Trotz Impf-Bschiss: Xhaka-Comeback in der Nati so gut wie sicher
Die Schweizer Nati ohne Granit Xhaka? Eigentlich unvorstellbar! Zumindest für jene, die sich seit 2011 ernsthaft mit dem Team beschäftigen: Damals feierte Xhaka im Londoner Wembley-Stadion sein Debüt und stand seither in 87 Prozent der Länderspiele auf dem Platz, genau gesagt in 152 von 175. Eine sensationelle Quote über diese lange Zeit – und Sinnbild von Xhakas Konstanz auf allerhöchstem Niveau. Der 33-Jährige ist das Gesicht der erfolgreichsten zwei Jahrzehnte in der Geschichte der Schweizer Fussballnati.
Doch die Zeit ohne Granit Xhaka wird kommen. Frühestens nach der EM 2028, so lautete der Plan bis vor einer Woche. Ehe Strafermittlungen gegen Xhaka publik wurden und er nach anfänglichem Abstreiten zugab: Ja, ich habe mir 2022 auf illegalem Weg ein Covid-Zertifikat beschafft. Als Reaktion verzichtet er auf die anstehenden vier Nations-League-Spiele mit der Nati. Verbunden mit der Frage: Kehrt Xhaka danach wieder zurück?
Xhaka-Rückkehr nur als Captain vorstellbar
Gemäss Informationen von «Schweiz heute» aus Verbandskreisen und dem Umfeld des Spielers ist der Wille aller Parteien der gleiche: Ja, Xhaka kehrt bei nächstbester Gelegenheit zur Nati zurück. Als Captain. Eine andere Rolle ist bei seiner Machtfülle innerhalb des Teams nicht vorstellbar.
Bedeutendstes Indiz dafür sind die Voten von Verbandsseite: Trainer Murat Yakin nennt Xhakas Verzicht auf die anstehenden vier Nations-League-Spiele einen Akt der Reflexion: «Er ist klar, denkt und handelt zum Wohle des Teams. Das schätze ich sehr.»
SFV-Präsident Peter Knäbel lobte Xhaka dafür, dass dieser «wie ein Captain» gehandelt habe. Für den Ende Jahr aus dem Amt scheidenden Nati-Direktor Pierluigi Tami ist der «Impf-Bschiss» Privatsache. Genauso wie die Solidaritätsbekundung Xhakas mit dem früheren kosovarischen Ministerpräsidenten Hashim Thaci, der wegen Kriegsverbrechen zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde.
Man hat ganz offensichtlich kein Interesse an einer Nati ohne Captain Granit Xhaka. Weil man auf ihn angewiesen ist: Xhaka hat auch mit 33 nichts von seiner Dominanz und Spielstärke verloren, zählt zu den besten Mittelfeldspielern der besten Liga der Welt (Premier League). Mit ihm sind die Chancen auf weitere Turnierteilnahmen und somit überlebenswichtige Millioneneinnahmen grösser als ohne ihn.
Und: Xhaka ist innerhalb der Nati der unangefochtene und von allen geachtete Anführer. Der Support der in der Machtpyramide unter ihm stehenden Manuel Akanji, Breel Embolo, Remo Freuler und Ricardo Rodriguez ist ihm gewiss. Würde der Verband Xhaka ausbooten, wären wohl auch seine Kumpels mehr als nur verstimmt.
Das Problem von Ardon Jashari
Die vier Partien gegen Nordmazedonien (2), Schottland und Slowenien stehen also unter dem Motto «Schadensbegrenzung» statt «neue Realität». Wie stelle ich das Team auf, damit es auch ohne Xhaka Spiele gewinnen kann? Diese Frage stellte sich in den vergangenen Tagen Murat Yakin. Zur Erinnerung: Die Nations League hat an Bedeutung gewonnen – mit einem guten Abschneiden winkt der Nati eine bessere Ausgangslage in den nächstes Jahr stattfindenden Qualifikationsspielen für die EM 2028.
Die Captainbinde wird während Xhakas Abwesenheit Manuel Akanji tragen. Der 31-Jährige ist Kraft seines Alters, seiner Karrierebilanz (u.a. Champions-League-Sieger mit Manchester City) und seiner Klasse der logische Stellvertreter. Sollte aus irgendeinem Grund auch Akanji nicht spielen können, stehen Breel Embolo und Ricardo Rodriguez als weitere Captain-Alternativen bereit.
Die wirklich spannende Frage indes ist: Wie ersetzt Yakin seinen wichtigsten Spieler sportlich? Die logische Variante ist Ardon Jashari, der seit mehreren Jahren als Kronprinz Xhakas gilt: Weil die beiden punkto Position, Spielstil und Führungsanspruch quasi deckungsgleich sind, ist Jashari in der Nati bislang nur Mitläufer. Zwei Dirigenten sind einer zu viel – Xhakas idealer Nebenmann ist darum seit Jahren Dauerläufer Remo Freuler.
Gegen den 24-jährigen Jashari spricht: Er kommt seit seinem Wechsel zur grossen AC Milan vor einem Jahr auch im Klub nicht über die Rolle des Edelreservisten hinaus. Altmeister Luka Modric (41) wird ihn bevorzugen. In den drei vergangenen Ligaspielen stand Jashari insgesamt acht Minuten auf dem Platz. Ein Ersatzspieler als zentrale Figur im Nati-Gebilde? Schwierig – wird sich auch Murat Yakin denken.
Der Nati-Trainer könnte vom System mit einem Spielmacher, über den jeder Angriff läuft, wegkommen und die Aufgaben verteilen: Auf ein Dreiermittelfeld mit Freuler, Michel Aebischer und Djibril Sow. Letztere zwei schätzt Yakin für ihre Variabilität und spielerische Cleverness. An der WM hatten sie wichtigere Rollen, als ihnen im Vorfeld zugeschrieben wurden.
Eine überraschende Variante, aber einen Versuch wert wäre Fabian Rieder: In Augsburg trägt der ehemalige YB-Profi neuerdings die Captainbinde und besetzt die wichtige Position im zentralen defensiven Mittelfeld. Auch Yakin hat schon einmal aus einem offensiven Mittelfeldspieler einen Ballverteiler gemacht: Seine erste Amtshandlung vor 14 Jahren als Trainer beim FC Basel war die Rückversetzung von Fabian Frei, der fortan auf der Sechserposition seine wahre Bestimmung fand.
Apropos Fabian Frei: Ihn hat Yakin aus dem Hut gezaubert, als Granit Xhaka den kompletten Nati-Herbst 2021 wegen eines positiven Corona-Tests und einer Knieverletzung verpasste. Resultat: Die Schweiz liess den amtierenden Europameister Italien hinter sich und löste als Gruppensieger das Direktticket für die WM 2022. Findet Yakin auch dieses Mal die richtige Lösung? (schweizheute.ch)
