Wie die Nati ihre Schwäche bei Standards anpackt
Man kennt ihn in erster Linie als detailversessenen Goalietrainer. Doch intern wird Patrick Foletti im Schweizer Nationalteam inzwischen auch «Mister Standards» genannt.
Wer die WM-Spiele aufmerksam verfolgt hat, sah den 52-Jährigen bei Cornern und Freistössen an der Seitenlinie aufspringen, um Kommandos auf den Platz zu schreien. «Aber lasst euch davon nicht blenden», wiegelt «Fox» an der Pressekonferenz in San Diego sofort ab. Er sei nur eine Person eines ganzen Teams im Hintergrund.
Viel Arbeit vor dem Bildschirm
Tatsächlich ist die Vorbereitung auf ruhende Bälle im Schweizer Lager eine Wissenschaft für sich. Alles beginnt bei den Videoanalysten, die vor jedem Gegner eine «Playlist» mit 150 bis 200 Clips von Cornern und seitlichen Freistössen erstellen. Foletti sichtet das Material und sucht nach Mustern im Offensivspiel des Gegners, während Assistenztrainer Davide Callà dessen Defensivverhalten seziert.
Sie filtern die fünf bis sieben wichtigsten Szenen heraus und besprechen diese nochmals mit Analyst Adnan Alicajic. «Am Schluss entsteht ein Endprodukt: So wollen wir Standards verteidigen, so wollen wir mit ihnen angreifen», erklärt Foletti. Dieses Konzept wird Cheftrainer Murat Yakin vorgelegt, der das letzte Wort hat. So weit die Theorie.
19 Corner, null Ertrag
In der Praxis sieht die Bilanz an dieser WM-Endrunde ernüchternd aus. 19 Corner durfte die Schweiz bereits treten, der Ertrag liegt bei null. Die gefährlichste Szene auf einen ruhenden Ball war ein abgefälschter Freistoss von Dan Ndoye gegen Bosnien-Herzegowina, der jedoch ebenfalls nicht im Tor landete. Dagegen mussten die Schweizer bereits einmal nach einer Ecke einen Treffer hinnehmen.
Dennoch zieht Foletti für die Defensive ein positives Zwischenfazit: «Wir haben gegen Teams gespielt, die bei Standards extrem stark und variabel sind. Da haben wir uns gut gewehrt, die Organisation stimmt.»
Schlechte Flanken
Das Sorgenkind bleibt die Offensive. Dort sieht Foletti nicht die Taktik als Problem, sondern die Ausführung: «Die Abläufe im Strafraum sind in Ordnung. Aber unsere Flanken sind schlicht nicht präzise genug. Dort haben wir klar noch Potenzial nach oben.»
Es ist klar: Stimmt die Hereingabe nicht, bringt jeder noch so clevere Laufweg nichts. Die Kritik dürfte vor allem die Corner-Schützen Ruben Vargas, Michel Aebischer oder Fabian Rieder treffen. Wobei sich das Trainerteam natürlich ebenfalls hinterfragen muss.
Ein mentales Problem
Dabei hatte die Nationalmannschaft zu Beginn der WM-Qualifikation bewiesen, dass sie es könnte. Gegen Kosovo und Slowenien traf die Schweiz dreimal nach Cornern. Seither herrscht jedoch Ladehemmung: In den letzten elf Länderspielen blieben die Schweizer ohne Tor aus Standards, Penaltys ausgenommen.
Für Foletti ist das keine Frage des gegnerischen Scoutings, sondern vor allem Kopfsache. «Es ist eine Frage der Mentalität. Wir müssen den Spielern wieder bewusst machen, dass Standards gerade an einem solchen Turnier enge Spiele entscheiden können.»
Um ruhenden Bällen das nötige Gewicht zu geben, werden sie nicht mehr wie früher am Ende eines Trainings besprochen, wenn die Konzentration oft schon etwas nachlässt. Stattdessen werden sowohl im Theorieraum als auch auf dem Rasen eigene Zeitfenster dafür reserviert.
Flache Hierarchien machen es möglich
Dass der Goalietrainer nun auch bei den Standards mitredet, ist das Resultat einer langen Entwicklung. Bereits unter Ottmar Hitzfeld und Vladimir Petkovic instruierte Foletti die Einwechselspieler vor dem Betreten des Rasens über ihre Positionen bei Standards. Das zeigt auch, wie lange «Fox» schon im Nationalteam tätig ist. 15 Jahre sind es inzwischen.
Er sei schon immer einer gewesen, der «global und ganzheitlich» denke und seine Meinung nicht zurückhalte, sagt der Tessiner. «Und mit Murat Yakin haben wir nun einen Chef, der auf flache Hierarchien setzt.» Der Nationaltrainer lege Wert darauf, verschiedene Ansichten einzuholen. Das ermögliche es, auch ausserhalb ihrer eigentlichen Kernkompetenz Verantwortung zu übernehmen.
Ob die Schweiz wie andere Nationalteams dereinst einen exklusiven Standard-Spezialisten engagiert, kann Foletti nicht abschätzen. Das sei auch eine Ressourcenfrage. «Ich denke aber, dass wir mit unseren Analysten, Davide, Muri und mir genügend Kompetenz haben, um diese Thematik mehr als anständig anzugehen.» Der Beweis in Form von Toren soll nun noch folgen.
