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Interview

Urs Lehmann im Interview über die FIS und den alten Präsidenten

ARCHIVBILD ZUM RUECKTRITT VON URS LEHMANN ALS FIS-GESCHAEFTSFUEHRER --- Urs Lehmann, CEO des Internationalen Ski- und Snowboard-Verbandes (FIS), fotografiert anlaesslich eines Interviews am Dienstag,  ...
Urs Lehmann arbeitet ad interim wieder für die FIS.Bild: keystone
Interview

Urs Lehmann spricht erstmals über die FIS-Turbulenzen: «Musste mich befreien»

Warum der charismatische Skifunktionär Urs Lehmann kurz vor der FIS-Präsidentenwahl seinen CEO-Posten aufgab, weshalb er nun mehr Verantwortung trägt als zuvor und wie er die Zukunft des Skiverbands sieht.
13.07.2026, 20:5113.07.2026, 20:51
Rainer Sommerhalder
Rainer Sommerhalder

Sechs Tage vor den Präsidentenwahlen legte Urs Lehmann im Juni überraschend sein Amt als CEO des internationalen Skiverbands nieder. Und schwieg bisher zu den Vorgängen. Jetzt steht er wieder ad interim an der operativen Spitze der FIS. Was denkt er über den neuen Präsidenten Alexander Ospelt und dessen grösste Herausforderungen? Und rechnet Lehmann jetzt mit seinem früheren Widersacher Johan Eliasch ab, mit dem er zuletzt neun Monate lang eine unerwartete Seilschaft bildete?

Sie wurden soeben zum ersten Ehrenpräsidenten von Swiss Ski ernannt. Welche Bedeutung hat eine solche Auszeichnung für Sie?
Das bedeutet mir sehr viel. Es ist etwas, das es bisher noch nie gegeben hat. Diese Ehrung widerspiegelt die Wertschätzung der gesamten Swiss-Ski-Familie gegenüber der Arbeit und meinem Beitrag, den ich in meinen 17 Jahren als Präsident leisten konnte. Auch die Übergabe in Schangnau war ein ganz spezieller Moment.

Beim internationalen Skiverband wurden Sie zuletzt zum interimistischen Generalsekretär ernannt. Wieso nur interimistisch?
Das ist eine berechtigte Frage. Es war zuletzt eine schwierige Situation in der Führung der FIS. Formell habe ja ich am 5. Juni mein Amt als CEO zur Verfügung gestellt. Wir überarbeiten in den nächsten Monaten die Statuten und entscheiden dann, wie genau es mit der operativen Führung des Verbandes und deren Begrifflichkeit weitergeht. Angesichts des noch nicht definierten Weges in Zukunft war es eine faire Vorgabe, mich vorerst einmal interimistisch zu ernennen.

ARCHIVBILD ZUM RUECKTRITT VON URS LEHMANN ALS FIS-GESCHAEFTSFUEHRER --- Urs Lehmann, CEO of the the International Ski Federation, (FIS) reacts during the men's Downhill race at the Alpine Skiing  ...
Lehmann arbeitete bei der FIS nicht mehr als CEO.Bild: keystone

Und wieso Generalsekretär und nicht wieder CEO?
Das Amt des CEO war in den FIS-Statuten im Gegensatz zum Generalsekretär bisher nicht vorgesehen. Deshalb keine Rückkehr als CEO, sondern als Generalsekretär. Einige Personen hatten sich auch daran gestört, dass es zuletzt neben dem Generalsekretär auch einen CEO gab. Für mich war das aber nie ein Problem. Nun sagte man sich, man nimmt den Begriff, der statutarisch gestützt ist.

Was ist eigentlich der Unterschied?
Verantwortung habe ich jetzt deutlich mehr als vorher, weil ich jetzt für alles im operativen Bereich verantwortlich bin. Im vergangenen Herbst hat man bewusst das Kerngeschäft bei mir angesiedelt – den Sport, die Vermarktung sowie die betriebswirtschaftlichen Themen. Beim Generalsekretär verblieb der statutarische Teil mit all den Schnittstellen zu Council und Kongress sowie Bereiche wie Nachhaltigkeit und Integrität.

Braucht die FIS denn neben dem Generalsekretär wieder einen CEO?
Nein, es braucht nicht beide Rollen. Es war bereits vor den Wahlen mit Johan Eliasch abgemacht, dass es danach nur noch eine dieser Führungspositionen gibt.

KEYPIX - Johan Eliasch, left, President of the International Ski Federation, (FIS) talks with Urs Lehmann, right CEO of the the International Ski Federation, (FIS) during the women's Downhill rac ...
Lehmann im Gespräch mit dem ehemaligen FIS-Präsidenten Johan Eliasch.Bild: keystone

Sie sind überraschend wenige Tage vor der Präsidentenwahl am FIS-Kongress als CEO zurückgetreten. Wieso dieser radikale Schritt?
Kurz und bündig: Weil ich zwischen die Fronten geraten bin.

Was heisst das?
Auf der einen Seite waren die grossen Skinationen, zu denen auch die Schweiz gehört. Sie sind zusammengestanden und haben entschieden, nicht mehr mit Johan Eliasch zusammenarbeiten zu wollen. Viele dieser Leute gehören seit Jahrzehnten zu meinen Weggefährten. Auf der anderen Seite war Johan Eliasch, mit und für den ich gearbeitet habe. Zwischen diesen Fronten geriet ich zunehmend in einen Loyalitätskonflikt, aus dem ich mich nur auf diese Weise herausnehmen konnte.

Diese Konflikte waren aber bereits ein Thema, als Sie im vergangenen Herbst zur FIS wechselten!
Bei meinem Wechsel habe ich klar gesagt, dass ich mich aus den politischen Diskussionen heraushalten, sondern dem System helfen will. Deshalb stand auch eine erneute Kandidatur als Präsident ausser Frage. Am Schluss war es dann beinahe umgekehrt. Beide Seiten forderten mich auf, sie zu unterstützen.

Wie lange ist der Schritt zum Rücktritt in Ihnen gereift?
Eine Viertelstunde.

«Ich muss niemandem etwas beweisen und brauche auch keine Schmeicheleien.»

Wer zwei Jahre zurückblickt, musste eigentlich zum Schluss kommen, dass es mit den Alphatieren Johann Eliasch und Ihnen gemeinsam nicht klappen kann?
Zum damaligen Zeitpunkt stimmte diese Aussage. Aber unsere Differenzen betrafen stets inhaltliche Fragen. Ich habe schon damals gesagt, dass Eliasch enorm smart und erfolgreich ist. Aber ich war überhaupt nicht damit einverstanden mit der Art und Weise, wie er die Themen angegangen ist.

Zum Beispiel?

Die Zentralisierung der Vermarktung. Sie wurde aus meiner Sicht falsch aufgegleist. Am Schluss dauerte dieser Prozess vier Jahre. Man hätte das in sechs Monaten bewerkstelligen können, wenn man es richtig macht.

Vor einem Jahr war dann zwischen Lehmann und Eliasch auf einmal alles harmonisch. Fast so überraschend wie der kurzfristige Abgang!
Ich muss niemandem etwas beweisen und brauche auch keine Schmeicheleien. Die neun Monate an der Seite von Johan Eliasch waren superspannend und lehrreich. Wir haben oft gelacht. Johan hat mich gefördert und gefordert. Wenn ich das so sagen darf: Ich bin durch ihn noch einmal besser geworden. Das Problem war nicht unsere Zusammenarbeit, das Problem war der Kampf um die Präsidentenwahl. Er wurde so intensiv, dass gewisse Dinge nicht mehr rational waren.

War es rückblickend nur ein brüchiger Burgfrieden?
Nein, auf keinen Fall. Wir haben bis kurz vor der Wahl hervorragend zusammengearbeitet. Das begann bereits vor meiner Ernennung zum CEO. Eliasch kam mit verschiedenen Themen auf mich zu und fragte mich, wie ich es angehen würde. Er wollte von mir auch wissen, wie es um die Finanzen steht. Wenn diese schwierige Situation rund um die Wahlen nicht gewesen wäre, würden wir wahrscheinlich heute noch zusammenarbeiten.

Sie haben Johan Eliasch als smart und clever bezeichnet. Was werfen Sie dem abgewählten Präsidenten konkret vor?
Ich mache Johan keine Vorwürfe. Man muss sich die Situation vor Augen führen, was im Vorfeld der Wahlen passiert ist. Die FIS hat einen Jahresverlust von 16 Millionen Franken ausgewiesen. Das Eigenkapital ist auf 43 Millionen geschrumpft. Ich habe das schon lange kommen sehen, energisch vor dieser Entwicklung gewarnt und gefordert, dass sich der Verband anders aufstellt. Der Vorstand inklusive Präsident wussten das. Ich habe  einen Vier-Jahres-Plan mit Massnahmen erarbeitet und vorgelegt. Die Vorgabe, die finanzielle Entwicklung zu korrigieren, steht. Allen war bewusst, dass man handeln musste. Transparent zu sein, war für mich eine Voraussetzung, mich in der FIS zu engagieren. Johan Eliasch hat diesbezüglich auch einen grossen Schritt gemacht. Man warf ihm in der Vergangenheit ja stets vor, er sei absolut nicht transparent.

Johan Eliasch, president of the FIS, pictured during a press event prior the FIS Alpine Ski World Cup season in Soelden, Austria, on Friday, October 24, 2025. The Alpine Skiing World Cup season 2025/2 ...
Eliasch war bei den grossen Verbänden nicht beliebt.Bild: keystone

Aber?
Als Eliasch gemerkt hat, dass die grossen Nationen trotz dieser an den Tag gelegten Transparenz ihre kritische Haltung ihm gegenüber nicht änderten, sondern ihn für die missliche finanzielle Lage verantwortlich machten, musste er auf die Karte der mittleren und kleinen Verbände setzen. Das gelang ihm im Übrigen hervorragend, er hat schliesslich trotz grossem Widerstand beinahe 50 Prozent der Stimmen geholt. Aber gegenüber den kleinen Nationen war das Narrativ ein anderes. Auf einmal hiess es, es stehe um die Finanzen der FIS gut. Wie in jedem Unternehmen, in dem der CEO sagt, es stehe schlecht um die Firma, und der Präsident sagt, das stimme nicht, hast du als CEO verloren. Es bleibt dir dann keine andere Wahl, als dich zurückzuziehen. Dieser Weg war aber letztlich die einzige Chance für Johann Eliasch, im Amt zu bleiben.

Hatten Sie nach der Wahl wieder Kontakt zu ihm?
Nein.

Zum neuen Präsidenten: Was wird sich unter Alexander Ospelt ändern?
Er hat betont, dass er Brücken bauen will. Er kommt als Typ gut an und hat nun den Vorteil, überall mit sehr offenen Armen empfangen zu werden. Insbesondere auch beim IOC und deren neuer Präsidentin. Der Dialog wird in Zukunft viel einfacher. Es gab auch Nationen, die sagten: Wir wollen helfen – aber nicht mit Johan Eliasch an der Spitze. Sie gehen jetzt in die Verantwortung. Ich sehe sie aber auch in der Pflicht, schliesslich ist der von ihnen geforderte Wechsel eingetroffen. Die Ausgangslage für Alexander Ospelt ist sehr gut. Er fragt lieber einmal mehr nach der Meinung als einmal zu wenig. Es wird keine Revolution geben, aber eine smarte Entwicklung von Innovationen und neuen Elementen. Das spürt man bereits jetzt, und auf das freue ich mich.

Alexander Ospelt, Praesident des internationalen Ski- und Snowboardverbands FIS, posiert fuer ein Portrait am Dienstag, 16. Juni 2026, am Haupsitz der FIS in Oberhofen am Thunersee. (KEYSTONE/Christia ...
Alexander Ospelt ist der neu gewählte FIS-Präsident.Bild: keystone

Wo liegen die wichtigsten Herausforderungen des Skisports?

Die grossen Herausforderungen sind die Weiterentwicklung im sportlichen Bereich, die Stärkung der kommerziellen Situation sowie die konsequente Umsetzung der Zentralisierung. Und auch die FIS-Familie wieder zu einigen. Wenn ich ein Skirennen von heute mit einem Rennen vor zehn Jahren vergleiche, hat sich nicht viel verändert. Klar ist es ein gutes Produkt und es funktioniert insbesondere in den Ländern im Alpenraum hervorragend. In der Schweiz vielleicht sogar so gut wie noch nie. Dennoch dürften wir ein wenig mutiger in unserem Denken sein. Wir müssen auch die neuen und jungen Sportarten wie Freeride verstehen lernen und sie entwickeln. Auch in den nordischen Skisportarten braucht es Innovationen, sonst werden sie wie soeben die Nordische Kombination im olympischen Programm von anderen verdrängt.

Wie bringt die FIS die Finanzen wieder ins Lot – immerhin spricht man von einem strukturellen Defizit von jährlich bis zu 18 Millionen Franken?

Es gibt einen Plan mit sechs bis acht Massnahmen. Wenn wir diese konsequent umsetzen, werden wir die Balance wieder erreichen. Es dauert aber mindestens drei bis vier Jahre, bis wir das schaffen können. Nun müssen alle begreifen, dass wir das tun sollten und teilweise auch ihre Partikularinteressen zur Seite schieben.

Ist das angesichts der finanziellen Lage nicht selbstverständlich?
Bei der FIS scheiterten in der Vergangenheit neue Ideen sehr oft an Partikularinteressen. Das kann man sich jetzt nicht erlauben.

Ich habe gehört, einige Länder machten ihre Unterstützung für Alexander Ospelt von der Bedingung abhängig, dass Urs Lehmann nicht wieder zur FIS zurückkehrt. Auch Sie scheinen im Skizirkus zu polarisieren?
Ich bin nicht sicher, ob das mit «polarisieren» zu tun hat. Rund um Wahlen sind dies übliche Vorgehensweisen und Taktiken. Ich darf nicht den Anspruch haben, dass mich alle mögen. Jedoch gab es auch viele Länder – und das weiss ich aus erster Hand – die Alexander Ospelt oder auch Johan Eliasch nur die Stimme geben wollten, wenn ich in der FIS-Führung verbleibe.

Ihr Mandat endet im März 2027. Werden Sie sich um den neuen Posten der operativen Führung der FIS bewerben?
Das will ich zum heutigen Zeitpunkt noch offenlassen (schweizheute.ch)

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