Yakins Laptop-Armada – wie die drei Analysten der Schweizer Nati arbeiten
Wohin läuft Tajon Buchanan bei der Angriffsauslösung? Für welchen Stellungsfehler ist Tarik Muharemovic anfällig? Und welchen Trick zeigt Yusuf Abdurisag besonders gerne?
Mit solchen Fragen haben sich Kevin Ehmes, Adnan Alicajic und Julian Lauer in den vergangenen Wochen und Monaten intensiv auseinandergesetzt. Sie haben Daten ausgewertet, Hintergrundinformationen recherchiert und unzählige Videos angeschaut, um das Schweizer Nationalteam auf seine WM-Gegner vorzubereiten.
Zu jedem einzelnen der 26 Spieler in den Kadern von Katar, Bosnien-Herzegowina und Kanada haben sie Videos mit dessen Stärken und Schwächen erstellt – selbst zu den dritten Goalies. Auch wenn jemand kaum zum Einsatz kommen dürfte, sammeln die Schweizer Matchanalysten Informationen über ihn und fassen diese zusammen. Die Videos dauern bei Ergänzungsspielern eher ein bis zwei Minuten, bei Leistungsträgern drei bis vier.
«Ob die Spieler dann auch wirklich alles anschauen, ist eine andere Frage», sagt Ehmes. Einige von ihnen schnappen sich die Tablets mit den entsprechenden Videos und schauen sie auf dem Spinning-Bike an. «Manchmal, wenn es uns besonders wichtig erscheint, gehen wir aber auch gezielt auf bestimmte Spieler zu und weisen sie auf unsere Beobachtungen hin.»
Weniger Reisen nötig
Je unbekannter der Gegner, desto gefragter sind die Analysen. Gerade jetzt, da das Duell mit Katar ansteht, zeigen sich die Schweizer Nationalspieler besonders interessiert.
Kevin Ehmes arbeitet seit 2016 beim Schweizer Fussballverband (SFV). Unter Trainer Murat Yakin stieg der heute 34-Jährige zum Chefanalysten mit eigener Stabsstelle auf. Adnan Alicajic und Julian Lauer stiessen für diese WM zum Team. Alicajic war zuvor bereits beim SFV tätig und unter anderem für die Matchanalysen an der Frauen-EM 2025 verantwortlich. Lauer arbeitete früher schon mit Ehmes zusammen und war zuletzt Assistent von Sandro Wagner beim FC Augsburg.
Für die WM haben sie sich die Arbeit aufgeteilt: Ehmes übernahm die Analyse des katarischen Nationalteams, Alicajic widmete sich auch aufgrund seiner dortigen Wurzeln Bosnien und Lauer konzentrierte sich auf Kanada. Ein Analyst pro Gruppengegner. Der Zeitaufwand dafür lasse sich nur schwer in Stunden beziffern, hält Ehmes fest. «In der Qualifikation haben wir definiert, dass wir uns fünf bis sieben Tage pro Gegner nehmen.»
Auch im Training stets dabei
Dabei arbeiten sie mehrheitlich für sich im Büro. Aufgrund der inzwischen grossen Menge an verfügbaren Daten und Videomaterial braucht es nicht mehr so viele aufwendige Reisen wie zu den Anfangszeiten von Ehmes, als er für die Gegneranalyse gleich zweimal auf die Färöer flog. Bei unbekannten Gegnern wie Katar wurden aber dennoch Testspiele vor Ort besucht.
Während der Endrunde bleiben Ehmes, Alicajic und Lauer jedoch stets beim Schweizer Nationalteam. Denn ihre Arbeit dreht sich nicht nur um die gegnerische, sondern auch um die eigene Analyse. Sie filmen die Trainings und stellen die Aufnahmen den Spielern ebenfalls zur Verfügung.
Diese Videos interessierten die Spieler oft sogar mehr als jene zum Gegner, erklärt Lauer. «Sie bekommen zuerst theoretische Vorschläge, wie sie den Gegner bespielen können. Anschliessend werden sie im Training genau in solche Situationen versetzt.» Indem sie sich das danach nochmals anschauen können, erhalten sie quasi ein weiteres Feedback.
28 mögliche Gegner in der ersten K.o.-Runde
Gleichzeitig sammeln die drei Analysten Daten zu den möglichen Gegnern im Sechzehntelfinal. Dies sind aufgrund der Turniervergrösserung und des neuen Modus nicht weniger als 28 potenzielle Teams. Ein riesiger Aufwand. Deshalb nehmen Ehmes und Co. auch die Hilfe von daheimgebliebenen Verbandskollegen in Anspruch.
Murat Yakin schätzt die Arbeit der Analysten sehr. Anders als noch unter Vorgänger Vladimir Petkovic sitzt Ehmes während der Spiele sogar mit den Coaches auf der Bank. Dabei steht er weiterhin mit Alicajic und Lauer in Kontakt, die ihre Inputs von der Tribüne aus liefern. Mitunter ist er dabei so sehr in die Analyse einer bestimmten Spielsituation vertieft, dass er sogar den Torjubel vergisst.
Der Zufall entscheidet mit, ob alles für die Katz' war
Solch eingehende Auswertungen sind aber nicht überall gleich gefragt. Kritiker heben gerne hervor, dass im Fussball noch immer der Zufall – oder auch das im Sport berühmte Momentum – eine zentrale Rolle spiele. Ein abgefälschter Schuss, ein früher Platzverweis oder ein individueller Geistesblitz können schliesslich jede noch so sorgfältige Vorbereitung innert Sekunden über den Haufen werfen.
Auch Ehmes, Alicajic und Lauer beschäftigt die Frage nach ihrem Einfluss auf den Erfolg immer wieder. Der Limiten ihres Wirkens seien sie sich bewusst, sagt Ehmes. «Wir versuchen, die Dinge bestmöglich vorzubereiten, damit die Erfolgswahrscheinlichkeit maximiert wird. Am Ende liegt aber alles in den Füssen der Spieler auf dem Platz.»
Sie arbeiten im Hintergrund, damit die Schweizer beim WM-Auftakt am Samstag möglichst wenige Überraschungen erleben.
- Dieser Schiri pfeift Schweizer Auftaktspiel +++ England gewinnt letzten Test
- Nach Pfiffen in New York: Trump soll WM-Auftakt der USA sausen lassen
- Infantino lobt sich selbst: «Hätte die Iraner persönlich per Bus an die WM gefahren»
- Wir haben die WM 1000 Mal durchgespielt – das ist der wahrscheinlichste Weltmeister
