtszeit und finden, dass ein Titel angesichts der individuellen Klasse der Mannschaft zu wenig ist.
Der Einfluss der Weltmeister von 1998
Wie viel Politik und Einflussnahme hinter dem halb erzwungenen Rücktritt von Deschamps steckt, wird womöglich nie bekannt. Der abgetretene Nationaltrainer wird sich dazu nicht äussern, wenn er sich an das selbst auferlegte Schweigen zu allem rund um die «Equipe Tricolore» hält. Er werde nur noch ein stiller Beobachter sein, versprach Deschamps nach der WM.
Dass zwischen den Weltmeistern von 1998, die sich immer noch für Benefizspiele treffen und als Trainer, Experten oder Werbeträger öffentlich weiterhin sehr präsent sind, kleine Gräben aufgetan haben, ist bekannt. Deschamps wurde von einigen damaligen Mitspielern übel genommen, wie er 2012 zum Nationalcoach aufstiegen war. Er soll sich mit dem damaligen Verbandspräsidenten Noël Le Graët, dem er freundschaftlich verbunden ist, schon einig gewesen sein, bevor sein Vorgänger Laurent Blanc gescheitert war.
Später stand Le Graët immer schützend vor Deschamps, was ihm 2023 zum Verhängnis wurde. Die Aussage in einem Radiointerview, er würde nicht mal ans Telefon gehen, wenn Zidane ihn anrufen würde, und es sei ihm egal, wo dieser als nächstes trainiere, löste einen Sturm der Entrüstung aus. Kylian Mbappé nannte die Aussage respektlos. Le Graëts Entschuldigung half nichts mehr: Einige Wochen später musste er für den aktuellen Präsidenten Philippe Diallo Platz machen, der in den letzten Wochen den Vertrag mit Zidane ausgehandelt hat.
Die grossen Erwartungen
Zidanes Ruf hat nie Schaden genommen. Weder wurde er mit den Machtkämpfen in Verbindung gebracht, noch wurde ihm angelastet, dass er sich – wenn auch passiv, so doch beharrlich – um die Nachfolge von Deschamps bemüht hat. Seit 2012 ist bekannt, dass er den Posten im Visier hat. Seit 2021 hat er nicht mehr als Trainer gearbeitet, obwohl er mit der Referenz von drei Champions-League-Titeln als Coach von Real Madrid genügend interessante Angebote zur Auswahl gehabt hätte.
Zidane stand fast immer bereit für die Nachfolge von Deschamps. Die Zusicherung für den Posten dürfte er schon seit geraumer Zeit haben, selbst wenn der bis 2030 gültige Vertrag erst vor einigen Tagen unterschrieben wurde. Ganz Frankreich hat sich schliesslich Zidane als Nationalcoach gewünscht. Der ehemalige Offensivkünstler ersetzt seinen früheren Arbeiter und Zuspieler Didier Deschamps. Eine klare Aufwertung mit Erfolgsgarantie – darüber herrscht bis auf Weiteres einigermassen Einigkeit. (riz/sda)
