Alles, was Trump anrührt, wird zu Dreck
Entgegen allen Erwartungen waren die Weltmeisterschaften in den USA ein freudiges Fest. Trotz horrender Preise für Eintritts- und Bahntickets und trotz brütender Hitze geniessen Hunderttausende die Spiele und sogar das amerikanische Junkfood. Die Ranch-Sauce, eine Mischung aus Buttermilch, Halbrahm, Mayonnaise und verschiedenen Gewürzen, ist der kulinarische Hit der WM geworden.
Auftritt Donald Trump. Er kann zwar einen Tennis- nicht von einem Fussball unterscheiden, aber der krankhafte Narzisst kann es nicht ertragen, wenn er nicht im Rampenlicht steht. Deshalb nahm er eine Entscheidung des VARs – eine Entscheidung, über die man geteilter Meinung sein kann – gegen Folarin Balogun, den Star des amerikanischen Teams, zum Anlass, bei der FIFA ein Pardon zu ertrotzen.
Obwohl eine Rote Karte automatisch mindestens die Sperrung für eines der nachfolgenden Spiele mit sich bringt, durfte Balogun gegen Belgien ran. Dass die Amerikaner schliesslich mit 1:4 unterlagen, wurde zur Nebensache. Der offensichtliche Verstoss gegen die Regeln schockiert die Fussballgemeinde weltweit.
Noch mehr Entrüstung riefen die Statements des Weissen Hauses und der FIFA hervor. Trump, der offensichtlich keine Ahnung von den Regeln des Fussballs hat, beklagte sich, es sei unfair, dass ein Spieler für ein kommendes Spiel gesperrt werde. FIFA-Präsident Gianni Infantino entblödete sich sogar nicht, zu behaupten, Trump habe rein gar nichts mit der Revision des Urteils gegen Balogun zu tun. Die präsidiale Erpressung und das jämmerliche Verhalten der FIFA werden einen hässlichen Flecken auf der bis anhin blütenreinen amerikanischen WM-Weste hinterlassen.
Der US-Präsident wird derweil zu einem umgekehrten König Midas. Für alle, die im Geschichtsunterricht einen Fensterplatz hatten: Besagter König ist eine Figur aus der griechischen Mythologie. Er war derart geldgierig, dass die Götter ihn damit bestraften, dass alles, was er anfasste, zu Gold wurde und er schliesslich jämmerlich verhungerte.
Bei Trump wird alles zu Dreck: Sei es das Weisse Haus, das er mit Gold vollkommen zugekleistert hat, sei es der Ostflügel, den er abgerissen hat und durch einen gigantischen Ballroom ersetzen will, sei es der Rasen vor dem Weissen Haus, den er zubetonieren und auf dem er zeitweise einen Kampfkäfig errichten liess, sei es der Reflecting Pool, den er in einen grünen Algenschlamm verwandelte, oder sei es der geplante Triumphbogen, dessen einzige Qualität darin besteht, dass er die Sicht auf den Heldenfriedhof in Arlington verstellt.
Dass Trump schliesslich auch die 250-Jahr-Feier zu einem Schmierentheater im Dienste seiner Person verkommen liess, sei bloss am Rande erwähnt.
Politisch läuft Trump im zweiten Amtsjahr nichts mehr nach Plan. Der Irankrieg ist ein Debakel, die Erschwinglichkeitskrise ungelöst, die Umfragewerte auf einem historischen Tief. All dies wäre Anlass für wenigstens ein bisschen Schadenfreude, doch mit Betonung auf dem Konjunktiv. Trumps geradezu unheimliches Talent, alles in Dreck zu verwandeln, kann für den Weltfrieden zur grössten Gefahr werden.
Heute beginnt in der Türkei der Nato-Gipfel. Schon im Vorfeld gab es Anzeichen, welche die Alarmglocken schrillen lassen. Am Samstag sprach Trump 90 Minuten lang am Telefon mit Wladimir Putin. Über den Inhalt dieses Gesprächs ist nichts bekannt geworden, doch aus leidvoller Erfahrung wissen wir: Sprechen die beiden miteinander, kommt es nicht gut.
Trump hat auch seinen Kleinkrieg gegen Giorgia Meloni, die Premierministerin Italiens, wieder aufgenommen. Er hat ein Bild mit seiner ehemals besten Freundin in Europa gepostet und darunter geschrieben, eine einstweilige Verfügung sei vonnöten. Der US-Präsident spielte damit auf eine Bemerkung vom G7-Gipfel an, als er behauptet hatte, Meloni habe ihn geradezu zu einem gemeinsamen Selfie nötigen wollen.
Trump ist sauer auf Meloni, weil diese den US-Streitkräften verboten hatte, ihre Stützpunkte in Italien für den Irankrieg zu benützen. Und er ist generell sauer auf die Nato, weil er von diesem Bündnis keine Unterstützung in diesem unseligen Unterfangen erhalten hatte.
Die Missstimmung innerhalb des transatlantischen Bündnisses könnte Putin zum Anlass nehmen, mit beschränkten Angriffen – etwa auf die baltischen Staaten – die Bündnistreue der Alliierten zu testen. William Burns, der ehemalige CIA-Direktor, erklärt deshalb: «Das Risiko einer Eskalation ist gross, und es wächst, vor allem weil Putin unter wachsenden Druck zuhause und auf dem Schlachtfeld gerät.»
Donald Tusk, der polnische Premierminister, teilt diese Befürchtungen. «Ich will niemanden in Panik versetzen», sagt er. «Aber die kommenden Monate könnten kritisch werden. Vor allem in den baltischen Staaten ist die Angst mit Händen zu greifen.»
Wie Putin mag Trump weder die EU noch die Nato. Zudem hat er nicht verkraftet, dass man ihm seinen Wunsch, Grönland zu erwerben, verwehrt hat. Der russische Präsident seinerseits könnte versucht sein, mit kleinen Nadelstichen gegen einen Nato-Staat davon abzulenken, wie schlecht seine Karten in der Ukraine mittlerweile geworden sind.
Immer und immer wieder betont Putin, er führe gar keinen Krieg gegen die Ukraine, sondern gegen den Westen. Sollten die USA ihrer im Nato-Vertrag in Artikel fünf festgehaltenen Verpflichtung, im Falle eines Angriffs auf ein Mitglied eine gemeinsame Verteidigung aller auszulösen, nicht nachkommen, dann wird es ungemütlich. Ohne amerikanischen Schutzschild ist Europa verwundbar – und so schnell wird sich dies nicht ändern.
