Zu spät, zu unklar: Der SFV überlässt der Frauen-Nati die Last vor dem Israel-Spiel
Am Freitag spielen die Schweizer Fussballerinnen in Ungarn gegen Israel um einen wichtigen Schritt Richtung WM. Doch statt über Fussball wird über einen möglichen Boykott gesprochen. Dass diese Debatte ausgerechnet drei Tage vor dem Spiel geführt wird, hat sich der Schweizerische Fussballverband selbst zuzuschreiben. Er hat es versäumt, rechtzeitig eine klare Haltung festzulegen.
Doch von vorne. Spätestens letzte Woche hätten die Fussballfunktionäre begreifen müssen, wie aufgeladen eine Begegnung mit Israel sein kann – dass auch politische Fragen auftauchen können. Die beiden Spiele in der Nations League zwischen Irland, das eine stark pro-palästinensische Haltung hat, und Israel eskalierten.
Trauerflor und Völkermord-Vorwurf
Im Hinspiel senkten die Iren während der israelischen Hymne den Kopf, sie trugen schwarzen Trauerflor und verzichteten demonstrativ auf den Handschlag mit den Gegenspielern. Vor dem Rückspiel letzte Woche musste eine Pressekonferenz abgebrochen werden. Der irische Trainer kritisierte das Vorgehen Israels im Gazastreifen als Völkermord.
Der Schweizerische Fussballverband war auf politische Fragen nicht vorbereitet. Am Montag hatte Johan Djourou, der technische Leiter der Frauen-Nati, erklärt, dass der Verband einen individuellen Boykott von Spielerinnen akzeptieren würde.
Am Dienstag kam die Relativierung. Bis jetzt habe noch keine Spielerin diesen Wunsch geäussert, heisst es nun vom SFV. Es sei immer geplant gewesen, dass gespielt werde. Zudem wünsche der Verband, dass auf dem Platz keine Aktionen durchgeführt werden; die Spielerinnen keine Zeichen auf dem Platz setzen. Eine späte Klarstellung.
Erst am Montagabend diskutierte der Verband mit dem Captain-Team um Lia Wälti, Géraldine Reuteler, Ana-Maria Crnogorcevic und Noelle Maritz die politischen Fragen. «Es war konstruktiv», sagt Maritz über das Gespräch. Die angesprochenen Fragen sollen noch mit dem gesamten Team besprochen werden.
Befremdlich bleibt, dass der Verband einen individuellen Boykott überhaupt öffentlich als Möglichkeit in den Raum gestellt hat. Nationalspielerinnen treten nicht gegen die israelische Regierung an, sondern gegen israelische Fussballerinnen. Wer staatliches Handeln mit einem sportlichen Boykott beantworten will, muss zudem erklären, nach welchen Kriterien dieser Massstab gelten soll – und weshalb er bei Israel angewendet wird, bei anderen Staaten aber nicht. Über Ausschlüsse von Nationalteams sollten deshalb die zuständigen Verbände entscheiden und nicht einzelne Spielerinnen. Sonst wird aus einer sportlichen Begegnung zwangsläufig ein politischer Gesinnungstest.
Warum weicht der SFV ausgerechnet am Jahrestag von seiner Haltung ab?
Ein Boykott auch einer Einzelspielerin fällt auf die Schweiz und den Verband zurück. Dieser vertritt gerne die Haltung, Politik und Sport hätten nichts miteinander zu tun. Weshalb weicht man nun im Gaza-Israel-Konflikt von dieser Haltung ab? Weshalb gerade gegen Israel und das just in Spielen, die unmittelbar nach dem dritten Jahrestags des Terrorangriffs der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023 stattfinden? Dem schwersten Massaker an Jüdinnen und Juden seit dem Ende des Holocausts.
Die politische Brisanz dieser Partie hat der SFV nicht geschaffen. Aber der öffentlich erkennbare Klärungsprozess kommt zu spät. Während sich die Nationalspielerinnen unmittelbar vor dem Spiel mit der Frage nach ihrer Haltung beschäftigen, hätte der Verband längst den Umgang mit dem Thema vorbereiten müssen. Seit der Playoff-Auslosung am 18. Juni weiss der SFV, dass es gegen Israel geht. Ein früherer Austausch mit den Führungsspielerinnen, etwa per Videocall, wäre naheliegend gewesen, um bereits vor dem Nati-Camp eine klare Haltung vertreten zu können.
Russland-Spiel lehnte SFV ab, Israel-Spiel nicht
Dass der SFV in politisch brisanten Situationen Position beziehen kann, zeigte sein Entscheid vom 28. Februar 2022. Damals verurteilte er den russischen Angriff auf die Ukraine und erklärte, bis auf Weiteres nicht gegen russische Nationalteams anzutreten. Das betraf auch das vorgesehene EM-Gruppenspiel der Schweizerinnen gegen Russland. Die UEFA schloss Russland später aus, Portugal rückte an die Endrunde nach.
Auf das damalige Vorgehen angesprochen, verweist Nati-Spielerin Maritz am Dienstag auf den europäischen Fussballverband: «Es muss von der UEFA kommen.» Der Vergleich hat allerdings Grenzen: Die Konflikte sind nicht gleichzusetzen. Auch der Wunsch des SFV, sich auf die wichtige WM-Qualifikation zu konzentrieren, ist nachvollziehbar.
Spielerinnen ziehen auf Instagram ihre Likes zurück
Dass sich die politische Debatte nicht mit dem Verweis auf den Fussball erledigen lässt, zeigt derweil ein offener Brief von Noa Schärz. Die Schweizer Meisterin mit den YB-Frauen und zweifache Nationalspielerin hat sich an den SFV gewandt und fordert einen Boykott oder zumindest ein politisches Zeichen. Mehrere Nationalspielerinnen liken den Beitrag zunächst auf Instagram, ziehen ihr Like aber wieder zurück.
Der SFV hätte seine Linie längst mit den Spielerinnen klären und öffentlich vertreten müssen. Wer von ihnen volle Konzentration auf den Fussball erwartet, darf ihnen nicht kurz vor dem Anpfiff die politische Last zuschieben. (car/schweizheute.ch)

